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Autorinnen der Weimarer Republik

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Von: Karola Schepp

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VanNelsen_050522_4c © Heiner Schultz

In der Weimarer Republik eroberten sich Frauen vor allem in der Großstadt Berlin neue Freiheiten - auch als Schriftstellerinnen, Journalistinnen und Sängerinnen. An einige von ihnen erinnert Jo van Nelsen in seiner Grammophonlesung »Bubikopf und Bleistift«, mit der er auf Einladung des Literarischen Zentrums im Alten Schloss zu erleben war.

Im Jahr 1918 erhielten die Frauen in Deutschland erstmals das Wahlrecht. Viele von ihnen verdienten nun nach dem Ende des Ersten Weltkriegs eigenes Geld - nicht nur als Tippfräulein im großen Heer der Angestellten, sondern auch als Autorinnen, Journalistinnen oder Künstlerinnen. Autorinnen wie Mascha Kaléko, Vicki Baum oder Irmgard Keun sowie die Kabarettistin Claire Waldoff oder Schauspielerin Marlene Dietrich kennt und schätzt man noch heute. Doch viele der anderen talentierten Frauen von damals sind wieder in Vergessenheit geraten. Einige mussten als Jüdinnen emigrieren oder wurden von den Nazis getötet oder mit Berufsverboten belegt. Ihnen allen widmet der Chansonnier und Schauspieler Jo van Nelsen seine Grammophonlesung »Bubikopf und Bleistift«, mit der er nun auf Einladung des Literarischen Zentrums im Alten Schloss zu Gast war - als Teil des Lesefestes »Frankfurt liest ein Buch«, und Gießen las mal wieder mit Freude mit.

»Runter mit dem Zopf und mach mir rasch den Bubikopf«, sagten in den 1920er Jahren zahlreiche Frauen vor allem in Berlin zum Friseur und verwandelten sich in elegante, durchaus emanzipierte Frauen. 1928 gab es rund 3700 Zeitungen und Magazinen in der Republik - und für viele schrieben Frauen. So wie die Gerichtsreporterin Gabriele Teregit, eine typische Vertreterin der »neuen Frau«, die in ihren Skizzen aus dem Gerichtssaal die damalige Lebenswirklichkeit zwischen heiklen Untermietverhältnissen und weiblicher Geschäftstüchtigkeit trefflich beschrieb. Dass sich viele junge Frauen wie »Rena« durch Prostitution ihren Lebensunterhalt verdienen mussten, ein Revue-Girl mit einer Abendgage von 3,50 Mark kaum seine Zimmermiete von mehr als 30 Mark finanzieren konnte und ungewollt schwangere Fräuleins Hilfe bei dubiosen Engelmacherinnen suchten, gehörte eben auch zur Lebensrealität vieler Frauen dieser Zeit im Großstadtdschungel Berlins.

Andere machten als Musikerin Karriere, etwa die Geigerin und »Walzerkönigin« Edith Lorand, die ein 15-köpfiges Männerorchester dirigierte und mehr als 1000 Schellackplatten aufnahm. Oder Operettensängerin Fritzi Massary, deren Hit »Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben« auch heute noch keck klingt. Oder Greta Keller, die 1935 ganz im Stil der Neuen Sachlichkeit mit »Ausgerechnet du« ihren Spott über die Männerwelt formulierte. Jo van Nelsen ließ ihre Stimmen noch einmal auf seinem Original Electrola-Grammophon aus dem Jahr 1929 erklingen - eine wunderbare Ergänzung zu den zahlreich und kunstvoll von ihm vorgetragenen Gedichten, Romanen und pointierten Gesellschaftsbetrachtungen der Autorinnen.

Eindruck machte auch eine Aufnahme von Claire Walldoff, die sich nicht nur als Kaberettistin in die Herzen der Berliner spielte - und dadurch vor den Nationalsozialisten relativ geschützt war -, sondern auch mit Schlips und Riesenautomobil ganz offen ihre lesbische Liebe lebte. »Haben wir det nötig« lautete der Titel ihrer gesungenen Absage an die Männerwelt, die aus dem Grammophon erklang.

Polly Tieck, die die neue »Berlinerin« beschrieb; Irmgard Keun, die in »Gilgi, eine von uns« die Aufbruchstimmung junger Frauen von damals in Worte fasste; oder Maria Leitner, die undercover als Journalistin aus New York berichtete - sie alle waren Frauen auf der Überholspur. »Ich habe das Gefühl, sie haben drei Leben in eines gepresst«, schwärmt Jo van Nelsen von ihnen und präsentiert mit Hermynia zur Mühlen (alias Ilse Ehrentraut) und ihrem ironischen Text »Bernice McFadden macht Karriere« (weil sie in ihrer Gesellschaftskolumne geschickt unverfängliche Worte für das Kleid der Verlegersgattin findet) eine seiner Lieblingsentdeckungen.

Nur wenigen der Frauen war es vergönnt, Weltkarriere zu machen, so wie Marlene Dietrich, von der Nelsen »Allein in einer großen Stadt« auflegt, oder Vicki Baum, deren Roman »Menschen im Hotel« noch immer beliebte Lektüre ist. Dass der rund 700 Seiten starke Roman von Baum mühsam Buchstabe für Buchstabe auf einer Zeigerschreibmaschine verfasst wurde, gehört zu den zahlreichen neuen Erkenntnissen des Publikums an diesem rundum gelungenen Abend mit fast ausschließlich Zuhörerinnen im gut gefüllten Netanya-Saal.

FOTO: KDW

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