Die Angst des Opas vor dem Aua

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Mein Vater hat sein Leben lang Leistungssport betrieben. Die Kugel stieß er über 20 Meter, den Diskus warf er noch viel weiter. Als er älter wurde, verließ er den Wurfkreis und begab sich auf den Sattel. Noch heute, mit über 70, fährt er mit dem Rad die Berge hinauf, als ginge es bergab. Okay, das ist vielleicht ein wenig übertrieben. Und ja, inzwischen leistet ihm der kleine Elektromotor gute Dienste. Trotzdem: Für sein Alter strotzt mein Vater vor Kraft und Ausdauer. Und das kriegt an diesem Vormittag auch die arme Puppe zu spüren.

Mein Vater hat sein Leben lang Leistungssport betrieben. Die Kugel stieß er über 20 Meter, den Diskus warf er noch viel weiter. Als er älter wurde, verließ er den Wurfkreis und begab sich auf den Sattel. Noch heute, mit über 70, fährt er mit dem Rad die Berge hinauf, als ginge es bergab. Okay, das ist vielleicht ein wenig übertrieben. Und ja, inzwischen leistet ihm der kleine Elektromotor gute Dienste. Trotzdem: Für sein Alter strotzt mein Vater vor Kraft und Ausdauer. Und das kriegt an diesem Vormittag auch die arme Puppe zu spüren.

Ich habe gute und schlechte Eigenschaften von meinem Vater geerbt. Zu Letzteren gehört eine übertriebene Sorge um meinen Gesundheitszustand. Und seit meine Tochter auf der Welt ist, auch um ihren. Natürlich legt sich das mit der Zeit. Bei einem Sturz von der Schaukel befürchte ich nicht mehr automatisch einen Schädelbruch, und dass ich abends ins Kinderzimmer schleiche, um mich ihrer Atmung zu versichern, ist auch schon länger nicht mehr vorgekommen. Routine macht gelassener. Bei meinem Vater ist das anders. Er sieht meine Tochter nur ein-, zweimal die Woche. Ihm fehlen die Stürze von der Schaukel und die Stöße auf den Hinterkopf. Die täglichen Wehwehchen eben. Neulich, beim Besuch bei den Großeltern, ist sein Enkelkind die Treppe heruntergefallen. Mein Vater konnte aus Sorge die ganze Nacht nicht schlafen. Also haben wir beschlossen, an einem Erste-Hilfe-Kurs fürs Kind teilzunehmen. Beim Deutschen Roten Kreuz in der Eichgärtenallee wurden wir fündig.

Samstagmorgen, 8.45 Uhr. Mein Vater und ich sitzen mit rund 20 weiteren Teilnehmern in einem großen Seminarraum. Wir sind das einzige Vater-Sohn-Gespann. Neben uns haben Tagesmütter, Erzieherinnen, werdende Eltern und Großeltern Platz genommen. Unsere Augen sind auf Hans Gerhard Maurer gerichtet. "Heute geht es darum, wie man den Lütten im Ernstfall das Leben retten kann", sagt der Senior mit kräftiger Stimme. Maurer trägt einen buschigen Schnauzer, seine Füße stecken in Cowboystiefeln und sein Gürtel wird von einer imposanten Schnalle gehalten. Kein Zweifel, auch beim Rodeo würde Maurer eine gute Figur abgeben. Aber heute geht es nicht um Kühe, sondern um Kinder. Und wie man denen im Ernstfall helfen kann, davon versteht der Kursleiter eine ganze Menge. Er ist nicht nur selbst Großvater, sondern auch seit Jahrzehnten als Sanitäter und Ausbilder für das DRK im Einsatz. Maurer schmeißt den Beamer an. Bereits die ersten Powerpoint-Folien machen klar, was uns heute erwartet.

Wer beim DRK einen Erste-Hilfe-Kurs fürs Kind bucht, erhält keine Tipps zum Umgang mit verrotzten Kindernasen. Auch nicht, welche Hausmittelchen gegen Bauchweh helfen. Hier geht es um die ganz harten Sachen, die Eltern das Blut in den Adern gefrieren lassen: Autounfall, Stromschlag, Badeunfall, tiefe Wunden, Bewusstlosigkeit und Herzstillstand. Situationen, die man niemals erleben möchte, in denen rasche Hilfe aber über Leben und Tod entscheiden kann.

Wir lernen allerhand Theorie. Zum Beispiel, dass Treppen, Steckdosen und Medikamentenschränke die häufigsten Unfallverursacher im Haushalt sind. Dass man verletzte Kinder immer zudecken und offene Brüche umgehend mit einem möglichst keimfreien Verband versorgen sollte. Maurer erklärt zudem, man solle Kinder bei Krampfanfällen nicht festhalten oder niederdrücken, sondern lieber gefährliche Gegenstände aus dem Weg räumen. "Kleinkinder nach einem Sturz von der Wickelkommode nicht direkt hochheben, sondern erst beobachten, ob womöglich die Wirbelsäule beschädigt ist", mahnt der Kursleiter zudem an und betont, dass Ruhe bewahren und Trösten fast genauso wichtig sind wie die Versorgung einer Wunde.

