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Auf den Spuren des Großvaters

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Horst-Eberhard Richter hat das Leben vieler Gießener zum Besseren gewandelt. Besonders am Eulenkopf sind die Menschen dem 2011 verstorbenen Psychoanalytiker noch heute dankbar. Im April dieses Jahres wäre Richter 100 Jahre alt geworden. Nun hat seine Enkelin, die Fotografin Merle Forchmann, den »Eulenkopp« besucht - und nicht nur fotografisch nachhaltige Eindrücke gesammelt.

Die Häuser rund um den Heyerweg gehören sicher nicht zu den schönsten Wohngebäuden der Stadt. Die drei- bis viergeschossigen Bauten unterscheiden sich aber auch nicht sonderlich von anderen Vierteln Gießens. Sozialer Brennpunkt? Obdachlosensiedlung? Ghetto? Auf diese stigmatisierenden Bezeichnungen würde heute niemand mehr kommen, der die Siedlung »Eulenkopf« das erste mal betritt. So erging es auch der Fotografin Merle Forchmann, die sich in ihrer Arbeit oft mit Sozialräumen und Stadtentwicklungen beschäftigt. »Ich fand das Viertel eigentlich schön, mit viel Grün und altem Baumbestand.« Dass sich auch die in dem zirka zehn Hektar großen Areal verwurzelten Bewohner wohlfühlen, ist in großen Maße Horst-Eberhard Richter zu verdanken. »Mein Opa«, sagt Merle Forchmann. Die 42-Jährige hat sich auf Spurensuche durch das einstige Problemviertel begeben und nicht nur wegen ihres prominenten Großvaters offene Türen vorgefunden. Das Ergebnis soll demnächst als Fotobuch erscheinen.

Horst-Eberhard Richter wird rund um den Eulenkopf noch immer verehrt. In den 1960er und 1970er Jahren hat der Psychoanalytiker ein Projekt initiiert, in dem sich Studenten viele Jahre lang für eine Verbesserung der Lebensbedingungen im Eulenkopf einsetzten. Das war bitter nötig.

Was nach dem Ersten Weltkrieg in der Margaretenhütte und auf der Gummiinsel umgesetzt wurde, folgte nach dem zweiten Weltkrieg auch im Gießener Osten. Die Stadt errichtete Notunterkünfte für Geflüchtete und Obdachlose. An eine Integration dachte die Stadtgesellschaft nicht, vielmehr wurden die Bewohner so gut es ging segregiert. Der Heyerweg und die umliegenden Straßen entwickelten sich zum sozialen Brennpunkt, Arbeitslosigkeit und Kriminalität waren hoch. Die Menschen lebten in Unterkünften, die die Bezeichnung Baracken kaum verdienten. Richter und seine Studenten hatten maßgeblichen Anteil daran, dass in den Folgejahren nicht nur in bauliche Maßnahmen investiert wurde, sondern auch in die Gemeinwesenarbeit.

»Ich erinnere mich, dass meine Großeltern und meine Mutter oft über den Eulenkopf gesprochen haben. Ich wusste aber gar nicht, was damit gemeint war«, erzählt Merle Forchmann. Der Name habe auf sie merkwürdig gewirkt, aber auch interessant und spannend.

Begegnungen mit Theo, Rosi und Co.

Eingehender beschäftigte sich die 42-Jährige mit dem Thema erst nach dem Tod ihres Großvaters. Denn als Richter 2011 beerdigt wurde, kam auch das Eulenkopf-Urgestein Theo Strippel nach Berlin und erwies Richter die letzte Ehre.

Es sollte noch zehn Jahre dauern, bis Merle Forchmann das Werk des Großvaters für ihr eigenes Schaffen entdeckte. »Während des Lockdowns habe ich angefangen, über die Siedlung zu recherchieren. Auch mit meinen Eltern habe ich gesprochen.« Für eine Fotografin, die sich mit Stadtentwicklungen beschäftigt, ist der Wandel eines Brennpunktes allein schon aus fachlicher Sicht reizvoll. Der persönliche Bezug, sagt Merle Forchmann, habe das Projekt umso besonderer gemacht.

»Hallo, ich bin Merle.« Mit diesen Worten stellte sich die Fotografin bei den Bewohnern vor. »Die Menschen sind mir direkt offen und freundlich begegnet. Als ich dann erzählt habe, dass ich die Enkelin von Horst-Eberhard Richter bin, war das Eis endgültig gebrochen.« In den vergangenen zwei Jahren reiste die Düsseldorferin mehrfach nach Gießen und porträtierte die Siedlung und ihre Menschen. Dabei baute sie auch Beziehungen auf, die über das Fotomotiv hinausgingen. Bei Rosi, die auch das Cover des Fotobuchs ziert, übernachtete Merle Forchmann mehrfach, auch bei anderen Eulenkopf-Bewohnern erlebte sie den Alltag hautnah mit.

Das spiegelt sich auch in den Fotografien wider. Sie zeigen authentische Menschen in einer schroffen Umgebung. Es sind alltägliche Szenen, nicht gestellt, eben so, wie sie Tag für Tag in der Eulenkopf-Siedlung beobachtet werden können.

In den dazugehörigen Interviews geben die Protagonisten Einblicke in ihr Leben - und in ihre Kindheit, in der sie selbst miterlebt haben, wie Horst-Eberhard Richter und seine Studenten aus der einstigen Obdachlosensiedlung einen menschenwürdigen Ort geschaffen haben.

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chh_eulenkopp_160323_4c © Red
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Merle Forchmann Fotografin © Red
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