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Antike Tracht in voller Pracht

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Der Titel der Ausstellung "Kleider machen Leute" in der Antikensammlung irritiert ein wenig. Denn in der Schau geht es nicht um Gottfried Kellers gleichnamige Novelle, sondern um Margarete Bieber und ihre Studien zur antiken Tracht. Und das ist hochspannend - auch weil damit Biebers spektakuläre Habilitation vor 100 Jahren gewürdigt wird.

Es muss in den 1920/30er Jahren ein merkwürdiges Szenario gewesen sein, als eine Frau auf einem Pferd vor dem Gießener Zeughaus für die Kamera posierte - mit einem Bettlaken kunstvoll um den Leib drapiert und einem Speer in der Hand. Die unbekannte "Amazone" ist als kleines Foto in einem der Bücher von Margarete Bieber über die Entwicklungsgeschichte antiker Trachten im Kleinformat zu sehen. In der neuen Sonderausstellung im Wallenfels’schen Haus gehört das Bild im Großformat zu den zahlreichen Darstellungen, die die Forschung der berühmten Gießener Archäologin zu antiken Trachten eindrücklich dokumentieren.

Recke gibt Memoiren heraus

Die Sonderausstellung "Kleider machen Leute" haben Dr. Michaela Stark, Kustodin der Gießener Antikensammlung, und ihr Vorgänger Dr. Matthias Recke - nun als Kustos des Skulpturensaals und der Antikensammlung der Goethe-Universität Frankfurt - gemeinsam mit ihren Studierenden kuratiert. Die Schau würdigt anlässlich ihres 100-jährigen Habilitationsjubiläums in Gießen die Archäologin Margarete Bieber, die - wie Archäologieprofessorin Katharina Lorenz, Univizepräsidentin Prof. Verena Dolle und Dr. Nadyne Stritzke als Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Universität in ihren Grußworten betonten - ein "weibliches Vorbild für die Universität" und "Vorreiterin auf dem Weg der Frauen in die Akademie" war.

Dr. Matthias Recke hat eine Randnotiz der 1978 verstorbenen Archäologin über eine unveröffentlichte Autobiografie zum Anlass genommen, weitere Nachforschungen anzustellen und wird gemeinsam mit deren Weggefährtin Larissa Bonfante Biebers Memoiren herausgeben. Seine Erkenntnisse gaben auch den Anlass, sich in einer gemeinsamen Schau der Universitäten Gießen und Frankfurt einem Schwerpunkt von Biebers Forschungen zu widmen.

Zu sehen sind noch bis 13. Oktober in der Antikensammlung der JLU im Wallenfels’schen Haus zwei Themenvitrinen, die Schlaglichter auf Biebers wissenschaftliche Biografie werfen. Ausgestellt ist auch ein Exemplar ihrer Habilitationsschrift von 1919, ein Abguss des Dresdner Schauspielreliefs, über das sie 1907 promovierte, und ein Foto, das Bieber vor einer Vitrine mit einigen der 1944 im Krieg zerstörten Exponate der Antikensammlung zeigt.

Sehenswert sind auch zahlreiche bislang noch nicht öffentlich gezeigte Fotografien, die dokumentieren, wie Bieber die Tragweise antiker Gewänder an lebenden Modellen rekonstruierte. Begleitend dazu werden an antiken Originalen Formen und Drapierungen antiker Kleidung vorgeführt. Für die Schau wurden die im Original postkartengroßen, sepiafarbenen Fotografien vergrößert und mit erläuternden Texten versehen. Man sieht junge Männer mit umgehängtem "Himation" (einer Art Mantel), Frauen mit Peplos (Tuch) oder Choton (Überschlag) oder Modelle mit einem Exomis (der Bekleidung der Sklaven mit einer freien Schulter). Schnitt und Faltenwurf sind antiken Originalskulpturen nachempfunden, ohne aber deren bloße Nachstellung zu sein.

Ein Großteil der kunstvollen Aufnahmen entstand im Gießener Atelier von Chr. Zimmer. Viele hat Biebers Freundin Jane van Heukelen gemacht, andere sind für Berliner Museen aufgenommen worden - als Requisiten dienten antike Originalstücke wie Gladius (Schwert) oder Tongefäße. "Dass diese antiken Originale verwendet werden durften, zeigt, wie hochgeschätzt Margarete Bieber und ihre Arbeit waren", betonte Recke in seiner Einführungsrede zur Ausstellung und berichtete auch noch von einem weiteren Kuriosum aus Biebers Lehrtätigkeit: Bei Vorträgen für die breite Öffentlichkeit wählte die Archäologin auch schon einmal Freiwillige als Modell für antike Trachten aus - das blieb den zahlreichen Besuchern der Ausstellungseröffnung im sommerlich aufgeheizten Saal des Wallenfels’schen Hauses aber zum Glück erspart.

Die Ausstellung ist noch bis 13. Oktober in der Antikensammlung im Wallenfels’schen Haus zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 10 bis 16 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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