Barbara Etz beim Krzysztof Kieslowski Festival in Sokolowsko (2018) mit einem polnischen TV Team. FOTO: ANDREAS VOIGT
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Barbara Etz beim Krzysztof Kieslowski Festival in Sokolowsko (2018) mit einem polnischen TV Team. FOTO: ANDREAS VOIGT

Auch in Gießen wurde belauscht

  • vonDagmar Klein
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Im Rahmen der aktuell erneut geschlossenen Ausstellung "Feuer und Flamme - Gießen in den 80er Jahren" sollte am heutigen 12. November im Oberhessischen Museum der Dokumentarfilm "Alles unter Kontrolle - Notizen auf dem Weg zum Überwachungsstaat" gezeigt werden. Regisseurin Barbara Etz hat viele Jahre in Gießen gelebt.

Barbara Etz hatte sich schon so auf die Präsentation ihres Dokumentarfilms "Alles unter Kontrolle - Notizen auf dem Weg zum Überwachungsstaat" im Oberhessischen Museum gefreut. Sie hoffte auf die eine oder andere Wiederbegegnung. Schließlich hat die Regisseurin einige Jahre in der Stadt gelebt. Und sie war gespannt, wie das Publikum den Film zum Thema Lauschangriff zur Gefahrenabwehr versus Datenschutz und Privatsphäre fast 40 Jahre nach seiner Entstehung aufnehmen würde. Wegen Corona musste die Veranstaltung aber abgesagt werden.

Rodeln in der Ebelstraße

Ihre Kindheit verbrachte Etz in Südhessen. Anfang der 70er Jahre zog die Familie nach Kleinlinden, da war Barbara 13 Jahre alt. Gießen kannte sie bereits aus Kindertagen, da die Großeltern in der Ebelstraße wohnten, weitere Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen in der Stadt lebten. "Wir waren dort oft zu Besuch." Vor allem an die Winterabende erinnert sie sich gern: "Da sind wir Kinder die ganze Ebelstraße runtergerodelt. Damals gab es kaum Verkehr und an der Wilhelmstraße hatten wir immer einen Wachposten aufgestellt."

Anfang der 70er Jahre in Gießen, das waren bewegte Zeiten. Zwei ihrer älteren Brüder engagierten sich im SDS (= Sozialistischer Deutscher Studentenbund). Es gab heftige politische Diskussionen daheim. "Mein konservativ denkender Vater auf der einen, meine Brüder auf der anderen Seite. Und meine Mutter versuchte mit gutem Essen zu beruhigen, was nicht immer gelang. Ich fand’s spannend. Mit dieser Debattenkultur bin ich groß geworden."

Ihre Zeit auf der Ricarda-Huch-Schule war geprägt von politischer Reifung und Willensbildung. "Es gab einige fortschrittliche Lehrer, die uns Schülerinnen den Freiraum gewährten, selbst zu denken und zu handeln", sagt sie im Rückblick. Für ein Schulpraktikum in der Arbeitswelt suchte sie sich das Theater aus. "Wenn ich mich recht entsinne war ich die erste Schülerin, die am Gießener Stadttheater ein Schülerpraktikum absolvierte." Mit dieser Erfahrung stand ihre berufliche Ausrichtung fest, Theater sollte es sein. "Bis zum Abitur jobbte ich neben der Schule in den unterschiedlichsten Produktionen und Funktionen am Stadttheater. Außerdem tummelte ich mich in der Freien Theaterszene in Gießen."

Nach dem Abitur nahm sie ein Studium der Germanistik und Kunstwissenschaften in Marburg auf, bewarb sich parallel an verschiedenen Bühnen. Am Theater am Turm (TaT) in Frankfurt, nahm sie Hermann Treusch, Leiter des Kinder- und Jugendtheaters, zunächst als Volontärin, dann als Regieassistentin. 1979 wurde das Ensemble abgewickelt. Dann wollte sie unbedingt nach Berlin, was damals bedeutete, nach West-Berlin. Mit ihrem damaligen Lebensgefährten und der gemeinsamen Tochter zog sie dorthin. Und lernte, wie schwierig es ist, mit einem Baby einen Job am Theater zu bekommen. So kam sie zum Film.

Insgesamt war ihr Leben in Berlin nicht einfach. "Es gab eine regelrechte Wohnungsnot in West-Berlin um 1980 herum. Wir hatten nicht viel Geld, lebten in einer großen WG. Über den dort ebenfalls wohnenden Kameramann lernte ich dann eine kleine Produktionsfirma kennen, die gerade einen Dokumentarfilm über Wohnungsnot und Hausbesetzer in Berlin vorbereitete. Ich hatte durch unsere Wohnungssuche Kontakte in die Hausbesetzer-Szene und so fing ich an, in dieser Produktion mitzuarbeiten." Daraus entstand der Kollektivfilm, "Schade, dass Beton nicht brennt", keine einfache, aber hoch spannende Arbeit, wie sie sich erinnert. Nun wollte sie mehr über Film erfahren und begann ein Filmstudium.

Freunde wurden überwacht

Auch während der Berliner Zeit war Barbara Etz oft in Gießen, schließlich lebten Freunde und Familie dort. Eine Gießener Freundin erzählte ihr von einem Mann, der für die technischen Voraussetzungen bei der verdeckten Personenüberwachung des BKA (= Bundeskriminalamt) verantwortlich war, aber zunehmend Unbehagen bei seiner Arbeit verspürte. Gemeinsam mit dem Kameramann Niels Bolbrinker nahm sie Kontakt zu ihm auf. Aus seinen Berichten über Observationen erfuhr sie zu ihrer Überraschung, dass einige Gießener Freundinnen und Freunde davon betroffen waren. Das Druckkollektiv genauso wie Privatpersonen.

Das war der Beginn der Arbeit an dem Film "Alles unter Kontrolle". "Das Thema ›Überwachung‹ war 1983/84 virulent und erlebt ja gerade eine Renaissance. Im Film zitieren wir in nachgestellten Szenen aus einem Interview von Horst Herold, dem ehemaligen BKA-Chef. Dagegen erwirkte Herold kurz vor der Premiere eine einstweilige Verfügung, woraufhin der Filmverleih vom Verlag der Autoren sich nicht traute, den Film ungekürzt zu zeigen. Er kam zunächst nur verstümmelt auf die Leinwände. Am Premierenabend stand die Polizei in München und in Hamburg in den Kinos und überwachte die Einhaltung der einstweiligen Verfügung. Viele Kinos scheuten sich im Weiteren, den Film zu zeigen - aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen."

Nach dem Studium arbeitete sie fürs Fernsehen, erhielt Lehraufträge für Film und Dramaturgie, unter anderem an der Uni Gießen. In Hannover entwickelte sie die Drehbuchwerkstatt für das niedersächsische Film- und Medienbüro. 1995 realisierte sie eine Doku-Serie mit 50 Kurzfilmen für den NDR. Voraussetzung für diesen Auftrag war eine Produktionsfirma mit Sitz in Hannover, daher gründete sie die Barbara Etz Filmproduktion.

Im Übrigen war Etz mehrfach mit Filmen im Kino Traumstern in Lich zu Gast, sie hat Respekt vor den Machern, die ihren Anspruch stets hochhalten. "2016 wurde dort "Als wir die Zukunft waren" gezeigt, Geschichten aus einem verschwundenen Land von sieben ehemaligen DDR-Regisseuren, die über ihre Jugend berichten. Die meisten westdeutschen Kinos scheuten sich, einen Dokumentarfilm mit DDR-Thematik zu zeigen."

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