Felder trennten Gießen und Wieseck noch in den 1950er Jahren, obwohl Wieseck da schon zur Stadt gehört. Die Grenze zum Stadtteil verläuft auch heute noch an der Ludwig-Richter-Straße.
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Felder trennten Gießen und Wieseck noch in den 1950er Jahren, obwohl Wieseck da schon zur Stadt gehört. Die Grenze zum Stadtteil verläuft auch heute noch an der Ludwig-Richter-Straße.

Aufmüpfige Wiesecker

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Weil wir nicht selbstständig sind, kommen wir zu kurz und zahlen zu viel. Ganz wie beim Brexit klingen die Argumente, mit denen Wiesecker vor 70 Jahren ihre "Ausgemeindung" forderten. Bis heute hadern manche mit dem Stadtteil-Status.

Wiesecker zahlen 30 Pfennig für die Straßenbahnfahrt zum Marktplatz, Gießener nur 20 Pfennig, mit "Hausfrauenkarten" noch weniger. Die Schulklosetts sind marode, die Begräbnisgebühren hoch. Empörung herrscht beim ersten "öffentlichen Forum" in Wieseck im Februar 1950. Der Tenor der Beschwerden klingt ganz wie heute die Argumente von Brexit-Befürwortern oder anderen Separatisten in aller Welt: Wir zahlen zu viel für ein Gemeinwesen, das uns vernachlässigt. Die "Ausgemeindungs"-Revolte wird scheitern - aber in gewissem Sinne dennoch erfolgreich sein.

"Wiesecker wollen selbstständig werden", meldet die Gießener Freie Presse - jetzt Gießener Allgemeine Zeitung - vor 70 Jahren. Ortsbeiräte gibt es noch nicht. Umso größer ist das Interesse am "Forum" im Saal Dippel. 400 Teilnehmer beschließen einstimmig eine Resolution an die Landesregierung. Die Stadtverwaltung kümmere sich zu wenig etwa um Wohnungsbau, Wasserversorgung oder Straßensanierung. Mit Hinweis auf das Selbstbestimmungsrecht im Grundgesetz drängt die Resolution auf "eine freie Abstimmung zwecks Wiedererlangung der Selbständigkeit". Schließlich sei die Eingemeindung 1939 "diktatorisch angeordnet" worden. In drei Wochen werden im 6000 Einwohner zählenden Stadtteil 1883 Unterschriften gesammelt.

Rückblende: Die aufstrebende Stadt Gießen braucht mehr "Bewegungsfreiheit" und Einnahmen, meinen die nationalsozialistischen Machthaber. Ein "Groß-Gießen" könne den Bau von dringend nötigen Umgehungsstraßen besser organisieren. Die Dörfer seien mit dem Zentrum ohnehin längst eng verbunden. Ein Großteil der Bewohner pendelt - mit Fahrrad oder Straßenbahn - täglich nach Gießen.

"Im Namen des Reiches" schluckt die Stadt zum 1. April 1939 Wieseck, Kleinlinden und die Gemarkung Schiffenberg. Die Einwohnerzahl steigt von 36 000 auf 42 000. Heuchelheim gelingt es, seine Selbstständigkeit zu wahren.

Nazi-Willkürakt?

Die damalige gleichgeschaltete Presse berichtet vage von "wenigen Schattenseiten" und überhaupt nicht vom Unmut. Vor allem in Wieseck wird gegrummelt. Denn das bis dato größte Dorf Oberhessens - gut 400 Jahre älter als Gießen - ist stolz auf seine Tradition und seine ökonomische Stärke dank Landwirtschaft, Sand- abbau und Zigarrenindustrie.

Nun, in der Demokratie, darf man Kritik offen äußern. "Ist die Eingemeindung Wiesecks rechtsgültig?", fragt die GFP im Juli 1951. Nein, sagt der ehemalige Landrat Karl Benner. Der Wiesecker wehrt sich dagegen, dass er Straßenbeiträge bezahlen soll. Die habe es im selbstständigen Wieseck nicht gegeben. Der Anschluss an Gießen sei ein "Willkürakt des Dritten Reiches" gewesen, so Benner.

Die Stadt widerspricht im schönsten Juristendeutsch: "Das Rechtsinstitut der Eingemeindung als solches ist nicht als typisch nationalsozialistisches Rechtsinstitut anzusehen, da es Eingemeindungen sowohl vor 1933 als auch nach 1945 in Deutschland gegeben hat und dieses Rechtsinstitut im übrigen im Rechtsleben aller Kulturvölker besteht." Nur der Landtag könnte eine Gebietsänderung beschließen.

Bei der nächsten Versammlung im Saalbau Schepers zeigen sich "Wiesecker Bürger kompromissbereit", so die Schlagzeile. Man könne sich mit der "Zwangsehe" vielleicht abfinden, wenn die Stadt die Wiesecker Belange "entsprechend dem Bevölkerungsanteil und dem Steueraufkommen berücksichtige". Oberbürgermeister Engler ist diesmal zugegen und meint, eine "Entflechtung des inzwischen zusammengewachsenen Wirtschaftsgefüges" sei schwierig.

Die Drohung wirkt

Baulich werden Gießen und Wieseck erst in den 1960er Jahren verschmelzen. Da hat die Drohung der Abspaltung längst gewirkt. Die Klagen seien berechtigt gewesen, bilanziert ein Wiesecker Kommunalpolitiker 1959. Seitdem habe sich die Stadt für Anliegen der Vorortgemeinden aufgeschlossener gezeigt und zahlreiche Modernisierungen auf den Weg gebracht. Jede Maßnahme werde von den Bürgern aufmerksam verfolgt.

Das gilt bis heute. Und einige Wiesecker liebäugeln bis heute sozusagen mit einem "Wiexit" (siehe Kasten).

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