oli_wsaog_300721_4c
+
Die Wirtschaftsschule am Oswaldsgarten.

Stadtentwicklung

Aus für Institution am Oswaldsgarten nach 98 Jahren

  • VonRedaktion
    schließen

Wer hat die Höhere Handelsschule in Gießen besucht, die früher Friedrich-Feld-Schule hieß? Fast möchte man die Gegenfrage stellen: Wer hat sie eigentlich nicht besucht?*

Gießen – Wenn man sich in einer Arztpraxis, einer Versicherungsgesellschaft, einem Geschäft oder einer Stadt- oder Gemeindeverwaltung als Lehrkraft der »HH« zu erkennen gibt, entspinnt sich meist ein Schwelgen in alten Zeiten: »Ist die eine Lehrerin noch an der Schule? Nein, kann eigentlich nicht sein. Sie war ja schon vor mehr als 30 Jahren meine Klassenlehrerin.«

Höhere Handelsschule in Gießen: Aus nach 98 Jahren*

98 Jahre Höhere Handelsschule im Zentrum von Gießen, auch als Wirtschaftsschule am Oswaldsgarten (WSO) bekannt, hinterlassen Spuren und jede Menge Erinnerungen, berichtet Christa Weckemann, letzte Schulformleiterin der Handelsschule, mit Wehmut. Während bis in die 1960er Jahre zwei Klassen die Norm waren, gab es in den 1980ern einen Zuwachs auf neun Lerngruppen zu je 30 Schülerinnen und Schülern. Die Schulform hatte sich zu einer Institution entwickelt, die offenbar einen nicht unbeträchtlichen Beitrag zur Linderung der Ausbildungsplatzmisere leistete.

»Der Einstieg ins Berufsleben wurde Absolventinnen und Absolventen der Realschule erheblich erleichtert, viele Gießener Ausbildungsbetriebe betrachteten den erfolgreichen Abschluss der Höheren Handelsschule als Garanten für Ausbildungsreife«, sagt Weckemann. Neben vertieften allgemeinbildenden Kenntnissen brachten »HHler« kaufmännisches Grundwissen mit, beherrschten meist das Zehn-Finger-Tastschreiben ebenso wie die Programme des Microsoft-Office-Pakets. Sie hatten Unterricht im Bereich Wirtschaftslehre und Wirtschaftsenglisch und durchliefen während eines Jahres im Lernbüro sämtliche Stationen einer Verwaltung, was auf die Praxis im Berufsalltag vorbereitete.

Handelsschule in Gießen: „Hielten sie angeblich in einer Warteschleife“

Nichtsdestotrotz sei das Aus der hessischen »Einjährigen Höheren Berufsfachschulen«, wie sie seit mehr als einem Jahrzehnt offiziell heißen, auf Zuruf aus der Wirtschaft immer wieder erwogen und schließlich beschlossen worden. Mittlerweile fehlten junge Menschen auf dem Ausbildungsmarkt, »wir hielten sie angeblich in einer Warteschleife«, erläutert Weckemann. Sie wendet jedoch ein, dass die Wirtschaft zwar berechtigtes Interesse an jungen Leuten habe, aber auch immer wieder beklage, dass Schulabgänger für viele Ausbildungsbereiche unvorbereitet und untauglich seien.

»Wer zu uns in die Handelsschule kam, zuletzt waren es an der WSO noch drei Klassen, hatte keine Alternative gefunden, und wir arbeiteten erfolgreich dagegen an.« Die Appelle an die politischen Entscheidungsträger, jungen Menschen diesen Weg zu lassen, sofern sie ihn benötigen, seien ohne Wirkung geblieben. »Wir bedauern dies, zumal eine an die Stelle der HH tretende Schulform, die Berufsfachschule zum Übergang in Ausbildung, die zurzeit in Hessen noch als Schulversuch läuft, Realschulabsolventen ohne Ausbildungsplatz nicht einbezieht«, betont Weckemann.

Nachrichten und Geschichten aus Gießen: Erfahren Sie hier mehr über unseren kostenlosen Mail-Newsletter

Nachdem Corona die Lage der Ausbildungsplatzsuchenden jüngst wieder verschärft hat, kann die WSO noch für das Ende August beginnende Schuljahr Ausbildungsplätze im Bereich der Zweijährigen Höheren Berufsfachschule anbieten. Absolventen der mittleren Reife können sich auch während der Ferienzeit um Plätze dieser Schulform mit den Schwerpunktbereichen Bürowirtschaft, Fremdsprachensekretariat oder Informationsverarbeitung bewerben. Bei entsprechender Leistung ist neben dem Absolvieren einer schulischen Berufsausbildung mit staatlich anerkanntem Abschluss der Erwerb der Fachhochschulreife möglich. Näheres im Internet unter wso-giessen.de/schulformen. (pm)

*Redaktioneller Hinweis: Liebe Leserinnen und Leser, an dieser Stelle hieß es zuvor, die WSO müsse „schließen“. Das war falsch und wir bitten dies zu entschuldigen. Schließen muss nur die Höhere Handelsschule an der WSO, als eine von acht Schulformen der Schule. Alle übrigen Schulformen bestehen weiter, nehmen weiter Schülerinnen und Schüler auf. 

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare