Vier Personen stehen mit Bierflaschen in der Hand, in einem Garten.
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Arash Marandi (buntes Hemd), der in Gießen aufgewachsen ist, ist in der neuen ARD-Serie »All you need« einer von vier schwulen Hauptdarstellern.

Diversität im Fernsehen

ARD-Serie „All you need“: Gießener spielt schwule Hauptrolle

  • Daniel Beise
    VonDaniel Beise
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Die ARD-Serie »All you need« hat vier schwule Protagonisten. Arash Marandi aus Gießen spielt als Heterosexueller eine der Hauptrollen – das passt nicht allen.

Gießen – Relativ spät, monieren manche. Warum keine schwulen Schauspieler für schwule Rollen, fragen andere kritisch. Bis auf diese beiden Kritikpunkte überwiegt aber die positive Resonanz auf die neue ARD-Miniserie »All you need«, die erstmals im Öffentlich-rechtlichen TV vier schwule Männer zwischen Mitte 20 und Anfang 40 in den Fokus der Fiktion rückt.

Sie wurden im Casting ausgewählt - egal, ob hetero- oder homosexuell - aufgrund der Abwesenheit von toxischer Männlichkeit. Diese Aussage sei das größte Kompliment gewesen, das ihnen der schwule Regisseur der Serie, Benjamin Gutsche, gemacht habe, erzählt der in Berlin lebende Arash Marandi, einer der vier Protagonisten. Gemeint ist mit toxischer Männlichkeit ein Selbstbild, das keine emotionalen Schwächen duldet und von Dominanz, Arroganz und Herabsetzung anderer geprägt ist. Frauen- und Schwulenfeindlichkeit bis hin zu Gewalt gehen zuweilen damit einher.

Schauspieler aus Gießen: Sexuelle Orientierung sollte keine Rolle spielen

Marandi, der iranische Wurzeln hat und in Gießen aufgewachsen ist, betont: »Wir wurden nicht nach sexueller Orientierung ausgewählt. Zudem weiß unser Regisseur sehr gut, wie er das Thema erzählen sollte, da er selbst aus der Community kommt.« Ohnehin werde man bei Castings idealerweise nicht nach seiner sexuellen Orientierung gefragt. Diese sollte auch nicht Ausschlusskriterium für eine Besetzung sein.

»Für mich«, so erklärt der 36-Jährige weiter das Schauspielern, »macht die Sexualität einer Figur erstmal keinen Unterschied«. Er habe nach Anknüpfungspunkten gesucht, die er mit dem Charakter Levo gemein habe: Wir leben beide in Berlin, sind recht umtriebig und feiern gerne; und sind beide emotional-soziale Menschen.« Levo sei als Schwuler emanzipiert - eine Figur, die sexuell unterdrückt lebe, hätte Marandi vermutlich nicht so leicht spielen können, sagt er, weil er keine vergleichbaren Erfahrungen gemacht habe. Seine Rolle in dem mexikanischen Arthouse-Film »Fireflies« sei für ihn beispielsweise schwieriger gewesen, da er einen Homosexuellen gespielt hat, der vor der Unterdrückung im Iran geflohen ist.

Kussszene hat für den Schauspieler aus Gießen super funktioniert

Regisseur Gutsche habe die Schauspieler super angeleitet; darüber hinaus würden beispielsweise Liebesszenen heute »sehr professionell« ablaufen - samt speziellem Intimacy-Coach und einem Set, an dem nur die wichtigsten Akteure dabei sind. »Ob schwul oder nicht, das ist immer erstmal ein anderer Mensch, mit dem man sensibel umgehen muss«, beschreibt Marandi Kussszenen. Mit Schauspieler Mads Hjulmand habe das super funktioniert.

Die fünfteilige Serie »All you need«, die die Firma Ufa für die ARD-Mediathek produziert hat, erzählt von Medizinstudent Vince (Benito Bause), der beim Feiern Fitnesstrainer Robbie (Frédéric Brossier) kennenlernt. Daraus könnte endlich auch mal etwas Festes für Vince werden. Levo ist sein bester Freund und Mitbewohner, zieht aber zu Beginn der Serie mit dem frisch geouteten Familienvater Tom (Mads Hjulmand) in die Vorstadt. Die in Summe zweieinhalb Stunden sind bereits online zu sehen; am Sonntag (16. Mai) und Montag (17 . Mai) wird die Serie auf ARD ONE ausgestrahlt. Eine zweite Staffel ist bereits bestätigt.

Serie mit Schauspieler aus Gießen handelt auch von Freundschaft und Lebenswandel

Die Serie behandelt nicht allein das schwule Leben mit Partys und Sex, tollen und natürlich auch schwierigen Momenten. »Es geht um große Themen wie Freundschaft, um Fortschritt und Lebenswandel«, bekräftigt Marandi. Um fünf Freunde, darunter noch eine alleinstehende Frau, gespielt von Christin Nichols, »die amüsante und auch schmerzvolle Erfahrungen machen«. Dabei sei die Erzählung »lustig, charmant und rührend«. Levo sei eine Figur, die Witz einbringe, freche Sprüche auf Lager habe und die Gruppe als Motivator zusammenhalte. »All you need« zeige mit leichten und unterschiedlichen Zugängen »authentisch« das Leben Homosexueller in Berlin.

Tatsächlich gab es in den öffentlich-rechtlichen Programmen, wie überhaupt im deutschen Fernsehen, wenn überhaupt nur sehr vereinzelt echte Identifikationsfiguren für queere Menschen. Gemeint sind damit markante Rollen, die bestenfalls kollektiv, also in einer breiteren Masse wahrgenommen werden. So betonte auch der Drehbuchautor und Regisseur Gutsche im Vorfeld der Veröffentlichung: »Wir haben das Jahr 2021 und noch immer werden im deutschen Fernsehen Charaktere aus der LGBTQI-Community hauptsächlich als Nebenfiguren erzählt. Ich freue mich, dies mit ›All you need‹ endlich ändern zu können. Und das ist hoffentlich nur der Anfang.«

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