Ich weiß nicht, wie es den anderen Teilnehmern geht, aber für mich ist der Kurs eine Tortur. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich lerne viel, zumal mein letzter Kurs in Erster Hilfe fast 20 Jahre zurückliegt. Aber das Voraugenführen dieser Worst-Case-Szenarien geht an die Nieren. Bei jeder Powerpoint-Folie mit blutenden Kindern verkrampft sich mein Magen. In jedem der verletzten Kinder sehe ich das Gesicht meiner Tochter. Meinem Vater scheint es genauso zu gehen: Mit verschränkten Armen lehnt er sich im Stuhl zurück, als wolle er verschwinden. Ich würde mich nicht wundern, wenn er im Geiste gerade die benötigte Menge an Luftpolsterfolie berechnet, um sein Haus damit auszukleiden. Die Welt ist ein gefährlicher Ort.

Die düsteren Gedanken verfliegen, als es zum praktischen Teil übergeht. "Wir werden jetzt Beatmung und Reanimation einer Person mit Atemstillstand üben", sagt Maurer und erklärt uns, dass nach 30 Herz-Rhythmus-Stößen zwei Beatmungen zu folgen haben. Der Kursleiter hat dafür eine Beatmungsstraße aufgebaut. Drei Gummipuppen liegen bereit, sie stellen einen Erwachsenen, ein Kind und ein Baby dar. Mein Vater legt los. Und wie. Er malträtiert die Brust des Erwachsenen-Dummys, als wolle er ihn nicht retten, sondern töten. Dabei weiß er seit seinem Sturz von diesem griechischen Esel genau, wie schmerzhaft eine Rippenprellung sein kann. Maurer schaut sich das Ganze an. Und quittiert die Wiederbelebung mit einem zufriedenen Nicken. Kräftige Stöße seien wichtig, sagt er. "Die ersten zwei Tage wird die Brust des Wiederbelebten blau und schwarz sein. Er wird Schmerzen haben und euch hassen. Danach aber wird er euch danken. Weil ihr ihm das Leben gerettet habt." Mein Vater lächelt zufrieden. Und offensichtlich scheint er angestachelt zu sein. Bei der nächsten Puppe geht er genauso vor: 30-mal stoßen, zweimal beatmen, wieder von vorne.

Der nächsten Station gilt unsere besondere Aufmerksamkeit. Der Dummy entspricht ungefähr der Größe meiner zweijährigen Tochter. Maurer erklärt uns, dass die Abfolge von Beatmung und Herzdruckmassage bei Babys und Kleinkindern anders ablaufe. "Erst fünfmal beatmen, dann mit der normalen Abfolge aus 30-mal drücken und zweimal beatmen fortfahren." Mein Vater legt los – und bringt die Puppe fast zum Platzen. "Sie blasen doch keinen Frosch auf, ganz behutsam beatmen", sagt Maurer und korrigiert auch gleich die Druckmassage: Im Gegensatz zu Kindern und Erwachsenen reiche es bei Babys und Kleinkindern, die Daumen unter die imaginäre Linie zwischen den Brustwarzen zu legen und zu drücken. Maurer ist von der sanften Seite meines Vaters angetan. "Gut. So ist es richtig."

Vor und nach den Übungen streut Maurer immer wieder theoretische Elemente ein. Zum Beispiel, dass man vor einer Mund-zu-Mund-Beatmung den Kopf des Kindes leicht überstrecken, Fremdkörper aus dem Mundraum entfernen und die Atemwege freilegen sollte. Wir werden hellhörig.

Mein Vater hat mir nicht nur seine übertriebene Besorgnis vererbt, sondern auch seine Leidenschaft für Fußball. Wir denken daher sofort an Dynamo-Kiew-Kapitän Oleg Gusev, der nach einem Zusammenprall mit dem Torwart bewusstlos niedersank. Ein Gegenspieler, so lauteten die Schlagzeilen, habe ihm daraufhin die Zunge aus dem Hals gezogen und so das Leben gerettet. Ähnliche Geschichten gibt es auch über Fernando Torres oder Christian Gentner. Mein Vater fragt bei Maurer nach: "Wie geht das, seine eigene Zunge zu verschlucken?" Maurer runzelt die Stirn. "Gar nicht. Verschlucken ist das falsche Wort. Vielmehr sinkt die Zunge zurück und versperrt den Atemweg." Meine Vater und ich sind perplex. Müssen die Heldengeschichten Gusev, Gentner und Co. neu geschrieben werden?

Langsam neigt sich der Kurs dem Ende entgegen. Wir haben Puppen beatmet, Druckverbände angelegt und die stabile Seitenlage geübt. Dazu jede Menge Theorie gepaukt. Mein Vater sagt, durch den Kurs ein wenig sicherer geworden zu sein. Auch wenn ihm die Sache mit der Fußballer-Zunge noch immer etwas nachhängt. Mir geht es ähnlich. Und für meinen Vater weiß ich: Bei Sorgen ist Routine die beste Medizin. Da trifft es sich gut, dass Opa und Enkelin neuerdings ein weiteres Date haben. Mittwochs geht’s zum Turnen. Dank des DRK-Kurses weiß er nun, was bei einem schweren Sturz zu tun ist. Und kleinere Wehwehchen? Die pustet er schon jetzt weg wie kein Zweiter.

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