MobileAlbania_AESA_C_Flo_4c
+
MobileAlbania_AESA_C_Flo_4c

Schockmomente im Wald

»Angst essen Seele auf« wörtlich genommen

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
    schließen

Die Performer von SKART haben gemeinsam mit Mobile Albania eine unerwartet »süße« Bestandsaufnahme der gesellschaftlichen Ängste und individuellen Sorgen unternommen.

Was macht Angst mit uns? Wie können wir sie überwinden? Und wie viel Spaß kann man dabei haben? - Diese drei Fragen standen am Wochenende über der Aufführung »Seele essen Angst auf«, die das in Gießen gegründete Performance-Duo SKART und die ebenfalls am Gießener ATW-Institut der Universität ins Leben gerufene Gruppe Mobile Albania gemeinsam schulterten. Nach einer dreiläufigen öffentlichen Generalprobe am Freitag folgten drei weitere Runden am Samstag, Start war an der taT-Studiobühne, von wo aus die Teilnehmer mit Reiseleitung in ein Waldstück zwischen Reiskirchen und Lich aufbrachen.

Schon die Fahrt mit dem Stadtbus war durchaus angstbeladen: Dass das an der Front angeschriebene Ziel mit dem sprechenden Namen »Heuchelheim« nicht stimmen konnte, war das Eine; die Hinweise auf allerlei Zeugnisse am Wegesrand aus Gießens Angst-Geschichte - von den Spitzbunkern aus dem Zweiten Weltkrieg bis zur Shisha-Bar-Explosion in der Grünberger Straße (»Der Allee der Zeitlosigkeit«) - das Andere. »Schreibt Eure Ängste auf einen Zettel und steckt ihn in diese kleinen Kugeln«, lautete die Aufforderung und alle im Bus folgten brav. Dass auf dem Weg eine gesichtslose Pelzgestalt an der B49-Haltestelle Ganseburg einstieg und die Gruppe am Ziel eine schwarzgekleidete Person mit Leuchtaugen empfing, schaltete das Kopfkino an.

Angst als Knetfigur und Kuchendeko

Und dann ging es, eine »Kosmologie der Albträume« im Gepäck, mit dem Stadtbus in den Wald, dort wo sich sonst nur Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Diesmal waren aber dort ein Strohbär, ein Sensenmann und zwei »Horrorclowns« anzutreffen. Auf Holzkisten sitzend, von Decken und heißem Tee gewärmt, erlebten die Teilnehmenden in der Folge eine Analyse aller Ängste, die sie zuvor auf Zetteln anonym notiert hatten. Die Angst vor Einsamkeit, vor Demenz, einem Unfall oder davor, einen anderen Menschen zu verletzen - all das wurde umgesetzt mit einer aus einer Kiste heraus erzählten, frei erfundenen Geschichte, durch hinter einem Lupenglas irrwitzig verzerrte Gesichtsausdrücke und dem Kneten von kleinen Angstfiguren in einer weiteren Box.

Dass sich das bei den vielen notierten Ängsten ein wenig in die Länge zog, konnte man schnell wieder vergessen, denn unmittelbar danach riefen die »Horrorclowns« zu ihrer Jahrmarktbude, in der, wer wollte, mit einer Spielzeugpistole auf kleine Fondantbildchen seiner ganz persönlichen Angst schießen konnte. Wer traf, bekam nicht nur ein Stück Kuchen mit dem Fondant-Angstbildchen drauf, sondern auch die entsprechende Knetfigur gereicht. »Seele essen Angst auf« - hier wurde das wörtlich genommen. Ängste und Sorgen konnte man sich so einverleiben - und bei der anschließenden Heimfahrt zum taT, mit angstvoll umgetexteter Schlagermusik im Ohr, verdauen.

Ein bisschen Kindergeburtstagsheiterkeit, hintersinniger Nonsense, überbordende Fantasie - »Seele essen Angst auf«, das im Rahmen einer Doppelpass-Förderung zeitgleich auch am Theater in Münster stattfand und dessen Titel auf den Faßbinder-Film »Angst essen Seele auf« anspielt, war eine nicht immer leicht verdauliche, aber durchaus unterhaltsame Extrem-Performance, die die Sinnlichkeit und Bildgewalt der SKART-Arbeit und das Thema des Unterwegssein von Mobile Albania durchaus stimmig und mit Humor zusammenführte - wenn auch mit einigen Längen. FOTO: FLORIAN KRAUS

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare