Auch das ist Gießen

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
    schließen

Einwohner- und Bauboom, mehr Wirtschaftskraft sowie eine immer vielfältiger werdende Gastro- und Kulturszene: Diese Trends haben Gießen in diesem Jahrtausend bislang geprägt. Der aktuelle Sozialbericht der Stadt zeigt die andere Seite der "Boomtown". Mehr als jedes vierte Kind lebt in Armut.

Inge Bietz muss man Gießen nicht erklären. Seit fast 30 Jahren sitzt die Sozialpolitikerin für die SPD in der Stadtverordnetenversammlung. Unzählige Vorlagen hat sie mitbeschlossen, in denen es um die Verbesserung der Lebensverhältnisse für jene Gießener geht, die an Orten in der Stadt leben, die ehedem "Soziale Brennpunkte" genannt wurden. "Die Grundstruktur unserer Stadt kennen wir seit vielen Jahren", sagte sie bei der letzten Sitzung des Sozialausschusses mit Blick auf den vom Magistrat vorgelegten Sozialbericht für die Jahre 2018 und 2019.

Im Mittelpunkt dieser "Grundstruktur" steht mit der Langzeitarbeitslosigkeit ein Problem, das seit Jahrzehnten besteht und vor den Arbeitsmarktreformen der Regierung von SPD-Kanzler Gerhard Schröder in einer hohen Sozialhilfequote zum Ausdruck kam. Ein bisschen positive Bewegung hat es 2019 aber gegeben. Hier die wichtigsten Themenfelder des Sozialberichts:

Langzeitarbeitslose:Von den gut 74 000 Einwohnern unter 65 Jahren bezogen im Jahr 2019 erstmals seit längerer Zeit mit 9955 weniger als 10 000 Gießener Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II (Arbeitlosengeld II/Hartz IV). Das entspricht im Vergleich zu den Vorjahren einer leicht gesunkenen Quote von 13,4 Prozent. 25,5 Prozent beträgt die Langzeitarbeitslosenquote in der Weststadt, 22,6 Prozent in der Nordstadt. Auch diese Quoten sind leicht gesunken.

Beschäftigung wächst

Kinderarmut:Von den knapp 12 000 Kindern und Jugendlichen lebten 2019 fast 3140 in Bedarfsgemeinschaften (26,3 Prozent). Das ist mehr als ein Viertel. Hier gibt es bei den absoluten Zahlen und der Quote keine Veränderungen. Das Amt für soziale Angelegenheiten sieht darin einen "Indikator für Kinder- und Jugendarmut" in Gießen. Am höchsten ist sie mit gut 43 Prozent in der Weststadt, in der Nordstadt leben 38,5 Prozent der unter 18-Jährigen in einer Bedarfsgemeinschaft. Im Ostviertel (25,4) und in der Innenstadt (25,5) ist die Quote ebenfalls hoch, wobei die Quoten in diesen "Sozialräumen" ganz leicht gesunken sind.

Arbeitslosigkeit:Dagegen haben sich die Zahlen zur Kurzzeitarbeitslosigkeit mit der verbesserten Wirtschaftslage auch in Gießen entspannt. 2018 lag die Quote bei 5,2, im Folgejahr bei 5,6. Von den 64106 Gießenern im erwerbsfähigen Alter waren im vergangenen Jahr fast 3400 ohne Arbeit. Der einzige Stadtteil mit einer noch zweistelligen Arbeitslosenquote ist die Weststadt (10,1).

Beschäftigung: Die Quote der sozialversicherungspflichtig beschäftigen Gießener ist gestiegen, nunmehr auf 47,4 Prozent, was 30 000 von 64 000 Stadtbewohnern im erwerbsfähigen Alter (15 bis 65) entspricht. Vor zwölf Jahren lag diese Quote noch bei weniger als 41 Prozent.

Ausländer:Im Vergleich zur Zeit um 2007 bis 2009, als der von der Uni-Professorin Ute Maier-Gräwe erstellte Sozialstrukturatlas entstand, ist auch der Ausländeranteil gestiegen. Damals lag er bei 12,7 Prozent (9285 Personen), aktuell bei rund 18 Prozent. In absoluten Zahlen lebten Ende 2019 über 15 795 Nichtdeutsche in der Stadt. In der von der Stadt vorgelegten Länderstatistik bildet sich auch die Zuwanderung durch Flüchtlinge ab. Mit 1683 Personen stellen die Syrer mittlerweile hinter den Türken (2080) die mit Abstand größte Gruppe der Nichtdeutschen.

Gießen-Pass:Der Kreis der Anspruchsberechtigten für den Sozialtarif, der zu einem ermäßigten Eintritt städtischer Einrichtungen und dem Kauf ermäßigter Busfahrkarten berechtigt, ist zuletzt deutlich gesunken. Nach 5480 Pässen in 2018 waren 2019 nur noch 5171 in Umlauf.

In der kurzen Debatte im Ausschuss monierte Linken-Fraktionschef Matthias Riedl das Fehlen von "Handlungsempfehlungen" in dem Bericht, was SPD und Grüne als Kritik am Umfang ihrer Anstrengungen verstanden. "Wir machen in Gießen sozialpolitisch viel und mehr als andere Städte", sagte Grünen-Fraktionschef Klaus-Dieter Grothe und Stadträtin Astrid Eibelshäuser verwies auf die laufenden Förderprogramme für die nördliche Weststadt, das Flussstraßenviertel und die Siedlung Eulenkopf.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare