André Witte-Karp bei der Aufzeichnung des Gottesdienstes in der Pankratiuskapelle. FOTO: SCHEPP
+
André Witte-Karp bei der Aufzeichnung des Gottesdienstes in der Pankratiuskapelle. FOTO: SCHEPP

Auf- und Abbrüche im Zeitraffer

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
    schließen

Was macht Corona mit der Kirche? Ob die Pandemie dazu beiträgt, sie entbehrlicher zu machen oder erst recht Nähe herstellen kann, weiß man noch nicht. Dekan André Witte-Karp sieht Abbrüche und Aufbrüche. Ein Aufbruch ist die positive Resonanz auf digitale Angebote.

Viele Menschen gehen nur an Weihnachten in die Kirche. Das ist dieses Jahr kaum möglich. Sehen Sie die Gefahr, dass die Pandemie die Entfremdung beschleunigt? Nach dem Motto: "Ich brauche die Kirche eigentlich gar nicht, es ging ja auch ohne..."

Bereits seit Ostern im Lockdown machen wir gegensätzliche Erfahrungen. Es gibt Menschen, die keine Gottesdienste oder kirchliche Veranstaltungen besuchen konnten und feststellten, dass ihnen das nicht fehlte.

Es kann aber auch das Gegenteil eintreten?

Ja. Andere stellen sich in diesen beunruhigenden Tagen ganz neu existenzielle und spirituelle Fragen. Der Sinn des Lebens und die Frage nach Gott und dem, was Menschen hoffen lässt, rücken stärker ins Bewusstsein.

Eine Kernkompetenz der Pfarrer und Pfarrerinnen ist es, Gemeinschaft herzustellen. Auch das ist nur eingeschränkt möglich.

Die immer neuen Fragen, vor die uns die Pandemie stellt, das kreative Potenzial und das Organisationsvermögen, das sie verlangt, die Unsicherheit, das alles fordert auch Pfarrerinnen und Pfarrer sehr heraus. Seit Monaten können wir keine Gemeindegruppen einladen. Gottesdienste feiern wir mit Gesichtsbedeckungen. Freude und Trost können wir nicht mit Gesang ausdrücken. Jetzt müssen wir sogar schweren Herzens viele Weihnachtsgottesdienste absagen.

Auch Seelsorge ist schwierig. Sie können nicht wie gewohnt für ihre Schäfchen da sein.

Wir Pfarrerinnen und Pfarrer haben unseren Beruf ergriffen, um Menschen an den schönen Tagen in ihrem Leben wie auch in Krisen und Trauer zu begleiten. Das tun wir gerade auch jetzt. Besonders weh tut es, wenn wir auf Distanz achten müssen, wo Nähe gebraucht wird. Das ist besonders bei Trauergesprächen schmerzhaft. Manches Mal fehlen auch uns die Worte angesichts des Leidens, das Corona bewirkt. Da ist es gut, dass in den biblischen Gebeten und Geschichten so viele tiefgehende und tröstende Erfahrungen aufbewahrt sind.

Aber es gibt Beispiele, wie Seelsorge auch jetzt möglich ist.

Ja. Pfarrerinnen und Pfarrer gehen mit ihren Konfirmanden spazieren und die Jugendlichen erzählen von dem, was Corona mit ihnen macht. Oder: In einem Altenheim hält eine Pfarrerin jeden Tag eine Andacht über die Sprechanlage des Hauses und ist für die Pflegekräfte da.

In den vergangenen Wochen hieß es, die Kirche müsse kreativ sein. Was haben sich die Gemeinden einfallen lassen und wo lagen die Grenzen?

Es gibt viele traditionelle Wege. Es wurden Briefe geschrieben und viel telefoniert. Gemeinden haben an ihre Türen Karten und kleine Geschenke zum Abholen gehängt. Andachten und Predigten werden per Brief versendet.

... und es gibt spannende digitale Wege.

Seit Ostern haben viele Gemeinden einen digitalen Sprung von null auf hundert hingelegt. Seit März erleben wir wie im Zeitraffer Abbrüche, aber eben auch Aufbrüche. Pfarrerinnen und Pfarrer stellen sich vor Videokameras, als hätten sie es nie anders gemacht. Sie haben digitale Plattformen erobert und stellen Gottesdienste auf YouTube ein. Sie produzieren Podcasts mit Musik und Wort zum Hören. Wir feiern inzwischen auch Zoom-Gottesdienste mit der Möglichkeit, aktiv mitzumachen und nicht nur still zuhören zu müssen. Die entsprechenden Links werden auf Instagram, Facebook oder per WhatsApp geteilt. Das alles wird besonders jetzt an Weihnachten zu erleben sein.

Erreicht man dadurch neue Zielgruppen, oder bewegt man sich virtuell eher im kleinen, gewohnten Kreis?

Untersuchungen belegen inzwischen, dass auch kirchenfernere Menschen digitale Angebote der Kirchen anklicken und anschauen. Ich höre immer wieder von Pfarrinnen und Pfarrern, die ebenso irritiert wie erfreut registrieren, dass mehr Menschen ihren Andachten oder Gottesdiensten auf YouTube folgen, als bislang sonntags in die Kirchen kamen.

Sie sind erstaunt über den eigenen Erfolg.

Irgendwie schon. Vor uns liegt ein weiter Raum, in den wir uns Schritt für Schritt hineinbegeben haben. Bei aller Freude über diese Chancen warte ich aber auch sehnsüchtig darauf, dass wir uns wieder von Mensch zu Mensch nah begegnen und das Leben mit vielen feiern können.

Was kommt nach der Pandemie? Wird alles so sein wie früher? Oder wird nichts so sein wie früher?

Ich bin sicher, dass die Pandemie unser Leben und unseren Glauben, unsere Gesellschaft und unsere Kirche nachhaltig verändern wird. Das fördert mitunter die Sehnsucht, es möge alles so bleiben, wie es früher einmal war. Das hat noch nie funktioniert. Menschen sind immer in Bewegung, verändern und gestalten ihr Leben unter den sich verändernden Bedingungen.

Das ist also gar nicht neu.

Richtig. Unsere Glaubensgeschichten erzählen immer wieder von Menschen, die in eine ungewisse Zukunft aufbrachen und sich auf den Wegen durch Gottvertrauen gestärkt fühlten. Nicht zuletzt gehört zum Selbstverständnis unserer Kirche, dass sie sich ständig auch verändern muss.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare