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Das ausgestopfte Tierreich

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Früher gehörten ausgestopfte Tiere zum Inventar von vielen Schulen. Heute sind die Präparate aus den Fluren nahezu vollständig verschwunden. Auch aus Sicherheitsgründen drohte den Exponaten die Vernichtung. Doch die Tiere haben ein neues Habitat gefunden: Die Justus-Liebig-Universität.

Der Gänsegeier sieht aus, als wolle er gleich zu einem Rundflug abheben. Doch das wird nicht passieren. Es ist schon viele Jahrzehnte her, dass der Vogel seine majestätischen Flügel ausgebreitet hat. "Wir haben ihn unter einer Treppe in der Liebigschule entdeckt, seit Jahrzehnten verpackt unter Folie", erzählt Prof. Hans-Peter Ziemek vom Institut für Biologiedidaktik der JLU. "Ich selbst habe an der Lio 1980 Abitur gemacht und kenne das Präparat nicht. Es muss also mindestens 40 Jahren dort gestanden haben."

Präparate dienen der DNA-Analyse

Ausgestopfte Tiere gehörten früher in vielen Schulen zum Lernmaterial. Für die Schüler waren es besondere Momente, wenn die Präparate in den Klassenraum gebracht wurden. Doch so hilfreich sie für die Vermittlung von Artenkenntnissen auch waren, so bedenklich waren sie in Sachen Sicherheit. "Früher wurden diese Präparate mit giftigen Lösungen behandelt, um den Schaden durch Insektenfraß zu verhindern. Daher dürfen sie heutzutage in Schulen nur noch unter besonderen Vorsichtsmaßnahmen eingesetzt werden", erklärt Ziemek. Als dann noch der Brandschutz die Schränke mit den Präparaten in den Schulfluren kritisierte, standen die Objekte kurz vor der Vernichtung.

Doch dazu kam es nicht. "Wir haben seit 2018 über 400 Präparate aus Schulen der Region übernommen. Besonders umfangreiche Sammlungen stellten die Liebigschule und die Herderschule zur Verfügung", sagt Ziemek. Somit wuchs die Sammlung weiter an, denn schon 2014 hatte die Hermann-Hoffmann-Akademie eine Zustiftung von etwa 350 Vogelpräparaten aus der Sammlung von Dr. Reinhard Goy erhalten. Der Veterinärmediziner hatte vor über 60 Jahren in Gießen studiert und freute sich, seiner alten Uni einen Teil seiner Präparate überlassen zu können. Die Exemplare wurden in die Sammlungen des Fachbereichs Biologie/Chemie integriert. Um die Bestimmung und Dokumentation haben sich Studenten gekümmert. Mit der Hilfe eines speziellen explosionsgesicherten Staubsaugers, den der Förderverein der Akademie finanzierte, können auch die auf den Präparaten vorkommenden Arsenverbindungen aufgenommen werden.

Zum Gänsegeier, dem größten Objekt der Sammlung, gesellen sich also noch viele weitere Tiere. "Wir besitzen nun auch eine umfangreiche Säugetier- und Insektensammlung. Dazu kommen Schnecken- und Muschelgehäuse", erzählt Ziemek. Große Besonderheiten der Sammlungen seien zudem ein Pangolin und ein Flughund. "Beides Arten, die in Zusammenhang mit dem Coronavirus und dessen Übergang von Tier zum Mensch eine Rolle spielen könnten", sagt der Professor und fügt hinzu: "Wir konnten diese unersetzlichen Präparate sichern, um sie jetzt zur Wissensvermittlung einzusetzen."

Sie dienen den Studenten aber nicht nur zu Bestimmungsübungen. Sie werden auch bei der Gestaltung von Dioramen eingesetzt, also Lebensraumausschnitten. Mit deren Hilfe sollen fachübergreifend ökologische und künstlerische Aspekte in Eigenarbeit vermittelt werden. Man merkt Ziemek an, wie begeistert er von den ausgestopften Tieren ist. "Das sind unschätzbare Objekte, die nicht ersetzbar wären." Zudem seien sie echte Zeitzeugen, da mit Hilfe einer DNA-Analyse in den Federn Aussagen über Herkunft und Alter der Objekte möglich seien.

Neben Wissenschaftlern und Studenten sollen in Zukunft auch die Schülerinnen und Schüler wieder mit Gänsegeier und Co. lernen können. Nach der Aufarbeitung plant die Uni, die Tiere Schulen zur Verfügung zu stellen.

Und auch die Gießener Bevölkerung soll die Präparate zu Gesicht bekommen. Laut Ziemek ist geplant, dass die schönsten Objekte nach Überwindung der Corona-Krise nicht nur in der Hermann-Hoffmann-Akademie ausgestellt werden, sondern auch in Schaufenstern ausgewählter Gießener Geschäfte. Gut möglich also, dass sich bald ein Geier zu den Drei Schwätzern gesellt.

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