Auftakt nach Maß: Lesung mit Mirjam Pressler

Das war im wahrsten Sinne des Wortes ein Auftakt nach Maß, denn für die Eröffnung der Reihe »Geschichts-Lese-Sommer«, die am Donnerstag in die erste Runde ging, konnte niemand Geringeres als Kinderbuchautorin Mirjam Pressler gewonnen werden.

In einer erstklassigen Lesung rezitierte sie rund zwei Stunden lang vor etwa 120 Zuhörern im Margarete-Bieber-Saal aus ihrem Buch »Nathan und seine Kinder«. Mehr als eindrucksvoll stellte die Schriftstellerin dabei unter Beweis, wie wertvoll Kinder- und Jugendbücher für das Verständnis von Geschichte und anderen Kulturen sind.

Und genau das ist auch eine der Botschaften, die von der Lesereihe ausgeht, die die Professur für Didaktik der Geschichte an der Justus-Liebig-Universität in Kooperation mit dem »Literarischen Zentrum Gießen (LZG)« veranstaltet. Das betonte Dr. Jeannette van Laak vom Institut für Geschichtsdidaktik, und sie unterstrich, wie wichtig es ist, Kinder- und Jugendbücher für den Geschichtsunterricht nutzbar zu machen. »Das Potenzial, das diese Bücher bergen, ist unschätzbar: Zu den mir wichtigsten Aspekten gehören der Genuss und die Sinnlichkeit, mit der wir in andere Welten, in andere Zeiten eintauchen können. Und wie nebenbei, fast spielerisch, erfahren wir etwas darüber, wie es früher gewesen sein könnte«, sagte van Laak.

Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Rita Rohrbach und Monika Rox-Helmer hat sie die Idee zum »Geschichts-Lese-Sommer« (GELESO) entwickelt, und im Rahmen eines Pragmatikseminars zur Projektarbeit haben Studenten sie weiter ausgearbeitet. Zahlreiche namhafte Autoren konnten für die Reihe gewonnen werden. Doch bevor Pressler als erste die Bühne betrat und die Vielschichtigkeit von Jugendliteratur demonstrierte, ließ van Laak den Lebenslauf der Schriftstellerin Revue passieren.

1940 in Darmstadt geboren, habe sie schon als Kind Zugang zur Literatur und nach ihrem Studium in Frankfurt am Main und Zwischenstation in München später auch für ein Jahr ihren Weg in ein israelisches Kibbuz gefunden. Nach zahlreichen beruflichen Stationen habe sich die Mutter von drei Töchtern dann dazu entschieden, Bücher zu schreiben, und für ihr erstes Buch »Bitterschokolade«, das 1981 erschienen ist, gleich den Oldenburger Literaturpreis erhalten. Seitdem habe sich das Schreiben zur Passion entwickelt und mittlerweile hat Pressler mehr als 30 eigene Kinder- und Jugendbücher und rund 300 Übersetzungen aus dem Hebräischen, Englischen und Niederländischen verfasst.

Mirjam Pressler entführte ihre Zuhörer in die Welt des Jerusalems der Kreuzzüge, wo die spannende Geschichte »Nathan und seine Kinder«, die sich an Gotthold Ephraim Lessings »Nathan der Weise« anlehnt, spielt. Ganz klar, das ist große Kunst, denn wirklich packend, mit viel Tiefgang und einem besonders ausgeprägten Maß an Empathie zeichnet die Autorin die Konflikte und Protagonisten jener Epoche nach, die jeweils aus ihrer eigenen Perspektive ihre Sicht des Geschehens berichten. Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 16 Jahren wird es so möglich, Zugang zu dieser vergangenen Welt zu finden, und das müssen auch die Zuhörer am Donnerstag so empfunden haben, denn sie bedankten sich bei Pressler am Ende mit eifrigem und minutenlangem Applaus.

Am kommenden Donnerstag wird die Reihe »Geschichts-Lese-Sommer« fortgesetzt. Dann liest Gabriele Beyerlein aus »Es war in Berlin« und »Wie ein Falke im Wind«. Ihr folgt am 10. Juni Katja Behrens, die aus »Der kleine Mausche aus Dessau - Moses Mendelssohns Reise nach Berlin im Jahre 1743« vorträgt, bevor am 17. Juni Uschi Flacke aus »Die Hexenkinder von Seulberg« und »Hannah und der Schwarzkünstler Faust« rezitiert. Die Reihe, die im Margarete-Bieber-Saal in der Zeit von 18 bis 20 Uhr veranstaltet wird, schließt am 1. Juli mit Harald Pariggers Lesung aus »Der Kuss der Löwin«.

Stephan Scholz

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