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Aus »Nichts« Kunst gemacht

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
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Stille Handys, verkohltes Grillgut oder die große Leere - Schüler des Landgraf-Ludwig-Gymnasiums haben daraus ein Stück Literatur gemacht. Ihr Buch »Nichts (schreiben)« beschreibt eine Art Selbstversuch in der Konfronation mit dem Nichts - und das hat nur bedingt auch etwas mit der Corona- Leerstelle im Alltag der Jugendlichen zu tun.

Was ist das Nichts? Kann man sich das Nichts überhaupt vorstellen? Ist es vielleicht sogar bedrohlich? Solchen philosophischen Fragen haben sich 15 Schüler des Landgraf-Ludwig-Gymnasiums gestellt und in unterschiedlichsten Texten nach Antworten gesucht. Im Rahmen eines Schreibprojekts - begleitet von Kunst- und Philosophie-Lehrer Markus Lepper und als Schreibpate von Autor Daniel Schneider - ist aus ihren Essays, Gedichten und Spielszenen das Buch »Nicht (schreiben)« entstanden, das nun vorgestellt wurde.

Workshop mit Antje Damm

»Aus nichts etwas zu machen, ist eine Kunst«, lobte Schulleiterin Antje Mühlhans bei der Präsentation von Textauszügen im Musiksaal der Schule, garniert mit Geigenspiel von Michael Sommer. Und auch Stadträtin Astrid Eibelshäuser war voll des Lobes für das Projekt, das im Rahmen von »Kultur macht stark« des Bundesministeriums für Bildung und Forschung umgesetzt werden konnte und zeige, wie wichtig kulturelle Bildung in der aktuellen Zeit, auch als Gegengewicht zur Orientierung in den MINT-Fächern, sei. Kooperationspartner waren auch der Friedrich-Bödecker-Kreis und der Nordstadtverein Gießen. Bei einem Workshop mit der heimischen Kinderbuchautorin und Illustratorin Antje Damm hatten die Jugendlichen zudem die Gestaltung des Buches gemeinsam erarbeitet.

Es begann mit einem wahren »Teenie-Albtraum«: Zur Übung sollten die 14- bis 18-Jährigen zunächst ihre Handys für ein paar Tage und Nächte zur Seite legen und sich ganz dem Nachdenken über das Nichts hingeben. Und dann funkte im Februar vergangenen Jahres auch noch Corona dazwischen. Statt Präsenzverabredungen gab es nur noch digitale Meetings, das geplante Schreibwochenende in Biedenkopf fiel aus und das Lektorat musste per E-Mail vonstattengehen. »Corona veranschaulichte das Nichts und das Ankämpfen gegen das Nichts in einer Radikalität, die wir uns alle niemals hätten vorstellen können«, beschreibt Daniel Schneider die Situation. Doch wie so oft im Leben brachte die Konzentration auf das Wesentliche und der Verzicht auf Ablenkung auch Tiefgang. Und so sind viele der kurzen Texte der Schüler, von denen die meisten zuvor nicht allzu viel Kontakt mit Literatur und kreativem Schreiben hatten, erstaunlich lebensklug. Sie handeln vom Nichts als einer beseelten Ruhe, vom Gefühl der Perspektivlosigkeit und existenzialistischen Reflexionen. Vom »ABC des Nichts« bis zu Lyrik in Form kleiner Elfchen reicht die Palette. Felix Krulls melancholische Verse im Angesicht verkohlten Grillguts oder Saskias und Luks Einladung zur Meditation, Joel und Finns Interpretation des Nichts als etwas Verwirrung und Chaos Stiftendes regen zum Nachdenken an. Saskia Mocha und Marius Mauderer entwarfen eine Spielszene mit zwei Jugendlichen am Bahngleis, die, in Anlehnung an Vladimir und Estragon aus Samuel Becketts »Warten auf Godot« auf einen Zug ins Nichts warten. Berivan Yüsüns Text »Auch dies wird ein Ende haben« gibt zu bedenken, dass die Coronakrise nichts wirklich verändern wird, sondern der Mensch wie immer alles eines Tages vergessen wird. »Ich konnte das Nichts nicht wirklich beschreiben, aber ich weiß, dass ich nichts bin. Genauso wie du«, formuliert die 18-Jährige.

Das Buch ist beim Mitteldeutschen Verlag und im Buchhandel für 10 Euro erhältlich: Daniel Schneider (Hg.). Nichts (schreiben). Über stille Handys, verkohltes Grillgut und die große Leere, Mitteldeutscher Verlag 2021, ISBN: 978-3-96311-530-1.

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