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Francesco Arman ist der Vorsitzende des ersten Studierendenverbandes der Sinti und Roma in Deutschland.

Neuer Studierendenverband

Aufklärungsarbeit über Antiziganismus in Gießen

  • VonSebastian Schmidt
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In Gießen hat sich der erste Studierendenverband der Sinti und Roma in Deutschland gegründet. Der Verband will beraten und auch in der Wissenschaft mitmischen.

Mitte März ist in Gießen der erste Studierendenverband der Sinti und Roma in Deutschland (SVSRD) an die Öffentlichkeit getreten. Der Verband will einerseits Anlaufstelle für Menschen aus der Minderheit sein, sich zum anderen aber auch in Wissenschaft und Alltagsdiskussionen einbringen. Der Vorsitzende Francesco Arman sagt, dass die vor einigen Wochen viral gegangene Folge der WDR-Sendung »Die letzte Instanz« zwar nicht der Auslöser für die Gründung des Verbandes gewesen sei, aber deutlich gezeigt habe, dass viel Aufklärungsarbeit über Antiziganismus geleistet werden müsse.

Diskriminierende Sprache kritisiert

In der Sendung unterhielten sich Promis wie Thomas Gottschalk, Janine Kunze und Jürgen Milski unter anderem darüber, ob man »Zigeunersauce« sagen sollte. Der Aufschrei in den sozialen Medien nach der Ausstrahlung war groß - auch weil abfällig über den Zentralrat der Sinti und Roma gesprochen wurde. Kunze sagte über eine vorgelesene Erklärung des Zentralrates, in der es darum ging, warum das Wort »Zigeuner« abwertend ist: »Da sitzen zwei, drei Leute, die haben vielleicht nichts Besseres zu tun und fangen so einen Quatsch an.« Arman, der auch Lokalpolitiker für Die Linke ist, verstehe zwar, dass das Wort für viele Menschen in Deutschland nicht diskriminierend klinge. »Es war für viele ihr ganzes Leben normal, das Wort zu benutzen.« Aber Normalität sei eben nicht statisch, sondern verändere sich mit der Zeit. »Vor 20 Jahren hätte es diesen Aufschrei zum Beispiel noch nicht gegeben.« Die Diskussion über Diskriminierung habe sich seitdem verschoben. Arman sagt: »Wir als Studierendenverband wollen unseren Teil zum Diskurs beitragen.«

Geschützter Raum für Sinti und Roma

20 Studierende aus ganz Deutschland haben sich deswegen zusammengeschlossen und den SVSRD gegründet. Arman, der selbst Kulturwissenschaften an der Fernuniversität Hagen studiert, erklärt, dass der Verband zum einen Ansprechpartner für alle Themen rund ums Studium sein will: Wie schreibt man sich ein, wie kann man sein Studium finanzieren, wie gehe ich auf einen Professor oder eine Professorin mit einer Frage zu? Für Sinti und Roma, die nicht aus einem akademischen Elternhaus stammen, sei das alles ungewohnt. »Das Problem betrifft aber natürlich auch andere Menschen. Ohne akademischen Hintergrund hat man es an der Universität schwerer.« Der SVSRD will gezielt für die Fragen der Sinti und Roma einen geschützten Raum bieten. »Viele verschweigen und verstecken ihre Herkunft, weil sie sonst Benachteiligungen befürchten«, erklärt Arman.

Minderheiten in der Forschung

Der SVSRD will aber auch in der Wissenschaft mitmischen, »wenn es um Diskriminierung geht«. Arman sagt: »Grundsätzlich ist die Herkunft eines Wissenschaftlers egal, aber in den Sozial- oder Kulturwissenschaften ist es schon wichtig, wenn Minderheiten die Forschung mitgestalten.« Der Studierendenverband will dafür sorgen, dass »authentische Bilder« von Sinti und Roma in der Forschung benutzt werden. Minderheiten sollen deshalb laut Arman - wenn möglich - immer hinzugezogen werden, wenn über Minderheiten geforscht werde.

Ein weiterer Schwerpunkt des SVSRD soll die Bildungsarbeit werden. Die Studierenden wollen Workshops und Vorträge organisieren. Arman sagt: »Wir wollen das Thema Antiziganismus in die Universitäten hineintragen.« Dabei gebe es nicht nur eine inhaltliche Ebene, auf der sie Antiziganismus bekämpfen wollen, sondern auch eine »sinnlich wahrnehmbare Ebene«. Der Vorsitzende erklärt: »Wenn wir diese Veranstaltungen machen, sehen die Leute, dass wir ganz normale Menschen sind, genauso wie sie.«

Der Studierendenverband will aber auch das Selbstbild der Sinti und Roma verändern. »Sinti und Roma sind nämlich nicht immer marginalisiert«, betont Arman. Als die stellvertretende Vorsitzende Dotschy Reinhardt mit der Idee des Studierendenverbandes auf ihn zukam, sei Arman deswegen direkt »Feuer und Flamme« gewesen, weil Reinhardt das vorhandene Potenzial der Sinti und Roma ausschöpfen wolle.

Webauftritt des Verbandes

Den Studierendenverband der Sinti und Roma in Deutschland kann man über die Webseite www.svsrd.de und auch über die soziale Medien wie www.facebook.com/studierendenverbanddersintiundroma oder www.instagram.com/sv_sintiundroma erreichen.

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