Sara Lukic (l.) und Nino Tsikarishvili sind trotz der Corona-Pandemie nach Gießen gekommen. Vom normalen Uni-Leben bekämen sie wegen der Pandemie allerdings kaum etwas mit, sagen die beiden. FOTO: CSK
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Sara Lukic (l.) und Nino Tsikarishvili sind trotz der Corona-Pandemie nach Gießen gekommen. Vom normalen Uni-Leben bekämen sie wegen der Pandemie allerdings kaum etwas mit, sagen die beiden. FOTO: CSK

Ausland mit Abstand

  • vonChristian Schneebeck
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Wie ist es eigentlich, mitten in der Corona- Pandemie von weither nach Gießen zu kommen? Sehr schwierig, sagen zwei Austauschstudentinnen. Sie vermissen das Campusleben und erfahren wenig über das Studium an einer deutschen Universität. Dennoch sind sie froh, das Semester in Deutschland angetreten zu haben.

Was auch immer die kommenden Monate bringen: Die Kürbissuppe bleibt unvergesslich. Sie steht nämlich für ein echtes Highlight. Nino Tsikarishvili schwärmt regelrecht von jenem Kochabend, bei dem sie kürzlich gemeinsam mit Kommilitonen ein vorgegebenes Rezept ausprobierte. Spaß hatten alle zusammen, kochen und abschmecken musste allerdings jeder für sich. Denn wegen der Corona-Pandemie fand die Aktion online statt - vor der Webcam. Irgendwie versinnbildlicht sie die bisherige Zeit der 24-jährigen Georgierin an der Justus-Liebig-Universität. Abstand, Vorsicht und digitale Lehre statt Kontakte, Party und Campusleben: "Das ist natürlich bitter", sagt Tsikarishvili.

39 Austausch- studierende beginnen an der JLU

Anfang Oktober startete sie von Tiflis aus in Richtung Berlin. Eine Flugverbindung nach Frankfurt gab es nicht mehr, die in die deutsche Hauptstadt kostete satte 1000 Euro. "Ich dachte eigentlich, die Situation würde besser", räumt die Studentin der Sozialen Arbeit ein. Vor der Abreise habe sie zwar intensiv überlegt, das Auslandssemester sausen zu lassen, sich dann jedoch dagegen entschieden. "Anstrengend ist es ja gerade überall", erklärt sie.

Nun gehört Tsikarishvili zu den 39 Austauschstudierenden, die in diesem Wintersemester an der JLU zu studieren beginnen. Im Sommerhalbjahr waren laut Uni-Sprecherin Lisa Dittrich 38 junge Menschen aus dem Ausland immatrikuliert, 85 verzichteten indes wegen der Pandemie, der vielfältigen Reisebeschränkungen und anderer Unwägbarkeiten kurzfristig auf einen fest geplanten Aufenthalt - oder sie gingen gleich wieder zurück in die Heimat.

Im März, nur wenige Tage vor dem Lockdown, traf Sara Lukic in Gießen ein. Als sie Belgrad verließ, sei die gesundheitliche Lage dort noch relativ entspannt gewesen, erzählt die 22-Jährige. Ein paar Wochen später hatte das Virus auch Serbien fest im Griff. Über Ostern in die Heimat zu fahren, war unmöglich. Weil außerdem der Deutsch-Intensivkurs abgesagt wurde, blieb wochenlang kaum mehr als ein Spaziergang mit Leidensgenossen oder der Kontakt zu Nachbarn im Wohnheim. Unterdessen wuchsen die Sorgen. "Auf einmal geht die Welt unter und du bist in einem anderen Land", beschreibt die Politikstudentin ihre Gefühle.

Genau drei Vorlesungen hat sie bis heute vor Ort gehört. Alles andere lief über das Internet. Inzwischen büffeln Lukic und Tsikarishvili aber zumindest regelmäßig Deutsch im Hochschulsommerkurs am Philosophikum. Auch dort gilt ein striktes Abstandsgebot - und der Erasmus-Alltag bleibt ohnehin eher monoton: "Von zu Hause zur Uni und zurück." Trotzdem seien sie dankbar für jede kleine Verbesserung, betonen die Studentinnen. Etwa dafür, dass es überhaupt Kurse gibt, für den umso intensiveren Kontakt zu den wenigen Kommilitonen und das Engagement der Sprachlehrkräfte. "Sie machen sich extrem viel Mühe", unterstreicht Tsikarishvili. Im Unterricht ebenso wie beim Online-Kochabend.

Erasmus-Alltag 2020: Von zu Hause zur Uni und zurück

Um internationalen Studierenden eine Alternative zum Erlebnis vor Ort anzubieten, hat die JLU derweil ein virtuelles Austauschprogramm - das Virtual International Programme - konzipiert. Rund 470 Studierende von 53 Partnerhochschulen aus 32 Ländern nehmen im Winter daran teil. 570 hatten sich beworben und wollten Gießener Vorlesungen und Seminare irgendwo auf der Welt am Bildschirm absolvieren. Auf diese Weise, sagt JLU-Sprecherin Dittrich, eröffne die Pandemie für den internationalen Austausch "auch neue Chancen".

Sara Lukic und Nino Tsikarishvili erwarten nun ein weiteres Semester, das hauptsächlich digital abläuft. Das sei zwar schade, finden sie, zumal man auf diese Weise fast nichts über das normale Leben an einer deutschen Universität und in einer deutschen Studentenstadt erfahre. Aber man müsse das Beste aus der Situation machen. Und das nächste Highlight kommt bestimmt. Notfalls wieder vor der Webcam.

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