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Baden in der Lahn

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Mittelhessen ist nicht gerade eine Seenlandschaft. Wenn es heiß wird im Sommer, sind die natürlichen Badegewässer schnell überfüllt. Dann kann ein Bad in der Lahn zur Verlockung werden. Die Behörden raten davon ab, aber verboten ist das Schwimmen im Fluss nicht. Ein Redakteur der GAZ hat’s ausprobiert – und ist begeistert.

Brust oder Kraul? Diese Frage habe ich für mich vorher klar beantwortet. Ich werde beim Hausfrauenstil bleiben. Der Kopf bleibt über Wasser. Das hat auch und vor allem mit meinem ersten Selbstversuch zu tun, den ich vor 17 Jahren unternommen hatte. Es war eine ziemlich eklige Erfahrung.

Redaktionsfotograf Oliver Schepp und ich haben uns am vergangenen Dienstag um die Mittagszeit am Anleger eines Gießener Wassersportvereins verabredet. Der Name wird nicht verraten, denn es ist ein Bootsanleger und keine Badeplattform. Betreten ist für uns eigentlich verboten. Die Bootshalle steht offen. Zwei ältere Männer sind da. Wolfram Zinnkann heißt die gute Seele des Vereins; ein Kümmerer, der uns erlaubt, vom Anleger aus den Selbstversuch zu starten. »Ich hole Ihnen einen Leiter zum Einsteigen«, ruft er und verschwindet in der Halle. Das fängt ja schon mal ganz gut an.

Im Sommer 1999 fing es nämlich nicht gut an. Durch Schlick und brühwarmes Wasser watete ich ein paar Meter, ehe ich ins Nass glitt. Selbst zehn Meter draußen schrammte das Knie beim Beinschlag noch den Grund. Da kann man schnell auch mal blutige Bekanntschaft mit dem rostigen Schutzblech eines im Fluss entsorgten Fahrrads machen. Oder in die zersplitterten Hinterlassenschaften einer Uferparty treten.

Aber diese Sorge muss ich mir diesmal nicht machen. Zinnkann stellt die etwa drei Meter lange Leiter in die Lahn; nur zwei Sprossen gucken noch raus. »Das ist mindestens 2.30 Meter tief«, schätzt mein Kollege. Ich steige ein und erlebe die nächste positive Überraschung: Das Wasser ist die pure Erfrischung – 20 bis 22 Grad, eine Wohltat in der Mittagshitze. Ich stoße mich ab und gleite Richtung Flussmitte.

Um das Baden in der Lahn, das einst bekanntlich den Männer-Badeverein hervorbrachte, ranken sich zahlreiche Geschichten und Anekdoten. Da gab es den legendären »Salmonellen-Charly«, der jeden Tag im Fluss baden ging. Das ist einige Jahre und Klärwerk-Ausbaustufen her. Früher hat die Stadt per Pressemitteilung auch jeden Sommer davor gewarnt, in der Lahn zu schwimmen. Auf Anfrage tut sie das noch immer. Die habe ich aber erst hinterher gestellt.

Und das war gut so, denn der dienstliche Termin geht mit jedem Schwimmzug in ein Freizeitvergnügen über. Ich schaue an meinem Körper hinunter und kann auch meine Füße noch sehen. In einigen heimischen Badeseen sind die Aussichten trüber. Auch das Handtuch, mit dem ich mich später abtrocknen werde, bleibt – im Gegensatz zu 1999 – blütenweiß. Flussaufwärts nähert sich ein Kanu. »Wie ist es da drin«, fragt die Paddlerin. »Herrlich« rufe ich zurück. »Wir haben auch schon darüber nachgedacht«, höre ich noch, dann ist das Boot vorbeigezogen.

Die Auskünfte der Behörden, was das Baden in der Lahn und generell in Flüssen betrifft, sind einheitlich – negativ. Schiffsverkehr, Untiefen, Strömungen, Verkeimung: Überall lauern Risiken. »Die durch Hessen fließenden Bundeswasserstraßen sind gewiss keine Badegewässer«, warnt das Landesamt für Umwelt und Geologie. Die Lahn einschließlich ihrer Nebenflüsse und Bäche diene im dichtbesiedelten Mittelhessen als Vorfluter, in den gereinigte Abwässer aus Kläranlagen und Industrie eingeleitet würden. Diese Abwässer enthielten trotz moderner Reinigungsverfahren Bakterien und Viren in großer Zahl. »Die Flüsse sind zwar sehr viel sauberer als früher, aber nicht keimfrei«, erklärt das Landesamt. Und die Stadt weist darauf hin, dass regelmäßig nur die Wasserqualität der Badegewässer untersucht wird, wozu die Lahn nicht zählt. Es würde im Falle von Flüssen auch wenig Sinn machen, da deren Wasser im Wortsinn im Fluss sei und sich ständig verändert, was die Einträge betrifft. Konsequenterweise müsste man dann auch die Zuflüsse wie Wieseck und Kropbach untersuchen.

Da meine etwa zehnminütige Stichprobe auch die Nachwirkungen einbezieht, gehe ich vom Hausfrauenstil ins Kraulen über, den Kopf unter Wasser und nehme ein Schlückchen. Nichts passiert – auch Stunden später nicht. Vor 17 Jahren juckte die Haut nachmittags im Büro plötzlich. Auch das bleibt erwartungsgemäß aus, weil mich der nette Herr Zinnkann im Bootshaus duschen lässt. »Das machen die Ruderer auch immer, wenn sie im Fluss waren«, erzählt er.

Zum Abschluss habe ich für die Fotos sogar noch zwei Hechtsprünge gewagt. Die kamen aber fünf Tage zu spät. Am 14. Juli sprangen Menschen europaweit beim »Big Jump« in Flüsse, um für deren Reinigung zu demonstrieren. Das habe ich nun an der Lahn nachgeholt – und nicht bereut.

(moe/Fotos: Schepp)

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