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Auf der Spur des Dichterfürsten

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Von: Barbara Czernek

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Dr. Kirsten Prinz, Dagmar Klein und Hans Sarkowicz (v. l.) beschäftigen sich mit dem jungen Goethe sowie seinen Vorfahren und den Spuren, die sie in Gießen hinterlassen haben. © Barbara Czernek

Das Literarische Zentrum bot erstmals eine KombiVeranstaltung an. Teilnehmer konnten sich an einem Wochenende in Wetzlar und nun auch an einem Tag in Gießen auf die literarischen Spuren von Johann Wolfgang von Goethe begegeben.

Vor 250 Jahren verbrachte Johann Wolfgang von Goethe vier Monate in Wetzlar, die sehr prägend für ihn waren. Schließlich entstand dort sein Erstlingsroman »Die Leiden des jungen Werther«, eine der prägendsten Erzählungen der literarischen Epoche des Sturm und Drang. Aus diesem Anlass veranstaltete Gießens Nachbarstadt den ganzen Sommer über etliche Veranstaltungen zum Thema »Goethe«.

Mindestens einmal besuchte der junge Goethe auch Gießen. Dies war Anlass und Grund genug für das Literarische Zentrum Gießen, sich gemeinsam mit der Wetzlarer Goethe Gesellschaft auf die Spurensuche Goethes und seiner Sturm-und-Drang-Jahre in Gießen zu begeben.

Für diese Veranstaltung musste man etwas mehr Zeit als üblich sowie regenfeste Kleidung mitbringen, denn zunächst führten Dagmar Klein und Dr. Kirsten Prinz zu markanten Orten der Zeitgeschichte, auch wenn viele der Gebäude heute nicht mehr existieren. Dank des profunden Wissens der beiden gestaltete sich der Rundgang zu einer Zeitreise in die Jahre rund um 1770. Gestartet wurde am Alten Schloss, denn daneben befand sich zur damaligen Zeit das Universitätsgebäude, in dem sämtliche Fakultäten ihren Platz hatten. »Gießen hatte damals 220 Studenten«, sagte Klein dazu. Eine Zahl, die zu größerer Erheiterung führte.

Goethes Vater studierte in Gießen

Gießen spielt im Zusammenhang mit Goethe und seinem Leben eine weitaus größere Rolle als nur der eine dokumentierte Besuch bei dem Universitätsprofessor Ludwig Friedrich Höpfner und dem anschließenden Besuch des Gasthauses »Zum Löwen«, wo der kleine Rundgang endete. So studierte Goethes Vater, Johann Caspar Goethe, einige Semester Jura in Gießen, wechselte dann nach Leipzig, um zur Promotion wieder nach Gießen zurückzukehren. »Goethes Vater hat hier in Gießen und nicht in Leipzig promoviert«, unterstrich Klein.

Ein bedeutendes Werk der literarischen Epoche ist auch in der Gießener Innenstadt entstanden: Friedrich Maximilian Klinger, Jugendfreund Goethes, verfasste hier sein Jugendwerk »Die Zwillinge«, ein typisches Sturm und Drang-Drama, das alle Facetten dieser Epoche bereits enthält. Er ist auch der Autor des Werks »Sturm und Drang«, das der Epoche ihren Namen gab, berichtete Germanistin Dr. Prinz. Klinger wohnte jedenfalls bei dem in seiner Zeit sehr bekannten und literarisch bewanderten Professor Höpfner, dessen Haus in der Neuen Bäue/Ecke Sonnenstraße stand. Es wurde zerstört und durch einen Neubau mit einer Ladenpassage ersetzt. Lediglich eine Plakette - eingezwängt zwischen Eingangstür und Schaufenster - erinnert noch an den berühmten Juristen, auf die Klein während des Rundgangs hinwies.

Der zweite Teil der Veranstaltung befasste sich mit Goethes Vorfahren. Hans Sarkowicz, Leiter des Bereichs Literatur und Hörspiel beim Hessischen Rundfunk, hat sich auf die Suche nach den männlichen Ahnen Goethes begeben und dabei Erstaunliches herausgefunden. Diese Ergebnisse sind in dem 480 Seiten starken Werk »Monsieur Göthé - Goethes unbekannter Großvater«, das er gemeinsam mit Joachim Seng und Heiner Boehncke verfasste, zusammengetragen, die er auf lockere Weise vortrug.

Die Familie Goethe war vermögend. Doch woher dieser Reichtum stammt, dieser Frage waren die Autoren nachgegangen. Die Spuren der »Goethes« lassen sich bis in 16. Jahrhundert nach Thüringen zurückverfolgen. Es waren vor allem Handwerker, die sich nach oben gearbeitet haben. Ein Fakt, der von Goethe gern ignoriert wurde. Er spielte jedenfalls gern mit dem Gerücht, dass sein Vater eigentlich ein illegitimer Sohn eines Adeligen sei.

Großvater Goethe der »Modezar«

Das Stammhaus der Familie befand sich im ostthüringischen Berka (heute ein Stadtteil von Sondershausen), das leider einem Neubau weichen musste. Der Großvater wurde Schneider, ging für einige Jahre nach Frankreich, nach Lyon, um dort die Kunst des Schneiders zu verfeinern. Er ließ sich anschließend in Frankfurt nieder, heiratete die Tochter eines Schneiders und wurde zum »Modezar« der feinen Gesellschaft. Das brachte viel Geld ins Haus. Seine zweite Ehefrau und Großmutter Goethes brachte zudem noch das Hotel »Zum Weidenhof« mit in die Ehe. Zusammen ergab dies ein beträchtliches Vermögen, das den Nachkommen ein gehobenes Leben ermöglichte. Dieser Großvater legte zudem viel Wert auf Bildung und schickte seinen Sohn, den Vater von Johann Wolfgang, auf eine Lateinschule. Da es jedoch kein »ö« in der lateinischen Schreibweise gab, wurde aus »Göthe« »Goethe«, auch wenn viele Zeitgenossen die alte Schreibweise beibehielten. »Damals nahm man das nicht so genau«, sagte Sarkowicz dazu.

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