Annika Kruse hat zusammen mit einer Freundin den Gießener Verein "Mentor" gegründet, der Kinder beim Lesenlernen unterstützt. FOTO: SCHEPP
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Annika Kruse hat zusammen mit einer Freundin den Gießener Verein "Mentor" gegründet, der Kinder beim Lesenlernen unterstützt. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

Annika Kruse: Enthusiastin für den Verein "Mentor"

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Die Gießenerin Annika Kruse kann Menschen für eine Idee begeistern. Zum Beispiel für den Verein "Mentor", der Kindern beim Lesenlernen hilft. Zu Besuch bei einer Enthusiastin.

Annika Kruse braucht nur ein Wort, um Türen zu öffnen. Das "Du" kommt ihr schnell über die Lippen. Dabei klingt es nicht anbiedernd oder übertrieben hip, sondern ehrlich gemeint. Und irgendwie ziemlich herzlich. Die 44 Jahre alte Gießenerin und ihre Freundin Amelie Haas sind die Motoren hinter dem Verein "Mentor - Die Leselernhelfer Gießen". Deren mittlerweile über 140 ehrenamtliche Helfer begleiten Mädchen und Jungen zwischen sechs und zwölf Jahren. Sie sollen ihnen dabei helfen, ihre Lese- und Sprachkompetenz und damit ihr Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl zu stärken.

Das Gespräch mit Kruse findet im Büro des Vereins in der Katharinengasse statt. Die Räume sind hell und aufgeräumt. Es gibt Kaffee und Pralinen. "Haben Sie Zeit mitgebracht", fragt sie mit einem sanften Schmunzeln. Was bei den einen nach einer Drohung klingt, ist bei ihr eine kurzweilige Angelegenheit. Die fast eineinhalb Stunden vergehen wie im Flug. Was vor allem an ihrem Elan und ihrem Enthusiasmus liegt.

Kruse stammt aus Berlin. Als sie 14 Jahre alt ist, entscheiden sich ihre "mutigen Eltern" zur Ausreise aus der ehemaligen DDR - kurz vor dem Mauerfall. Mit dabei ist auch ihre vier Jahre jüngere Schwester, heute Polizistin in Wiesbaden. Nur mit Zugtickets für die Hinfahrt und Koffern in den Händen landet die Familie in Schlüchtern. Dort lebt ein Cousin ihrer Mutter. Seine Kinder sind wegen des Studiums gerade ausgezogen; großzügig nimmt er die Familie für die erste Zeit auf. Später ziehen sie weiter nach Gelnhausen. Kruses Vater ist Koch und fängt zunächst beim Catering-Tochterunternehmen der Lufthansa an. Sein Antrieb: die weite Welt zu sehen. Diese Sehnsucht fühlt seine Tochter bis heute. Und sie will sie an ihre zwei Söhne weitergeben. Die Familie reist gerne. "Wir wollen unseren Söhnen Weltoffenheit und Toleranz vermitteln, dass sie mit anderen Kulturen in Kontakt kommen und keine Ängste haben."

Nach dem Abitur zieht es sie zum Politikstudium nach Gießen, weil dort eine Freundin zwangsweise ihr Medizinstudium beginnt. Kruse will Journalistin werden, und man könnte sie sich auch sehr gut in diesem Beruf vorstellen. Sie macht viele Praktika, unter anderem bei der Bild-Zeitung, promoviert (was sie im Gespräch nicht erwähnt) und arbeitet als freie Mitarbeiterin bei FFH. In Wetzlar nimmt sie eine Stelle als Onlineredakteurin an; hier lernt sie ihren späteren Ehemann kennen.

Finanziell abgesichert

Es ist die Boomzeit der Internet-Start-Ups. Kruse arbeitet bei einem Vergleichsportal für den liberalisierten Strommarkt. Als einen Teil des Lohns bekommt sie - wie damals üblich - Unternehmensanteile. Die Geburt ihres ersten Sohnes bildet einen Einschnitt im Leben des jungen Paares. Sie wollen mehr Selbstbestimmtheit, weniger Verantwortung im Unternehmen - und verkaufen ihre Anteile. "Es war ein sauberer Schnitt", sagt sie. "Alle Mitarbeiter wurden übernommen." Das Unternehmen gibt es noch heute mit Sitz in Linden - und gehört zu Verivox.

