Seltersweg im Dunkeln.
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Der Gießener Seltersweg ist derzeit wegen der Ausganssperre Abends verwaist.

Corona-Pandemie

Gießen: Ausgangssperre - Unterwegs in einer Geisterstadt

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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  • Burkhard Möller
    Burkhard Möller
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Seit Sonntag gilt in Gießen eine Ausgangssperre. In den ersten Tagen scheinen sich die meisten Menschen daran halten. Unterwegs am Montagabend in einer nächtlichen Geisterstadt.

Gießen – Wissen Sie noch, wie es im vergangenen Jahr war? Als man sich an einem nasskalten Abend auf dem Weihnachtsmarkt die Beine in den Bauch gestanden und diesen viel zu süßen Glühwein getrunken hat? Als man sich sagte: Nächstes Jahr schenke ich mir das... Aber da hatte man ja noch eine Wahl. Jetzt muss man Zuhause bleiben. Und das abendliche quirlige Leben ist vorerst vorbei.

Seit Sonntag gilt auch in Gießen zwischen 21 und 5 Uhr eine nächtliche Ausgangssperre. Sie ist einer von mehreren Bausteinen, mit denen die Landesregierung den steigenden Infektionszahlen Einhalt gebieten will. Warnstufe schwarz, das ist eine ganz andere Nummer als Alarmstufe rot. Gradmesser für die Allgemeinverfügung des Landkreises Gießen am Freitag war die 7-Tage-Inzidenz, die drei Tage hintereinander bei über 200 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern lag - und auch heute noch liegt. Erst, wenn dieser Wert fünf Tage hintereinander auf unter 200 fällt, kann die Ausgangssperre wieder aufgehoben werden.

Ausgangssperre in Gießen: „Einsam in der Einkaufsstraße“

Montagabend, 20.43 Uhr auf dem Seltersweg. Ein junger Mann steht vor den drei Schwätzern und hält eine Kamera in der Hand. Die Skulpturen stehen da so wie immer, während im Hintergrund die Lichterketten in der Plockstraße um die Wette strahlen. Mit dem Unterschied, dass weit und breit keine Menschen zu sehen sind. Dieses Foto ist absolut Instagram-kompatibel: Hashtag »Einsam in der Einkaufsstraße«.

Es gibt neun gewichtige Gründe, warum Bürger zwischen 21 und 5 Uhr unterwegs sein dürfen: Zum Beispiel aus beruflichen Gründen oder wegen ehrenamtlicher Tätigkeit an Einsätzen von Feuerwehr, oder Rettungsdienst. Wer medizinische Hilfe braucht, darf ebenfalls den Wohnbereich verlassen. Die Teilnahme an Gottesdiensten zu besonderen religiösen Anlässen ist genauso zulässig wie die Versorgung von Tieren.

Ausgangssperre in Gießen: „Das ist sehr bedrückend“

Die Ausgangssperre wirkt so, als seien Semesterferien und ein wichtiger Feiertag auf einen Tag gefallen. In der Innenstadt ist kaum etwas los. Wer hier entlang läuft oder fährt, hat es eilig und scheint auf dem Heimweg zu sein. So wie eine Frau, Anfang 40. Sie erzählt, sie komme gerade von der Arbeit, habe aber ein Schreiben ihres Arbeitgebers dabei. »Das ist sehr bedrückend«, sagt sie. »Aber die Maßnahmen sind richtig. Die Zahlen gehen in die Höhe, und die Krankenhäuser rufen um Hilfe.« Während sie weitergeht, fällt auf: Der Seltersweg ist nicht bloß eine Einkaufsstraße, sondern ein Wohnort. Wo sonst abends noch Menschen lautstark die Stille vertreiben, hört man nun das Leben hinter Fenstern pulsieren.

Die Ausgangssperre ist nicht mit Schließungsverfügungen verbunden, zum Beispiel für Supermärkte und Tankstellen. Viele haben ihre Öffnungszeiten der neuen Lage aber kurzfristig angepasst und am Montagabend nur bis 21 Uhr geöffnet. Das gilt zum Beispiel für den Lidl-Markt an der oberen Grünberger Straße oder den nahen Rewe. Dort drehen kurz nach 21 Uhr zwei Auswärtige mit dem Einkaufswagen vor dem noch beleuchteten, aber geschlossenen Markt ab. »Ich dachte, das gilt erst ab Mittwoch«, sagt eine Frau mit Darmstädter Pkw-Kennzeichen. Auch ein Mann im Anzug, der auf Heimweg von der Arbeit noch schnell einkaufen will, ist überrascht. »Ich komme aus Marburg. Da gilt das nicht.« Von der Ausgangssperre im Kreis Gießen hören beide zum ersten Mal.

Ausgangssperre in Gießen: Ab 21 sind nur noch im Drive-In die Lichter an

Auch der große Parkplatz vor dem Rewe-Center an der Ferniestraße ist gegen 21.15 Uhr gähnend leer. Betrieb im ansonsten geschäftigen Schiffenberger Tal herrscht nur noch am Drive-In-Schalter von Burger King. Seinen Dämmerschoppen muss sich der mit Passierschein ausgestattete GAZ-Redakteur in einer Tankstelle an der Licher Straße besorgen. »Wir haben normale Öffnungszeit bis 23 Uhr«, sagt der Mitarbeiter. Nebenan beim Penny sind die Lichter schon aus. »Für eure Gesundheit« steht auf dem Aushang mit der verkürzten Öffnungszeit.

Zurück auf den Seltersweg. Es ist 21.28 Uhr. Plötzlich leuchtet Blaulicht im Seltersweg auf. Im Schrittempo fährt ein Fahrzeug der Ordnungspolizei durch die Einkaufsstraße und spricht die wenigen Passanten an, die noch unterwegs sind. »Guten Abend, was machen Sie noch um die Uhrzeit hier draußen?« Ein Mann holt sich Zigaretten, zwei andere wissen angeblich nichts von der Ausgangssperre.

Gute Nacht, Gießen. Vielleicht wachen wir ja morgen auf - und es war alles nur ein böser Traum. Aber den süßen Glühwein trinken wir in diesem Jahr wirklich nicht.

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