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In dieser Bar in der Weststadt haben sich im November Gewaltexzesse abgespielt.

Landgericht

Bahoz-Prozess: Zeuge mit Wissenslücken

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Im Prozess um die Gewaltexzesse in einer Bar in der Gießener Weststadt wurden der Hauptbelastungszeuge auf Herz und Nieren befragt. Er offenbarte dabei einige Wissenslücken.

Wenn Zeugen befragt werden, müssen Richter, Staatsanwälte, Verteidiger und Zuhörer Geduld mitbringen, wenn nicht sogar einen Schuss Langmut. Zeugen widersprechen sich ohne böse Absicht, haben sich im Nachhinein Erinnerungen zusammengereimt oder überhaupt keine mehr. Der Hauptbelastungszeuge im Prozess gegen sechs Männer der rockerähnlichen kurdischen Gruppe Bahoz, die im November sieben Männer in eine Weststadtbar entführt und dort misshandelt haben sollen, strapazierte durch seine Wissenslücken jedoch arg die Geduld aller Prozessbeteiligten.

Der 34 Jahre alte Gießener hatte am dritten Prozesstag Mitte Juni geschildert, wie er im November 2018 in eine Bar an der Rodheimer Straße gebracht worden sei. Dort sei er mit Schlägen und Tritten sowie mit einer Rohrzange und Bambusstöcken misshandelt worden. Der Chef der Gruppe, ein 35 Jahre alter Mann aus Biebertal, habe ein Mordkomplott gegen sich gewittert und mit Folter Geständnisse aus den Opfern herauspressen wollen. Zwei weitere Angeklagte hatten an den ersten beiden Prozesstagen Einlassungen abgegeben und die an zwei Tagen stattgefundenen Gewaltexzesse im Kern bestätigt. Diese aber teilweise mit dem Kokainkonsum des Biebertalers erklärt. (Update: "Selbstjustiz in rechtsfeindlichen Parallel-Milieu": Haftstrafen nach "Folterverhör" in Gießen gefordert)

Antrag auf Verweis des SEK

Der Prozesstag am Freitag begann bereits mit einer halben Stunden Verspätung. Hatte Richter Jost Holtzmann mehrmals darauf hingewiesen, dass die Verhandlung pünktlich um 8.30 Uhr beginnen sollte, waren erst gegen 9 Uhr alle Beteiligten bereit. Doch anstatt die Vernehmung des Hauptzeugens fortzusetzen, forderte Verteidiger René Bahns den Verweis von zwei SEK-Beamten aus dem Saal. Die begleiten den 34-Jährigen Gießener im Gericht auf Schritt und Tritt, weil sich dieser im Zeugenschutzprogramm befindet und Angst um sein Leben hat. Das martialische Auftreten der vermummten und schwer bewaffneten Spezialkräfte beeinflusse den Zeugen und die Angeklagten, sagte er. "Das kennt man aus totalitären Staaten, aber nicht aus Deutschland." Holtzmann wies diesen Antrag zurück. Der Zeuge habe angegeben, dass nach den Ereignissen in der Bar und seiner Aussage bei der Polizei Mitglieder der Gruppe bei ihm und seiner Lebensgefährtin eingebrochen seien, um ihrer habhaft zu werden. Außerdem sei ihm, seiner Frau und seiner Tochter gedroht worden. Die Präsenz der SEK-Beamten sei deshalb nötig - trotz der strengen Einlasskontrollen und der Anwesenheit vieler Polizisten.

Dass es in den nächsten Stunden nicht leichter wurde, lag hauptsächlich am 34 Jahre alten Hauptzeugen. Auf die detaillierten Nachfragen des Gerichts sowie der acht Verteidiger konnte dieser meist nur kurz und knapp antworten; er bestätigte lediglich einen Sachverhalt oder verneinte ihn. Aber ausführen und konkretisieren - das konnte er selten. Meistens sagte er dann "Keine Ahnung" oder "Weiß ich nicht mehr".

Drogen und Kronzeugenregelung

So hielt Richter Holtzmann dem 34-Jährigen Aussagen vor, die dieser gegenüber der Polizei kurz nach den Gewaltexzessen getroffen hatte. So hatte der Gießener in einer der insgesamt sechs Vernehmungen betont, er werde zu den Ereignissen nichts sagen, die sich am Vormittag der abend- und nächtlichen Misshandlungen abgespielt hätten. Er wolle sich schließlich nicht selbst belasten. Vor Gericht jedoch gab der Zeuge an, nicht mehr zu wissen, ob er am Tag, am Abend oder in der Nacht in die Weststadtbar gebracht worden sei. Dafür bestätigte er ein Gespräch mit Staatsanwalt Rouven Spieler, bei dem es um eine mögliche Kronzeugenregelung im Drogenstrafrecht gegangen sei. Wer zum Beispiel als Beteiligter bei einer solchen Straftat hilft, Details über Lieferung, Verkauf und Abnehmer von Drogen aufzudecken, für den kann eine Strafmilderung oder -freiheit infrage kommen.

Kein Kontakt zur Familie mehr

Klar hingegen seine Aussage, wie die Beziehung zum Hauptangeklagten vor den Ereignissen gewesen sei. Bevor der "große Bruder" Koks "gezogen habe", sei er ein anderer, "ein guter Mensch" gewesen. Als der 34-Jährige zum Beispiel keine Wohnung gehabt habe, habe der Biebertaler ihn in seinem Boxclub an der Ederstraße schlafen lassen, ihm eine Decke und Kissen gekauft. "Aber dann hat er sich Dinge eingebildet", sagte der Gießener, "hat etwas gehört und gesehen, was einfach nicht da war."

Als es dann um das Gespräch des Hauptzeugens mit einem für den Zeugenschutz verantwortlichen Polizisten ging, offenbarte der 34-Jährige erneut Wissenslücken. An den Inhalt der Unterhaltung könne er sich nicht erinnern. Erst als der Frankfurter Verteidiger Thomas Scherzberg sowie der Gießener Rechtsanwalt Ramazan Schmidt höflich an der fehlenden Erinnerung zweifelten und ihn sein Rechtsbeistand Alexander Hauer in einer Unterbrechung zur Seite nahm, öffnete sich der breitschultrige Gießener ein wenig.

Im Zeugenschutzprogramm

Unter vier Augen, erzählte er schließlich, habe er und seine Freundin mit dem Polizisten über den Zeugenschutz gesprochen. Dieser habe ihn darüber aufgeklärt, dass er den Kontakt zu Freunden und zur Familie abbrechen und seinen Wohnort wechseln müsse. Nur wenn er gemeinsam mit seiner Freundin ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen werde, sei er bereit, diesen Weg zu gehen, habe er gesagt. Auf die Nachfrage von Verteidiger Ramazan Schmidt, ob sich seitdem seine Lebensumstände verbessert hätten, antwortete der Gießener knapp: "Ja."

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