SHOOTINGSTAR

Ein Antiheimatroman

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Gießen(gl). Raphaela Edelbauer ist der Shootingstar der österreichischen Literaturszene. Ihr Debütroman "Das flüssige Land" habe ihr ein "spannendes und kurzweiliges Leseerlebnis" beschert, das sie zugleich fasziniert und irritiert habe, lobte denn auch Moderatorin Christina Hohenemser die junge Autorin bei deren Auftritt im Ulenspiegel auf Einladung des Literarischen Zentrums. Vorgetragene Passagen, aber vor allem auch das ganz nah am Buch orientierte Gespräch mit der Autorin machten den Besuchern diese Einschätzung durchaus nachvollziehbar.

In "Das flüssige Land" soll die Wiener Physikerin und Icherzählerin Ruth nach dem Unfalltod ihrer Eltern deren Begräbnis im mysteriösen Groß-Einland organisieren. Doch unter dem Ort verbirgt sich ein riesiger Hohlraum, keiner will über die Geschichte der Kleinstadt und ihres ehemaligen Bergwerks sprechen und eine einflussreiche Gräfin regiert den Ort wie in einem Überwachungsstaat. Je mehr Ruth über die Verwicklungen Groß-Einlands im Nationalsozialismus und ihre eigene Familiengeschichte erforschen will, umso mehr bekommt sie den Widerstand der Bewohner zu spüren. Das fiktive Örtchen ist dabei eine Metapher für den immer noch tabuisierten Umgang Österreichs mit der eigenen Nazi-Vergangenheit und der Roman eine sarkastische Abrechnung mit dem Heimatkitsch.

Zu ihrem "Antiheimatroman" habe sie vor drei Jahren das Erstarken der Identitären Bewegung und die verstörende "Heimatverklärung" in Österreich inspiriert, erläuterte Edelbauer. Der surreale Ort Groß-Einland stehe stellvertretend für Österreich und seine Geschichte.

Übertreibung und sprachliche Überspitzung habe sie gezielt als Stilmittel genutzt, berichtete die Autorin. Weil sie einen Roman über "die Lücken der Historie" habe schreiben wollen, sei es ihr wichtig gewesen, mit der Aufputsch- und Beruhigungsmittel konsumierenden Ruth eine unzuverlässige Protagonistin zu nutzen. Das Buch zeige aber auch, wo Erinnerungsarbeit nicht mehr möglich ist. "Erzählen sollte uns generell sehr misstrauisch machen", warnte Edelbauer.

Doch auch wenn manche Szenarien im Roman, in dem der Ort langsam im mysteriösen Loch zu versinken droht, noch so absurd erscheinen mögen, sei kein einzelnes Detail wirklich undenkbar, unterstrich die Autorin. Sie berichtete, dass auch in ihrer realen Heimatgemeinde Hinterbrühl das Konzentrationslager Mauthausen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in einem ehemaligen Stollen eine Außenstelle betrieben habe und, wie im fiktiven Groß-Einland, Zwangsarbeiter getötet wurden. Dies sei aber lange verschwiegen worden.

Die 29-jährige Raphaela Edelbauer studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. 2017 war die Österreicherin Jahresstipendiatin des Deutschen Literaturfonds, 2018 gewann sie den Hauptpreis der Rauriser Literaturtage für das beste deutschsprachige Prosadebüt und den Publikumspreis beim Bachmannpreis in Klagenfurt. 2019 wurde ihr der Theodor-Körner-Preis verliehen und ihr Debütroman "Das flüssige Land" landete auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

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