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Eine 115-jährige Familienbetriebstradition endet: Andreas und Simone Weller öffnen ihre Bäckerei in Wiesecks altem Ortskern an Heiligabend zum letzten Mal. FOTO: SCHEPP

Familienbetrieb schließt

Für Bäcker Weller in Wieseck ist nun Schluss

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115 Jahre Tradition gehen in Wieseck zu Ende: Die Bäckerei Weller wird das Geschäft am 24. Dezember aufgeben. Ab Januar übernimmt eine Bäckereikette den Laden.

Natürlich tut es weh. Aber die Erleichterung überwiegt." Andreas Weller blickt sich nachdenklich im Verkaufsraum der Bäckerei mitten in Wiesecks altem Ortskern um. Hier ist er aufgewachsen, hat 23 Jahre lang den Familienbetrieb zusammen mit seiner Frau Simone Weller in vierter Generation geführt. Nun gibt der 60-Jährige die Selbstständigkeit auf - wie so viele Kollegen, obwohl der Umsatz im Bäckerhandwerk sogar wächst.

115 Jahre Tradition gehen am 24. Dezember zu Ende. 1904 hat Georg Weller die Bäckerei gegründet. "Mit einem lachenden und einem weinenden Auge" nimmt sein Urenkel Abschied von den Kunden. Bei denen ist die Stimmungslage weniger zwiegespalten - sie sind "geschockt", erzählt Simone Weller. "Manche müssen sich erstmal hinsetzen." Einige bestellen 20 Brote extra, um sie für die kommenden Monate einzufrieren. Andere beknien Andreas Weller: "Den Schmandkuchen kannst du für mich doch privat backen...?"

Die herzhafte Spezialität wird besonders häufig gelobt in Internet-Bewertungsforen, etwa: "Der Schmandkuchen ist ein Traum. Hoffentlich bleibt er uns noch lange erhalten." Weitere Kundenstimmen: "Einer der letzten echten Bäcker." "Die Verkäufer sind sehr nett und das Angebot ist abwechslungsreich." "Komme immer wieder gerne. Meine Empfehlung: das Frankenbrot, der Butterlochkuchen und natürlich die hausgemachten Löffelbiskuits."

Das sind nicht nur Lippenbekenntnisse. Während des einstündigen GAZ-Gesprächs klingelt ständig die Ladenglocke. Es mangle keineswegs am Zuspruch der Kunden, sagt Andreas Weller. "Aber es ist einfach zu viel Arbeit geworden. Ich war im Sommer eine Woche mit meiner Harley in der Schweiz und bin seitdem nicht mal dazu gekommen, das Motorrad zu putzen." Mehrere Faktoren wirken zusammen. Ganz wichtig: Der Personalmangel. Mit nur noch zwei Mitarbeitern bewältigt der Chef die Handarbeit in der Backstube, und das bei einem ungewöhnlich breiten Sortiment und Öffnungszeiten von Montag bis Sonntag.

Dann der ständig steigende Verwaltungsaufwand: "Ich sitze jeden Tag vier bis fünf Stunden im Büro. Das Backen macht mir immer noch Spaß. Ich probiere gern Neues aus. Aber das Drumherum ermüdet einen." Ein gewandeltes Anspruchsdenken kommt hinzu, ergänzt Simone Weller. Viele Kunden erwarteten volle Regale und riesige Auswahl bis zum Abend.

Die beiden erwachsenen Töchter helfen zwar mit, haben sich aber beruflich anders orientiert; die Eltern können es ihnen nicht verdenken. "Früher gab es allein in Wieseck sieben selbstständige Bäckereien", jetzt wird in ganz Gießen nur noch an drei Stellen handwerklich gebacken: Bei Braun, Bender und Lambertz.

Der bundesweite Konzentrationsprozess sei auch im heimischen Raum zu beobachten, bestätigt Walter Kwartnik, Obermeister der Bäckerinnung Gießen. "Kleine Betriebe können nicht mehr existieren", weiß der Rabenauer. Am Markt behaupteten sich Kollegen, die expandieren. Auch in deren Zweigstellen würden Brötchen-"Rohlinge" aufgebacken, "aber aus handwerklicher Produktion", betont Kwartnik. Die Qualität dieser Familienbetriebe sei mit der an Supermarkttheken oder in Billigketten nicht zu vergleichen.

Mit Bedacht haben die Wellers Heiligabend als letzten Öffnungstag gewählt. Da ist die Stimmung sowieso ein wenig rührselig, etwaige Abschiedstränen fallen gar nicht so auf. Am 2. Januar eröffnet der Laden mit dem vertrauten Personal als Filiale des Langgönser Unternehmens Steinmüller neu. Andreas Weller - Bäckermeister, Konditor, Betriebswirt des Handwerks - wechselt dorthin als Produktionsleiter. Auch seine 54-jährige Frau - gelernte Industriekauffrau und Wirtschaftskorrespondentin - wird sich wieder Arbeit suchen.

Beide freuen sich auf eine Fünf-Tage-Woche. Einem anderen Aspekt des Angestelltenlebens blicken sie eher ungläubig entgegen. "Fünf Wochen Urlaub im Jahr. Wir wissen gar nicht, was wir mit so viel Zeit machen sollen."

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