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Die Bar, in der im November sieben Männer schwer misshandelt worden sind.

Rocker vor Gericht

Einblicke in ein autoritäres Milieu

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Der Prozess am Landgericht Gießen um die Gewaltexzesse in einer Weststadtbar steht vor dem Ende. Die Plädyers der Anwälte drehten sich vor allem um das "Milieu" mit dessen eigenen Gesetzen.

Das war es also. Als mit Christiane Bender die letzte Verteidigerin ihr Plädoyer gehalten hatte, schloss Richter Jost Holtzmann am Dienstagvormittag die Beweisaufnahme im Prozess um die Gewaltexzesse in einer Weststadtbar im November so, wie er ihn ein halbes Jahr geführt hatte: geschäftsmäßig. Er war der ruhende Pol in einem Verfahren, das es mit solchen Sicherheitsvorkehrungen in Gießen wohl nicht so oft gegeben hat: Zeugenschutz, Sondereinsatzkommandos, die maskiert und mit Waffen den Gerichtssaal betreten, Spürhundeeinsatz. Die Staatsmacht hatte richtig aufgefahren. Das machte selbst Eindruck auf Mitglieder des Milieus, in dem Polizei und Justiz abgelehnt werden und eigene Gesetze gelten.

Dieses Milieu sei es gewesen, das die Gewalttaten im November in der Bar an der Rodheimer Straße ermöglicht hätte, sagten mehrere Anwälte: "Oben" in der Hierarchie der Gruppe, betonte Ismail Cetin, habe der Hauptangeklagte gestanden. Unten alle anderen. Der 35 Jahre alte Biebertaler habe eine "unantastbare Machtposition" innegehabt, die anderen seien ihrem "großen Bruder" mit Angst und falschem Respekt begegnet, hätten getan, was er gefordert habe.

Enthemmte Gewalt

Und so kam es dann auch: Am ersten Tattag vom 6. auf den 7. November waren drei Männer in der Weststadtbar mit Schlägen, Tritten und Bambusstäben schwer misshandelt worden. Einem schoss der 35 Jahre alte Hauptangeklagte mit einer Pistole ins Bein. Laut Staatsanwalt Rouven Spieler hätten die Rücken der Opfer nichts Menschliches mehr gehabt, sondern nach einer gemischten Hackplatte ausgesehen. Diese enthemmte Gewalt wiederholte sich in der Nacht auf den 17. November. Vier Männer, darunter ein Täter vom ersten Abend, mussten sich ausziehen, wurden gefesselt und mit Bambus-stäben, Fäusten, Tritten und einem Hammer verprügelt. All das, weil der Hauptangeklagte vermutete, jemand wolle ihn ermorden.

Verteidiger Ramazan Schmidt verwies auf die Lebensumstände seines 29 Jahre alten Mandanten: Er habe sich in einer "persönlich desolaten Lage befunden", arbeitslos und auf der Straße. Weil ihm der Hauptangeklagte in der Bar habe schlafen und arbeiten lassen, sei er in dessen Welt hineingezogen worden. Er forderte für seinen Mandanten eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten; die Staatsanwaltschaft hatte auf drei Jahre und sieben Monate plädiert.

Rechtsanwalt Dieter Kaufmann betonte, sein Mandant sei zufällig in der Bar gewesen, als die Gewalt explosionsartig ausbrach. "Er war völlig überrascht", sagte Kaufmann über den 35 Jahre alten Mazedonier. "Was hätte er denn machen sollen, wenn eine Pistole im Spiel ist?" Jeder im Raum hätte an den zwei Tagen Opfer werden können. "Er ist völlig unbelastet. Und er war der erste, der hier die Karten auf den Tisch gelegt hat". Er plädierte auf Freispruch, während Spieler für die Staatsanwaltschaft zwei Jahre und drei Monate Haft gefordert hatte. Ähnlich argumentierte auch Cetin, der für seinen Mandanten ein Jahr auf Bewährung forderte - auch wenn sein Mandant kein Geständnis abgelegt habe. Spieler hatte ein Jahr und neun Monate Haft gefordert.

Thomas Scherzberg kritisierte den Umgang der Polizei mit seinem Mandanten. Das SEK habe dessen Tür gesprengt, den Hund erschossen und den Mann festgenommen. Der 29-Jährige habe über sechs Monate in Untersuchungshaft verbracht "Eine U-Haft, die nie hätte verhängt werden dürfen". Dabei habe sein Mandant versucht, Schlimmeres zu verhindern. "Er hat zum Hauptangeklagten gehalten, aber nicht dessen Einschätzung geteilt, es gebe ein Mordkomplott." Deswegen müsse sein Mandant auch nach dem Prozess auf freiem Fuß bleiben.

Die Anwältin des Hauptangeklagten, Christiane Bender, verwies darauf, dass die Taten ihres Mandanten hauptsächlich mit dessen immensen Kokainkonsum zusammenhängen. Er sei deshalb ein anderer Mensch geworden. Sie zitierte den psychologischen Sachverständigen, der eine verminderte Schuldfähigkeit wegen einer drogeninduzierten Psychose für wahrscheinlich hält. Deshalb forderte sie, ihren Mandanten sofort in einer Entzugseinrichtung unterzubringen. Die Staatsanwaltschaft wollte dies erst ermöglichen, wenn er einen Teil der geforderten Haftstrafe von neun Jahren verbüßt hat. Bender verschwieg nicht, dass die Gewalttaten nicht geschehen wären, "wäre er nicht gewesen". Jedoch sei es zu einfach, ihren Mandanten als alleinigen Übeltäter hinzustellen. "Zu sagen, man hätte keine Wahl gehabt, wird dem nicht gerecht", sagte sie in Richtung der anderen Angeklagten. "Sie haben sich wohlgefühlt in der Rolle, ihn zu unterstützen und Teil einer Gruppe zu sein."

Das Urteil wird am Freitag erwartet.

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