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Das Gießener Institut für Geschichte der Medizin sitzt in der Iheringstraße. FOTO: SCHEPP

Auch Kinder nicht verschont

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Mindestens vier Kinder starben vor rund 70 Jahren in Königstein an Medikamentenversuchen in der Tuberkulose-Heilanstalt Mammolshöhe. Jetzt lässt der Landeswohlfahrtsverband (LWV) dieses Geschehen durch den Gießener Medizinhistoriker Volker Roelcke wissenschaftlich aufarbeiten.

Anfang 2018 hatte ein Bericht der Frankfurter Rundschau über die Ereignisse die Landesregierung und den Landeswohlfahrtsverband aufgeschreckt. Der LWV zeigte sich "außerordentlich erschrocken", da er bisher nichts über die Todesfälle auf der Mammolshöhe gewusst habe, und kündigte gemeinsam mit dem Sozialministerium Aufklärung an.

Es dauerte zwei weitere Jahre, bis der LWV nun einen Wissenschaftler damit betraute. Der Gießener Medizinhistoriker Volker Roelcke soll den Medikamententests nachgehen. Er soll herausfinden, welche Behandlungsmethoden zum Einsatz kamen und inwieweit sie auf einem rassistischen oder eugenischen Gedankengut aufbauten. Denn die tödlichen Versuche wurden von Werner Catel unternommen, der 1947 vom hessischen Innenministerium zum Leiter der Heilanstalt Mammolshöhe berufen worden war. Catel war ein Arzt, der an der Tötung kranker Kinder in der Nazizeit mitgewirkt hatte und der diese Taten bis weit in die Bundesrepublik hinein verteidigte.

NS-Geschichte im Blick

Roelcke soll bis Mitte nächsten Jahres Ergebnisse vorlegen. Der Forscher sagte der Frankfurter Rundschau, er und sein Team wollten die Akten des Personals und der Patienten sowie relevante Verwaltungsakten auswerten, soweit sie noch vorhanden seien.

Erforscht werden solle, wer vom Personal der Mammolshöhe Mitglied von nationalsozialistischen Organisationen oder an NS-Medizinverbrechen beteiligt gewesen sei. Roelcke nennt das Projekt "eine wichtige Ergänzung der bisherigen Forschung zur Kontinuität eines Denkens in der Medizin, das Menschen über ihren vermeintlichen biologischen Wert definiert und auch bereit ist, die Produktion von neuem wissenschaftlichem Wissen über das Individualwohl von Patienten zu stellen".

Für die Arbeit zahlt der LWV nach eigenen Angaben 111 000 Euro an die Universität Gießen. Davon steuert das Land 50 000 Euro bei. Die Anstalt für tuberkulosekranke Kinder gehörte ab 1953 zum Landeswohlfahrtsverband und davor zu einer Vorgängerorganisation, dem Bezirks-Kommunalverband Wiesbaden.

Catel hatte auf der Mammolshöhe ein nicht zugelassenes Präparat gegen Tuberkulose mit der Bezeichnung "TB I 698" (Thiosemicarbazon) an Kinder verabreicht. In einem Artikel für die "Deutsche Medizinische Wochenschrift" berichteten zwei seiner Mitarbeiter 1949, dass er das Medikament an 61 Patienten im Alter von neun Monaten bis 22 Jahren getestet habe. Die Ärzte bemerkten "bedenkliche, zu größter Vorsicht mahnende toxische Wirkungen". Dabei "konnten wir leider bei zwei Patienten, trotz Beachtung aller Sorgfaltspflichten, den tödlichen Ausgang nicht abwenden".

Die jüngere Forschung kommt zum Ergebnis, dass mindestens zwei weitere Kinder durch Catels Medikamententests zu Tode kamen. Beim letzten dieser Todesfälle starb demnach ein zehnjähriges Mädchen unter der Behandlung mit dem Präparat, das inzwischen für Erwachsene unter dem Markennamen Conteben zugelassen war. Erst ihr Tod habe bei Catel zu der Einsicht geführt, dass das Präparat bei Kindern unter sechs Jahren gar nicht und bei Kindern unter zwölf "nur in besonderen klinischen Situationen" angewendet werden dürfte, schrieb Thomas Gerst vor 20 Jahren.

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