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Archivarbeit voller Emotionen

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Von: Karola Schepp

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Nora Krug (oben rechts im Bild) erläutert bei der digitalen Lesung, warum sie Caspar David Friedrichs Gemälde als Illustrationsgrundlage für ihre Frage »Wie kann man begreifen, wer man ist, wenn man nicht versteht, woher man kommt?« genommen hat. SCREENSHOT © Red

Aus New York war am Dienstagabend Nora Krug zur zweiten digitalen Lesung des Literarischen Zentrums zugeschaltet. Die Autorin und Illustratorin gab Einblick in ihr Buch »Heimat«. Und weil im digitalen Format das Publikum parallel Einblick in die Graphic Memoir nehmen konnte, wurde die Lesung zu einem faszinierenden Werkstattgespräch.

Bei allen Klagen über die coronabedingten Bedingungen, wonach aktuell Lesungen nur im digitalen Raum stattfinden können, zeigte eine Veranstaltung des Literarischen Zentrums mit der amerikanisch-deutschen Autorin und Illustratorin Nora Krug doch eindrucksvoll, welcher Zugewinn dadurch auch möglich ist. Nicht nur die Tatsache, dass sich rund 80 Teilnehmer zur kostenlosen Webex-Sitzung zugeschaltet hatten, war bemerkenswert. Auch die digitalen Präsentationen, in denen man die Entstehung der Graphic Memoir mit Zeichnungen und späteren Texteinfügungen schrittweise mitverfolgen konnte, beeindruckten.

Nora Krug, in Deutschland geboren und seit vielen Jahren in New York lebend, las nicht nur Ausschnitte vor, sondern gab auch in der Fragerunde ausführlich Auskunft, warum sie das Buch geschrieben hatte, wie sehr sie die Erforschung ihrer Familiengeschichte gefordert hatte und was sie von »Heimat« erhofft.

»Geschichte besteht aus Geschichten, nicht nur aus Fakten, sondern auch aus persönlichen Erlebnissen«, betonte Krug im von Thomas Möbius und Nina Hainmüller moderierten Gespräch. In »Heimat« setzt sie wie in einer Collage historische Dokumente, Flohmarktfunde, Bilder aus ihrem Familienalbum und enzyklopädische Seiten mit Erläuterungen zu »typisch deutschen Dingen« zusammen. Der schon als 18-jähriger Soldat gefallene Onkel und der Großvater, der als Fahrlehrer unter den Nazis arbeitete, standen im Mittelpunkt ihrer Recherche.

Komplexes Bild der Deutschen

»Mir fehlte die individuelle Auseinandersetzung mit der Schuldfrage«, berichtete Krug über ihre Schulzeit. Dieses Thema dürfe man nicht allein den Institutionen und der Schule überlassen. Sie selbst aber habe die Distanz gebraucht - geografisch, kulturell und generationsbedingt -, um sich des Themas anzunehmen, und habe beim Schreiben als in New York lebende Deutsche mit jüdischen Nachbarn und jüdischem Ehemann zunächst ein amerikanisches Publikum vor Augen gehabt.

Eindrucksvoll war ihr Leseauszug aus jenem Kapitel, in dem sie vom Ausflug mit Vater und Mutter nach Italien berichtet, wo die Familie auf einem Soldatenfriedhof das Grab des unbekannten Onkels aufsucht. Die Geschichte jenes gefallenen Franz-Karl hatte wie ein dunkler Schatten über dem deutlich später geborenen Bruder gleichen Namens, Nora Krugs Vater, gehangen. Die Tochter hatte auf ihrer Spurensuche nach dem Wesen des unbekannten Onkels auch dessen Schulaufsätze gefunden, in denen er, im propagandistischen Stil der Zeit, Juden als »Giftpilze« verunglimpfte und sich als Nazi auswies.

»Die Archivarbeit war für mich auch immer ein emotionales Erlebnis«, erzählte Krug, legte aber Wert darauf, dass das mittlerweile in 16 Ländern erfolgreiche Buch auch von ihrer Person gelöst einen Beitrag leisten könne, zu zeigen, wie Vergangenheitsbewältigung stattfinden kann - ehrlich und frei von Sentimentalität.

»Der Akt des Zeichnens ist für mich auch eine Form des Zeuge seins«, betonte Krug. Sie habe daher großen Wert darauf gelegt, möglichst Originaldokumente in die Graphic Memoir aufzunehmen. Ihr Ziel sei es gewesen, ein »komplexes Bild der Deutschen« zu liefern und das Tabu zu brechen, dass wir in unseren eigenen Familien so wenig nachfragen, was früher war.

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