Forscherleben

Von der Antarktis nach Gießen: Das abenteuerliche Leben einer Forscherfamilie

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Ihre Liebe entflammt in der eisigen Antarktis. Ihr Kind ruht an der weltgrößten Papageienkolonie. Was führt Vogelforscher Petra Quillfeldt und Juan Masello nun nach Gießen?

Petra Quillfeldt sitzt an einem kleinen, runden Besprechungstisch in ihrem Büro im vierten Stock des Heinrich-Buff-Rings. "Die Population an Eisenten ist in den letzten 30 Jahren um 70 Prozent eingebrochen", sagt sie mit ruhiger Stimme, während Juan F. Masello einen Mate-Tee im typisch südamerikanischen Trinkgefäß mit Metallstrohalm hinüberreicht. "Wir untersuchen, ob das am Klimawandel oder am Rückgang der Heringe in der Ostsee liegt", fährt sie fort. Das Gespräch beginnt ganz sachlich mit Vogelforschung, lässt einen aber bald eintauchen in die außergewöhnliche Lebens- und Liebesgeschichte, die von der Antarktis über England bis nach Mittelhessen führt.

Es war kalt, dunkel und windig. Die gefühlte Temperatur lag bei minus 32 Grad

Petra Quillfeldt, Forscherin

An der Justus-Liebig-Universität Gießen hat Quillfeldt nach rund 20 Jahren reisen, arbeiten und leben rund um den Globus eine Stelle als Professorin angetreten. Erst kürzlich ist sie mit ihrer Arbeitsgruppe, zu der auch Masello gehört, vom Übergangsquartier im Nachbargebäude in das Interdisziplinäre Forschungszentrum (IFZ) gezogen. Mit ihren zwei Kindern leben die Wissenschaftler im Kreisgebiet – zumindest meistens.

Liebesgeschichte vom Südpol

Während die Liebesgeschichte anderer Paare in lauschigen Restaurants beginnt, treffen sich Quillfeldt und Masello in einer ganz und gar unwirtlichen Umgebung, der Antarktis. "Es war kalt, dunkel und windig", sagt sie. "Die gefühlte Temperatur lag bei minus 32 Grad." Am südlichen Ende der Welt, auf den Shetlandinseln, will die 23-jährige Studentin Sturmschwalben für ihre Diplomarbeit untersuchen. Auf der Polarforschungsstation arbeitet der seinerzeit 27-jährige Student als Überwinterer. Das bedeutet, er führt laufende Untersuchungen für Forscher fort, denen der Winter am Südpol zu streng ist. In der eisigen Antarktis schmilzt schließlich nicht nur das Eis dahin.

Zum nächsten Wiedersehen kommt es in der urbanen Hitze des Großstadtdschungels – in Masellos Heimat, der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Nachdem die Untersuchungen in der Antarktis zunächst abgeschlossen sind, reist das Paar durch das südamerikanische Land auf der Suche nach Forschungsideen. An der Felsküste Patagoniens stoßen sie auf eine riesige Kolonie von Felsensittichen – wie sich später herausstellt, die mit rund 50 000 Nestern größte Papageienkolonie der Welt. "Wir haben gleich doppelt Glück gehabt", sagt er rückblickend. Denn nicht nur die Entdeckung wird bald zum großen Erfolg, zudem bekommen beide für die Vogelforschung ein Promotionsstipendium am selben Ort – an der Universität Jena.

Von der pulsierenden südamerikanischen Metropole ziehen die beiden nach Ostdeutschland. Sie verbringen jedoch fast die Hälfte des Jahres auf der Südhalbkugel, folgen den Sturmschwalben in die Antarktis und erforschen die Felsensittiche in Patagonien. Sie erklimmen die Felswände, zählen Nester und Küken, untersuchen Blut, Gelege und Gefieder. Immer auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie die Familienplanung der Vögel von ihrer Umwelt beeinflusst wird, etwa vom Klimawandel oder dem Wetterphänomen El Nino. Schon bald berichten darüber nicht nur die argentinische Lokalpresse, sondern auch internationale Medien wie CNN, BBC und Radio Swiss.

Mittagschlag bei Hunderttausenden Vögeln

Dann geschieht etwas, dass alles verändert: Die Familie wächst um ein neues Mitglied. Sohn Nicholas wird in Jena geboren. Es hätte das Ende ihrer Vogelforschung sein können. Doch sie entscheiden sich anders. "Mit Kind muss man sich besser koordinieren, aber es geht", sagt Masello. So schlägt die frisch gebackene Familie das nächste Basislager in England auf und forscht weiter in Argentinien, dazu kommen die Falkland Inseln und Portugal. Der kleine Sohn ist dabei mit an Bord – auch an der patagonischen Felswand, an der es vor Hunderttausenden Papageien nur so wimmelt. Glück für die argentinische Verwandtschaft, die die junge Familie so öfters besuchen kann.

Letzte Station vor Gießen ist Radolfzell am Bodensee. Dort wird Tochter Katja geboren. Auch sie begleitet die Eltern auf einige Forschungsreisen. "Unsere Kinder haben eine sehr offene Sicht auf die Welt", sagt Quillfeldt. Sie liebten es zu reisen und in der Natur zu sein.

Mit Kind muss man sich besser koordinieren

Juan Masello, Forscher

Auch im Familienurlaub geht es daher oft an ungewöhnliche Orte. "Unsere Kinder sind es gewöhnt, im Urlaub nicht bloß am Strand zu liegen, sondern in Gummistiefeln durch die Tundra zu laufen", sagt sie lächelnd. Mit der Professur in Gießen, Kursen, Seminaren und Vorlesungen zu geregelten Semesterzeiten hat sich für die Familie einiges geändert. "Jetzt haben wir viel mehr Verpflichtungen", sagt sie. "Wir können nicht einfach in die Antarktis fahren."

Nicht mehr zu reisen, das kommt für die Weltenbummler jedoch nicht infrage. Auf Forschungsreisen fahren sie nun mit Studierenden und geben ihre Erfahrungen weiter. Auf die Frage eines Kollegen, ob sie sich bei einem neuen Projekt über die Anarktis beteiligen wolle, sagte Quillfeldt nur: "Da kann ich nicht Nein sagen."

Info

Professur an der JLU

Petra Quillfeldt leitet als Professorin die Arbeitsgruppe Verhaltensökologie und Ökophysiologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Sie untersucht, wie Verhaltensweisen im Zuge der Evolution entstanden sind und welche Rolle die Umwelt dabei spielt. Untersucht werden zum Beispiel Lebensraum, Brutbeginn und Gefiederfärbung von Vögeln wie Eisenten, Papageien, Turteltauben oder Pinguinen. Partnern aus Deutschland, Mexiko, Spanien, UK, Österreich, Argentinien, Brasilien, Frankreich, Belgien und den USA arbeiten mit der Gießener Gruppe zusammen.

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