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Ronya Othmann

Angst vor dem Vergessen

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
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Gießen (gl). Als 2014 der Genozid des Islamischen Staats an den Jesiden in Syrien und im Irak geschah, war die internationale Empörung groß. Laut UN wurden bis zu 5000 Jesiden ermordet, bis zu 7000 Frauen und Kinder entführt und über 400 000 Jesiden aus ihrer Heimat vertrieben. Fast 3000 werden bis heute vermisst.

Ein Einzelschicksal, das sich hinter diesen Zahlen verbirgt, beschreibt Ronya Othmann in ihrem Buch »Die Sommer«, aus dem sie nun bei einer digitalen Lesung im Literarischen Zentrum Auszüge las und das sie im Gespräch mit Madelyn Rittner vom Verein Gefangenes Wort vorstellte. Was im Buch ihre fiktive Hauptfigur Leyla erlebe, sei aber nur eine »ganz spezifische jesidische Erfahrung«. Sie wäre froh, wenn auch andere literarische Beiträge zu diesem Thema erschienen, betonte Othmann, die 1993 in München als Tochter einer Deutschen und eines Kurden mit jesidischem Hintergrund geboren wurde und in Leipzig am Literaturinstitut studiert. Bis August 2020 hat sie für die »taz« gemeinsam mit Cemile Sahin die Kolumne »OrientExpress« über Nahost-Politik geschrieben. Für ihren Prosatext »Vierundsiebzig«, in dem es ebenfalls um den Völkermord geht, hat sie 2019 den Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs gewonnen.

Literatur als Erinnerungsspeicher

Othmann erzählt in ihrem 2014 begonnenen und 2020 erschienen Debütroman »Die Sommer« von der Zerrissenheit eines jesidischen Mädchens, das in Deutschland aufwächst, dessen familiäre Wurzeln aber im kurdischen Teil Syriens liegen. Der Roman ist fiktiv, basiert aber auf Ereignissen und Orten, die auch in der Biografie der Autorin eine Rolle gespielt haben. Hauptfigur Leyla wolle »überall dazugehören, gehört aber nirgendwo dazu«, beschreibt Othmann. Mit ihren deutschen Freunden könne sie nicht über »Kurdistan« sprechen, die auf keiner Landkarte zu findende Heimat ihres Vater, der vor Assads Schergen nach Deutschland geflohen war und der so große Hoffnungen in die Revolution 2011 gegen den Diktator gesetzt hatte. Leyla, die auch die Angst vor dem Vergessen antreibt, erinnert sich an die Sommer, die sie als Mädchen im syrisch-kurdischen Dorf ihrer Verwandten verbracht hat, eine Erinnerung, die auch von dem großen »Cut« im Jahr 2014 geprägt ist - dem Genozid Nummer 74 an den Jesiden.

Sie habe interessiert, wie sich ein Mensch aus seinen Erinnerungen und Erzählungen konstruiere und Entscheidungen fälle, sagt Othmann. Ihr sei es aber auch um ein »nicht idealisierendes Erinnern« gegangen. Spitzeltum, Folter, Diskriminierung der Jesiden als Bürger zweiter Klasse habe es auch schon vor dem Jahr 2014 in Syrien gegeben. Bei dem Thema Flucht gehe es auch immer darum, das Ganze zu betrachten.

In Bezug auf die Jesiden und Kurden sieht Othmann auch Deutschland in der Pflicht. Schließlich existiere hier nicht nur die größte jesidische Diaspora-Community. Viele IS-Täter seien aus Deutschland gekommen oder hierhin geflohen, hier sei IS-Tätern der Prozess gemacht worden. Zudem gebe es aber auch wirtschaftliche, politische und diplomatische Verpflichtungen zwischen Deutschland und der Türkei. Das müsse als europäisches Problem wahrgenommen werden.

Das in Kooperation mit der Dezentralen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten der JLU-Germanistik, dem Verein Gefangenes Wort und Zellkultur organisierte Gespräch soll in Kürze auf der Homepage www-lz-giessen.de noch einmal abrufbar sein.

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