Ausgeplündert und verwaltet

  • vonDagmar Klein
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Zu dieser Buchvorstellung waren in die Unibibliothek viele gekommen, die bereits vor 15 Jahren die dazugehörige Wanderausstellung gesehen hatten. "Legalisierter Raub. Die Ausplünderung der Juden durch den Fiskus" – dieser Aspekt war 2002/04 in seiner Radikalität neu. Möglich geworden war die Aufarbeitung durch Karl Starzacher, damals hessischer Finanzminister, der seine Kollegen in den anderen Bundesländern zu dem Beschluss brachte, Akten der Finanzämter, die aus der Zeit des Nationalsozialismus stammten, für die Forschung zugänglich zu machen.

Zu dieser Buchvorstellung waren in die Unibibliothek viele gekommen, die bereits vor 15 Jahren die dazugehörige Wanderausstellung gesehen hatten. "Legalisierter Raub. Die Ausplünderung der Juden durch den Fiskus" – dieser Aspekt war 2002/04 in seiner Radikalität neu. Möglich geworden war die Aufarbeitung durch Karl Starzacher, damals hessischer Finanzminister, der seine Kollegen in den anderen Bundesländern zu dem Beschluss brachte, Akten der Finanzämter, die aus der Zeit des Nationalsozialismus stammten, für die Forschung zugänglich zu machen.

Kaum jemand erwartete die Fülle an Informationen, die sich darüber erschloss. Der hessische Rundfunk und das Fritz-Bauer-Institut (FBI) in Frankfurt griffen das Thema auf, machten eine Wanderausstellung daraus, die durch 30 Orte in Hessen tourte. Von Anfang an dabei war HR-Mitarbeiterin Bettina Leder, die diese damals ungewöhnliche Kombination aus Recherche in Akten, Sammeln von Erinnerungen vor Ort und begleitenden pädagogische Projekte vorantrieb.

Nach 16 Jahren war die Ausstellung im vergangenen Jahr zum letzten Mal in Frankfurt zu sehen. Für die Beteiligten war klar, dass die vielen Einzelgeschichten nicht einfach verloren gehen dürfen, die Geschichten müssten erzählt und publiziert werden. Und zwar "in Buchform, nicht in einem Internetforum, das sowieso bald überholt ist und niemand mehr anschaut", so die Einschätzung.

Das Buch liegt nun druckfrisch vor, Gießen war die zweite Station des Autorenteams, um es zu präsentieren. Alle sind erfahren im Erzählen und Erklären vor Publikum, sodass die zwei Stunden im Flug vorbeigingen. Den Abend moderierte Gottfried Kößler (FBI). Das Ausstellungsduo Bettina Leder (HR) und Katharina Stengel (FBI) hatte sich mit Christoph Schneider eine dritte Person dazugeholt, die sie beim Schreiben so vieler Biografien unterstützen sollte. Dieser war bei den Recherchen nicht dabei, musste sich also auf das ihm vorgelegte Material stützen. Seine Geschichten sind daher etwas anders strukturiert, eher unter literarischen Aspekten aufgebaut. Das Sprechen dieser vier Akteure waren begleitet von vorgelesenen Lebensgeschichten. Eine Aufgabe, die der erfahrene Schauspieler und Sprecher Helge Heynold (HR) übernahm. Er hat jede Ausstellungsstation mit seiner weichen Stimme und ruhigen Vortragsart begleitet.

Die Ausstellung begann mit 15 Lebensgeschichten von unbekannten Juden oder jüdischen Familien. An jedem Standort wurde vorab in der Presse dazu aufgerufen, Geschichten und/oder Objekte beizutragen. Denn immer wieder stellte sich die Frage, wie viel wusste die Nachbarschaft, was ist wie tradiert worden, welche Objektspuren gibt es noch. Und überall machte das Team die Erfahrung, dass ein Prozess des Nachdenkens in Gang kam, die Menschen realisierten allmählich, wie viel von ihren familiären oder beruflichen Vorfahren verschleiert bis verfälscht worden war. So sind insgesamt 140 Lebensgeschichten zusammengetragen worden, von denen 80 in dem Buch versammelt sind.

In Gießen gab es die besondere Situation, dass im Keller des Finanzamtes ein Stapel offensichtlich privater Fotografien von enteigneten Juden gefunden wurden. Es ließen sich nur zwei Personen identifizieren, das ist offenbar bis heute so geblieben.

Den Namenlosen ihre Geschichte zurückgeben, unter diesem Titel hätte die Veranstaltung auch stehen können. Nur die wenigsten haben Ego-Dokumente hinterlassen, also Interviews, Tagebücher oder Autobiografien. Es sind Geschichten von Armen und Reichen, Jungen und Alten, von Studenten, Bauern, Kaufleuten, Intellektuellen und Arbeitern; von Menschen, die sehr unterschiedlich dachten, glaubten und lebten. Und doch erhielten ihre Lebensgeschichten einen fast gleichbleibenden Ablauf durch die Erlasse des NS-Staates. Diese Menschen wurden sozial isoliert, entrechtet, beraubt, in den Suizid getrieben und getötet. Welche Rolle die Finanzbürokratie dabei spielte, als gut geölte Maschinerie mit einer konservativen Beamtenschaft, davon war auch zu hören. Die Forscherinnen fanden nur eine einzige Ausnahme, einen Finanzbeamten, der bei Entschädigungsverfahren für die Antragsteller aussagte und ihnen damit half. Die meisten gaben vor, sich nicht zur erinnern.

Die Geschichten sind gut verständlich geschrieben und summarisch mit Quellenangaben versehen, so dass ein Weiterforschen möglich ist. Geordnet wurde nach Nord-, Mittel- und Südhessen, dann alphabetisch nach Familiennamen. Aus Gießener Sicht hätte man sich natürlich mehr als nur eine Lebensgeschichte (Familie Aaron) gewünscht.

"Ausgeplündert und verwaltet. Geschichten vom legalisierten Raub an Juden in Hessen". Bettina Leder, Christoph Schneider, Katharina Stengel, Verlag Hentrich & Hentrich, 454 Seiten, zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotos, kartonierter Einband, 29,90 Euro, ISBN 978-3-95565-261-6.

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