Finanziell abgesichert, reist die Familie mehrere Monate umher. Kruse und ihr Ehemann wollen Klarheit darüber, wie ihre Zukunft aussehen könnte. Für Oliver Kruse ist schnell klar: Er will unter anderem in die Gastrobranche. Zusammen mit Giancarlo Biscardi eröffnet er das "Gianoli" in der Plockstraße. Im Juni 2011 wird ihr zweiter Sohn geboren. Als er in den Kindergarten kommt, ist in ihr schon längst der Entschluss gereift, einen gemeinnützigen Verein zu gründen, in dem es um Leseförderung von Kindern geht. "Ich habe die Freude am Lesen von meinem Vater und immer gewusst, wie wichtig es für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und die Meinungsbildung ist."

Vom Konzept überzeugt

Als ihre Freundin Haas von "Mentor - die Leselernhelfer" erzählt, sind beide Frauen vom Konzept überzeugt: Ein Leselernhelfer betreut ein Kind, und das einmal in der Woche immer am selben Tag und zur selben Uhrzeit. Und: Es ist keine Nachhilfe, sondern soll dem Kind Spaß machen. Wie der Familienmensch Kruse die Rolle des Mentors umschreibt, sagt viel über sie aus: "Da kommt jemand, auf den ich mich verlassen kann. Ein Kompass für die Welt. Der mir lesen lernen hilft, Sachen in Kontext stellt, der ein Vorbild ist. Eine Bezugsperson, die ausgleicht, was zu Hause manchmal nicht machbar ist."

Haas und Kruse starten vor sieben Jahren die Vereinsgeschäfte von Zuhause aus. Mentoren treffen sie in Cafés; vier Leselernhelfer sind es zu Beginn. Mittlerweile sind es 140 - Tendenz steigend -, und der Verein hat dank der finanziellen Unterstützung - unter anderem des Gießener Rotary Clubs Altes Schloss - sein Büro in der Innenstadt. Die beiden Frauen teilen sich die Arbeit auf. Kruse sagt über ihr Verhältnis, "es ist selten, dass man in der Mitte seines Lebens einen Menschen trifft, der einen so gut ergänzt, und von dem man das Gefühl hat, er sei die bessere Hälfte von einem selbst."

Die beiden Freundinnen verstehen sich blind: Kruse ist die Netzwerkerin, die Menschen für die Sache begeistert. Diesen Enthusiasmus nutzt sie auch beim Spendensammeln: "Die Zähne zusammenbeißen und offensiv sein", sagt sie, "dann stößt man in Gießen auf offene Ohren und bekommt Unterstützung." Haas hat zudem das Finanzielle im Blick und hält den Kontakt zum Bundesverband und zu den Schulen. Was der 44-Jährigen besonders gefällt: Sie verzeihen sich gegenseitig ihre Schwächen. "Ich bin zum Beispiel selten pünktlich", sagt sie und lacht. Ganz glücklich ist sie über diese Charaktereigenschaft aber nicht.

Es ist ein Leben im Dienst der guten Sache. Kruse sagt, sie sei zwar nicht erwerbsstätig, aber den ganzen Tag beschäftigt. Der Verein ist für sie ein Vollzeitjob. Aktuell überlegt sie, wie das Mentorenprogramm auf Kindertagesstätten übertragen werden kann. Parallel dazu engagiert sie sich in den Elternbeiräten und Fördervereinen der Schulen ihrer Söhne. Im "Gianoli" hilft sie bei Personalangelegenheiten und unterstützt ihren Ehemann. Mit ihm habe sie in der Vergangenheit öfter darüber gesprochen, in eine andere Stadt zu ziehen - sich aber dagegen entschieden. Gießen sei ihr ans Herz gewachsen, sagt die gebürtige Berlinerin. "Es sind vor allem unsere Freunde, die uns hier halten, und mittlerweile wohnen auch meine Eltern hier. Wir sind hier glücklich."

Und dann ist da noch der Verein und die Leidenschaft, die sie dort hineinsteckt. Es mache sie sehr zufrieden, wenn sie höre, dass ein betreutes Kind die Gymnasialempfehlung bekommt. Oder wenn ein Kind mit Leseschwäche sich ein Herz nimmt und beim Vorlesewettbewerb der Schule mitmacht. Oder wenn ein introvertiertes Kind anfängt, etwas von sich zu preiszugeben. Wenn Kruse dies erzählt, wird klar, dass der Verein kein Hobby ist. Sondern eine ausfüllende Aufgabe.

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