Ein Blick ins Viertel: Laut der Untersuchung lebt jedes zweite Kind des Flussstraßenviertels in Armut. 	FOTO: SCHEPP
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Ein Blick ins Viertel: Laut der Untersuchung lebt jedes zweite Kind des Flussstraßenviertels in Armut.

Neue Untersuchung

Gießen: Armut im Flussstraßenviertel? So sehen die Zahlen im Viertel wirklich aus

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Das Flussstraßenviertel in Gießen ist ein Mikrokosmos. Gut 1500 Menschen leben hier, viele davon in Armut. Ein von der Stadt beauftragtes Monitoring liefert nun Details über Arbeitslosigkeit und vieles mehr.

Gießen - Es liegt nicht nur an der kalten Jahreszeit, dass das Flussstraßenviertel trostlos erscheint. Die nach dem Krieg erbauten Häuser haben ihre beste Zeit längst hinter sich. Risse ziehen sich über die verschmutzten Fassaden, das Mauerwerk ist marode und neben den Mülleimern liegen nicht selten leere Schnapsflaschen. Auch Menschen, die nicht aus Gießen kommen, dürfte beim Anblick des Areals zwischen Sudetenlandstraße und Schwarzlachweg schnell klar werden, dass hier vor allem arme Menschen leben. Oder, wie es Stadträtin Astrid Eibelshäuser formuliert: »Es ist bekannt, dass hier überdurchschnittlich viele Menschen wohnen, die über wenig Resourcen verfügen.« Diesen Eindruck untermauert nun ein Sozialraum-Monitoring mit Fakten. Dafür wurden Daten aus 2019 gesammelt und mit jenen aus 2016 verglichen. Die Untersuchung soll regelmäßig wiederholt werden. Am Montag haben Eibelshäuser sowie Phillip Winkelnkemper (JLU, Dezernat Soziale Stadterneuerung) und Anna Hoffmann (Leitung Soziale Stadterneuerung) die Ergebnisse vorgestellt.

Demnach leben im Flussstraßenviertel 1557 Menschen, darunter fast genauso viele Frauen wie Männer. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen ist mit 14,5 Prozent leicht höher als in der Gesamtstadt. 12,1 Prozent der Bewohner sind über 65 Jahre alt, dieser Anteil ist etwas geringer als im Rest von Gießen. Was auffällt: Das Flussstraßenviertel ist eines der Gießener Gebiete mit dem höchsten Anteil ausländischer Mitbürger. Demnach haben 34,1 Prozent der Bewohner nicht die deutsche Staatsangehörigkeit. Im Rest von Gießen sind es nur 17,8 Prozent. Eibelshäuser weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass besonders in der Altersgruppe der über 65-Jährigen Ausländer vertreten sind. »Das liegt vor allem daran, dass im Flussstraßenviertel viele einstige Gastarbeiter leben.«

Gießen: Arbeitslosigkeit im Flussstraßenviertel deutlich über Stadt-Schnitt

Es liegt auf der Hand, dass in einer weniger attraktiven Gegend wie dem Flussstraßenviertel die Arbeitslosigkeit höher ist als etwa am Südhang. Laut Monitoring sind 162 der insgesamt 1557 Viertelbewohner arbeitslos. Bezogen auf die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter ist das eine Quote von 13,8 Prozent - im Rest der Stadt sind es 5,6.

Besonders die älteren Bewohner sind von Arbeitslosigkeit betroffen. Über ein Fünftel (21,6 Prozent) sind über 55 Jahre alt, in der Gesamtstadt sind es 16,4 Prozent. Auffällig ist zudem, dass der Anteil der arbeitslosen ausländischen Bewohner unter dem entsprechenden Anteil der Gesamtstadt liegt, und das trotz ihres deutlich höheren Bevölkerungsanteils. Winkelnkemper nennt hier als einen Grund die Tatsache, dass im Flussstraßenviertel kaum Geflüchtete leben. Im Gegensatz zu den einstigen Gastarbeitern haben diese Menschen erst einen überschaubaren Zeitraum am deutschen Arbeitsmarkt verbracht.

Flussstraßenviertel Gießen: 73,5 Prozent ohne Berufsausbildung

Ein Grund für die hohe Arbeitslosigkeit rund um den Schwarzlachweg ist fehlende Schul- und Berufsbildung. »73,5 Prozent haben keine abgeschlossene Berufsausbildung, ein Fünftel hat keinen Schulabschluss«, sagt Winkelnkemper. Besonders prekär: 108 Kinder und Jugendliche wohnen in Bedarfsgemeinschaften nach dem SGB II, sie sind also auf Grundsicherung angewiesen. »Das entspricht fast der Hälfte der dort wohnhaften Kinder«, sagt Winkelnkemper und betont, dass die Grundsicherung als Indikator für Kinderarmut interpretiert werden könne.

Die Untersuchung zeichnet also ein düsteres Bild über das Flussstraßenviertel. Eibelshäuser sieht aber auch positive Tendenzen. So sei in den vergangenen Jahren viel in Sachen Bildung, Nachbarschaftshilfe und Teilhabe unternommen worden. Die Stadträtin verweist zudem auf die Neubauten in der Fuldastraße und hebt auch die Aufnahme in das Bund-Länderprogramm »Soziale Stadt« hervor. Positiv sei zudem, dass sich einige Zahlen im Vergleich zur Untersuchung in 2016 verbessert oder zumindest nicht verschlechtert hätten. »Das zeigt, dass die Bewohner an der positiven Entwicklung in der Stadt partizipieren und nicht abgehängt sind.« Trotzdem wolle man die Ergebnisse zum Anlass nehmen, bestehende Maßnahmen zu überprüfen. Außerdem vertritt die Stadträtin die Meinung, dass im Viertel durch die Rahmenplanung, die eine völlige Neustrukturierung in den nächsten Jahrzehnten vorsieht, auch mehr Heterogenität entstehen werde. Gleichzeitig betont Eibelshäuser, am Prinzip des öffentlich geförderten Wohnungsbaus festhalten zu wollen. »Uns ist wichtig, dass diejenigen, die hier leben, nicht vertrieben werden.«

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