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Aufbruchstimmung im Seniorentreff Hardtallee. Smartphone, Notebook und Tablet bieten bisher ungeahnte Möglichkeiten.

Hilfe für Senioren

Aufbruch in die digitale Welt

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Corona hat auch den Digital-Kompass ausgebremst, aber jetzt legt das Seniorenbüro richtig los. Auf Initiative von Marion Stürmer werden ältere Menschen fit gemacht für die digitale Welt. Charmant an dem Projekt ist nicht nur die Wissbegierde der Senioren, sondern auch die Unterstützung engagierter Jugendlicher.

Facetime hat sie schon länger interessiert, aber sie wusste nie so richtig, wie die Videotelefonie funktioniert. Jetzt weiß Inge Pfeifer es. Die 84-Jährige freut sich: »Ömer hat es mir gezeigt«. Ömer Bilgin ist einer der Jugendlichen des Vereins Omnes, die Spaß daran haben, Senioren beim Einstieg ins Internet zu helfen. »Er erklärt das sehr gut«, lobt die Seniorin ihren jungen Nachhilfelehrer. WhatsApp nutzt sie sowieso schon. »Das ist schön, wenn die Kinder weiter weg leben«, sagt sie. Maria Forchner ist noch nicht ganz so fortgeschritten, sie muss sich erst einmal mit ihrem neuen Smartphone vertraut machen. Ihr geht es so wie den meisten anderen im Raum: Die Kinder oder Enkel haben die Geräte angeschafft, aber dabei nicht bedacht, dass die ältere Generation eine grundlegende Einführung braucht. »Wenn mein Sohn mir was erklärt, wischt er auf dem Ding herum und ich bin hinterher genau so schlau wie vorher«, sagt eine alte Dame. Nicken im Raum. »Alte Leute sind einfach etwas langsamer im Kopf, das muss man bedenken«, ergänzt eine andere.

Langsamer, aber absolut lernfähig, das stellen nicht nur die Senioren fest, die Freude an den digitalen Medien entdecken, sondern auch die Leiter der sechs städtischen Seniorentreffs. »Uns ist es gelungen, die Angst zu nehmen und die Neugierde zu wecken«, freut sich Christoph Brumhard. Der Leiter des Treffs in der Curtmannstraße bietet schon länger Unterstützung in Sachen Internetnutzung an, aber durch den Digital-Kompass hat das Ziel der Teilhabe an der medialen Welt einen bedeutenden Schub bekommen. Auch seine Kolleginnen Gitte Meilinger und Waltraud Reuhl begrüßen die neuen Perspektiven, die sich in der Seniorenarbeit auftun. Die vorhandenen Plätze im Seniorentreff Hardtallee sind aktuell alle belegt, so dass nicht alle Senioren, die eine Fortbildung wünschen, sie auch sofort bekommen können.

Der Digital-Kompass ist ein bundesweites Projekt. Auf Initiative von Seniorenbüro-Mitarbeiterin Marion Stürmer ist Gießen als Standort benannt worden. Da das Interesse so groß ist, zog das Projekt schnell weitere Kreise: Kooperationspartner sind der Verein Ehrenamt, Schüler der Herder-Schule und der Alexander von Humdboldt-Schule, der Verein Omnes und schließlich das Polizeipräsidium. Polizeihauptkommissar Ulrich Kaiser hat bereits einige Onlineveranstaltungen zum sicheren Umgang mit dem Internet angeboten und macht sehr gute Erfahrungen: »Das ist für die Prävention sehr hilfreich«.

Die Digital-Kompass-Standorte sind auch Anlaufstellen für sogenannte Internetlotsen, die sich in dem Projekt engagieren wollen. Geplant ist, dass diese Ehrenamtlichen künftig auch in Pflegeheimen oder Stadtteilzentren Unterstützung in der digitalen Fortbildung anbieten. Das Seniorenbüro der Stadt wurde von der hessischen Landesregierung als Standort für das Modellprojekt »Digital im Alter - Di@-Lotsen« ausgewählt. Damit verbunden ist eine finanzielle Unterstützung sowie das Angebot, ehrenamtliche Lotsen zu schulen.

Im Seniorenbüro und in den städtischen Seniorentreffs ist die Freude über die neuen Möglichkeiten groß - auch wenn die Projekte erst einmal mit viel Arbeit verbunden waren. Nicht zuletzt mussten sich die Treffleiter zunächst selbst mit Zoom, BigBlueButton und Co. vertraut machen. Nachdem während des Lockdowns eine virtuelle Stadtführung, Yoga per Zoom, Prävention der Polizei und Online-Gedächtnistraining bereits geklappt haben, sind alle zuversichtlich, dass sich darauf gut aufbauen lässt.

Bei einem erneuten Lockdown könnte man jedenfalls die Isolation der Senioren verhindern, ist sich Stürmer sicher. Im Idealfall läuft künftig beides: Treffen und Aktivitäten »in echt« und als Ergänzung online.

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