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Wo die Arbeit wartet

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Gießen (khn). Arbeit hat für viele Menschen einen hohen Stellenwert. Sie verdienen damit nicht nur ihren Unterhalt, sondern definieren sich auch darüber. Die Arbeitsagenturen sind dementsprechend Orte der Hoffnung und der Enttäuschung, der Freude und des Frusts. Das gilt auch für Hunderte von Menschen, die tagein, tagaus den Eingangsbereich der Arbeitsagentur Gießen an der Nordanlage passieren.

"Tür öffnet": Eine blecherne Frauenstimme kündigt es an, und schon rumpeln die Türen des größten der drei Fahrstühle im Erdgeschoss auseinander. 1800 Kilogramm kann er tragen, 24 Personen passen hinein. Doch gefühlt ist die Last, die alleine eine Person in diesen engen vier Wänden auf den Schultern trägt, viel schwerer. Auf der vierten Etage steigen zwei junge Menschen ein. Sie sehen aus, als hätten sie den Schulabschluss frisch in der Tasche. Die Welt könnte ihnen offen stehen. Die blonde junge Frau steht aufrecht in der Mitte des Fahrstuhls. Ihr Begleiter, ein schmaler junger Mann mit braunen Haaren, hält den Kopf gesenkt und drückt sich gegen die Fahrstuhlwand. "Schick doch einfach die Bewerbung hin", sagt sie ihm mit einer unheimlich sanften Stimme, die geradezu dazu gemacht ist, nachzuhallen. "Absagen kannst du am Ende immer noch."

Am Standort Nordanlage sind neben den Beratungs- und Vermittlungskräften, die für Menschen aus der Stadt oder dem Landkreis zuständig sind, noch andere Bereiche der Arbeitsagentur untergebracht: die Familienkasse Hessen, Bearbeitungsteams, die für einen internen Zusammenschluss aus den Standorten Gießen, Limburg-Wetzlar, Bad Homburg und Wiesbaden zuständig sind. Ausgezahlt werden hier außerdem das Arbeitslosengeld und Fördermittel für Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Berufsanfänger. Ein Amt also mit zentraler Bedeutung.

Der Fahrstuhl riecht nach Arbeit. Momentan wird er für den Transport von Baumaterial genutzt. Das erste und zweite Stockwerk sind wegen Renovierung für Besucher gesperrt. Die Wände sind mit anthrazitfarbenem Hartplastik sowie weißem und gelbem Paketband abgeklebt, damit sie nicht beschädigt werden. Irgendjemand hat einen weißen Handabdruck hinterlassen. An der Wand neben den Aufzügen hängt ein Plakat: "Irgendwas mit Zukunft. Hereinspaziert."

Nach der Zigarette

In den Fahrstuhl herein schlendern zwei Agenturmitarbeiter. Sie haben draußen eine Zigarettenpause gemacht und kehren an ihren Arbeitsplatz zurück. Viele erinnerungswürdige Worte wechseln sie in den wenigen Sekunden, in denen der Lift nach oben rauscht, nicht. Für sie ist das Ein- und Ausgehen Arbeitsalltag. Was von ihnen an diesem Vormittag bleibt, ist der Geruch von kaltem Rauch.

Im siebten Stock der Arbeitsagentur gab es mal eine Kantine. Jetzt ist die Tür dort verschlossen. Von ganz oben fährt der Fahrstuhl in wenigen Sekunden wieder ins Erdgeschoss. Ein Mann steigt ein, die große Sonnenbrille ins Haar gesteckt. Er trägt Rucksack, Jackett - und lächelt. Er habe jetzt einen Termin, sagt er. Wie der ausgehen wird? "Ich hoffe positiv", antwortet er, als er aussteigt. Hinter ihm ertönt wieder die blecherne Frauenstimme: "Tür schließt".

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