Das Brauhaus-Areal soll zu einem Mustergebiet für autarke Energieversorgung werden.
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Das Brauhaus-Areal soll zu einem Mustergebiet für autarke Energieversorgung werden.

Großprojekt

Neue Auflagen für Gießener Brauhaus-Gelände: »Wir müssen das Ganze erstmal verdauen“

  • Burkhard Möller
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Die neue Stadtkoalition aus Grünen, SPD und Gießener Linke setzt ihren ökologisch-sozialen Kurs konsequent fort. Die Planung für das Brauhaus-Gelände soll mit weitreichenden Auflagen zur Energieversorgung und Sozialwohnungsbau vertraglich flankiert werden. Der Eigentümer und Investor muss die Nachrichten erst einmal »verdauen«.

Gießen - Für Menschen, die in der Immobilienbranche tätig sind, ist sogar das kleine Gießen eine Stadt, die niemals schläft. Im Fall von Jochen Ahl, dem Geschäftsführer der Gießener Braumaxx GmbH, war es kurz vor drei Uhr am Mittwochmorgen, als er die Information und Anfrage las, die ihm die GAZ zweieinhalb Stunden zuvor auf sein Handy geschickt hatte. Da war der Beschluss, den der parlamentarische Bau- und Planungsausschuss am späten Dienstagabend gefasst hatte, noch warm.

Es ging um das Brauhaus-Areal an der oberen Marburger Straße, für das im Rahmen einer Änderung des Bebauungsplans »Teichweg/Kiesweg« ein Nutzungskonzept erarbeitet werden soll. Ahl hatte 2018 rund zweieinhalb Hektar aus der Insolvenzmasse der Gießener Brauerei erworben und seitdem an einem Nutzungskonzept gearbeitet. Zuletzt hatte er erfolgreich bei der Stadtpolitik dafür geworben, in dem Industrie- und Gewerbegebiet auch eine Wohnnutzung zuzulassen; bis zu 200 Wohnungen will die Stadt ermöglichen.

Brauhaus-Gelände in Gießen: Großprojekt am nördlichen Stadteingang

So weit. so gut. Aber nun sieht sich der Investor mit weitreichenden Auflagen für sein ehrgeiziges Großprojekt am nördlichen Stadteingang konfrontiert. Im Bauausschuss beschlossen die Koalitionsparteien Grüne, SPD und Gießener Linke nicht nur die erwartbare Sozialquote in Höhe von zusammen 30 Prozent für Sozialwohnungen und Mietwohnungen für sogenannte Schwellenhaushalte sowie die Pflicht zur 70-prozentigen Ausstattung aller Dachflächen mit Solarmodulen. Hinzu kommt jetzt noch die Vorgabe, dass das Brauhaus-Areal zu einem Modellgebiet für die autarke Versorgung mit Strom und Wärme aus erneuerbaren Energien und Passivhäusern werden soll. Eine entsprechende Vereinbarung habe der Eigentümer mit den Stadtwerken zu treffen.

Ein ähnliches Projekt wird gerade an der oberen Grünberger Straße verwirklicht, wo die THM und die SWG mit weiteren Partnern im Rahmen eines Forschungsprojekts die Energieversorgung des Wohn- und Gewerbegebiets »Philosophenhöhe« sicherstellen. Für das sogenannte »FlexQuartier« indes fließen Millionen Euro Fördermittel aus dem Bundesforschungsminsterium. Woher das Geld für das Mustergebiet auf dem früheren Brauereigelände herkommen soll, lassen die Koalitionäre in ihrem Antrag offen.

Brauhaus-Gelände in Gießen: Kein Gespräch mit Eigentümer

Wie Ahl am Mittwoch bestätigte, hat die Koalition mit ihm vorab nicht gesprochen. Zur GAZ-Anfrage erklärte der Braumaxx-Chef: »Wir wurden davon überrascht und müssen das Ganze erstmal verdauen. Wir werden uns damit jetzt ein paar Tage auseinander setzen und dann ein Statement dazu abgeben.«

Auch angesichts weiterer Auflagen wie dem Einbau eines Zweileitungssystems für Trink- und Brauchwasser in den Gebäuden warnte Heiner Geißler (Freie Wähler) die Koalition vor einer Überforderung privater Bauherren. »Das kann sich kein Investor leisten«, sagte Geißler und kritisierte das Regierungslager auch für die »ultimative« Art, derartige Auflagen zu verhängen. Seinem Antrag, bezüglich der Auflagen, die in einem städtebaulichen Vertrag zwischen Investor und Stadt fixiert werden sollen, von »anzustreben« statt »abzusichern« zu sprechen, lehnte Grün-Rot-Rot ab. Kritik an den Vorgaben kam auch von der AfD: »Sie verteuern das Bauen, sonst nichts«, sagte Thomas Biemer.

Daneben gab es auch Verfahrenskritik, denn den Änderungsantrag zum Bebauungsplan, den Bürgermeister Peter Neidel (CDU) bereits Anfang Juni vorgelegt hatte, brachte die Koalition erst kurz vor Sitzungsbeginn ein. Dorothé Küster (CDU): »Sie hatten monatelang Zeit dafür.«

Dem von Grün-Rot-Rot geänderten Magistratsantrag auf Aufstellung eines Bebauungsplans für das Brauhaus-Gelände stimmten letztlich nur die Koalition und die Fraktion Gigg/Volt zu.

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