Auflösungsappell: Ende September 1993 schließt die Steuben-Kaserne endgültig.
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Auflösungsappell: Ende September 1993 schließt die Steuben-Kaserne endgültig.

Mord verjährt nicht

Angriff auf die "Steuben-Ranch" in Gießen

  • Burkhard Möller
    vonBurkhard Möller
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Sie waren selbst schwer bewaffnet, aber es half ihnen nichts. Ein Angriff auf die Wache der Gießener Steuben-Kaserne kostete einem 28-jährigen Feldwebel 1992 das Leben. Das Motiv bleibt unklar.

Über die Sache ist nicht nur Gras gewachsen. Meterhohe Bäume stehen hier. Wer die Europastraße zwischen der B 49 und der Licher Straße durch das gleichnamige Gewerbegebiet fährt, ahnt nicht, dass sich über der Böschung ein Sportplatz befand. Er gehörte zur Steuben-Kaserne der Bundeswehr. Auch Michael G. kickte hier, wenn die Soldaten Sport trieben. "Er war ein guter Fußballer und hat oft bei uns mitgespielt, obwohl er nicht zu unserer Einheit gehörte", erzählt Jürgen Marschinke, der damals als Stabsfeldwebel für die Logistik des Raketenartilleriebataillons 52 zuständig war. An den "symphatischen jungen Kameraden" kann sich der frühere Berufssoldat noch gut erinnern.

Der Unteroffizier aus Garbenheim bei Wetzlar wurde nur 28 Jahre alt. In der Nacht auf den 18. November 1992 wurde Michael G. bei einem Überfall auf das Wachgebäude der Steuben-Kaserne erschossen. Der Täter, ein 26-jähriger Drucker aus Wettenberg, wurde bei einem Schusswechsel mit den Soldaten schwerverletzt und richtete sich kurz nach der Tat selbst mit einem Kopfschuss.

Die Frage, was den Einzeltäter veranlasst hatte, die schwerbewaffnete Wachmannschaft der Kaserne anzugreifen, ist bis heute unbeantwortet geblieben. "Das Motiv liegt vielleicht in seiner Persönlichkeit", sagte damals der Leitende Oberstaatsanwalt Karlheinrich Hentschel.

Außenstreifen waren abgeschafft

Das dramatische Geschehen in der Herbstnacht vor 28 Jahren mutet auch deshalb tragisch an, weil sich die Bundeswehr-Liegenschaft bereits im Stadium der Abwicklung befand. Vier Monate nach den tödlichen Schüssen in der "Steuben-Ranch" verabschiedeten sich die ersten Einheiten von der Gießener Bevölkerung, im September 1993 wurde die Kaserne geschlossen.

Womöglich hatte es dieser Abwicklungsprozess dem Täter auch leichter gemacht, in den militärischen Sicherheitsbereich einzudringen, denn der Angriff kam von Innen. Damals gab es längst keine Doppelstreifen mehr, die am Außenzaun patroulliert haben. Sie waren in der Steuben- und Bergkaserne drei Jahre zuvor abgeschafft worden. In den Kasernen lagerte kaum noch sicherheitsrelevantes Material, zudem fehlte es den Kommandeuren an Personal.

Geblieben war die Mannschaft des Wachgebäudes, auf deren Schusswaffen es der Täter womöglich abgesehen hatte. Ermittler sprachen später von einem "Waffennarr" mit Faible auch für Uniformen. Einen rechtsextremen Hintergrund schlossen sie aber aus.

Der Angreifer hatte in der besagten Nacht ein Loch in den Zaun geschnitten und sich quasi von hinten an das Wachgebäude geschlichen, in dessen Nähe er sich verbarg. Dort wurde er gegen 1.50 Uhr von einem 22-jährigen Soldaten in Zivil entdeckt, der gerade in die Kaserne zurückgekehrt war. Als er den Mann ansprach, was er dort zu suchen habe, setzte ihm dieser eine Pumpgun an die Schläfe und forderte ihn auf: "Geh voraus zur Tür. Sag, die sollen aufmachen und ihre Waffen abgeben." Einer der Wachsoldaten beobachtete die Szene durch ein Fenster, lud seine Waffe durch und öffnete die hölzerne Eingangstür einen Spalt. In diesem Moment feuerte der Eindringling aus seinem Schrotgewehr durch die Tür und verletzte einen 21-jährigen Wehrpflichtigen aus Laubach am Kopf und an der Schulter. Ein anderer Wachsoldat erwiderte das Feuer und traf den Angreifer im Schulter/Brustbereich.

Trotz dieser schweren Verletzung setzte der Wettenberger seine Attacke fort, zerschoss das seitliche Fenster des Schlafraums und stieg ein. In dem Raum traf er auf den zum Instandsetzungsbataillon 5 gehörenden Feldwebel G., den er mit einem Schuss aus kürzester Entfernung in die Brust tötete. An der anderen Gebäudeseite hätte er kaum eindringen können, denn dort befanden sich dicke Panzerglasscheiben, die bei dem Schusswechsel auch getroffen wurden, aber standhielten.

Zeitzeuge Jürgen Marschinke erinnert sich, dass das Wachgebäude, das heute noch steht, erst 1988 gebaut worden war. "Das war alles neu, mit Panzerglas war es aber nur auf der Seite zur Licher Straße hin gesichert. Man hatte sich auf einen Angriff von Außen eingestellt, nicht von Innen."

Stabsfeldwebel Marschinke war in dieser Nacht nicht in der Kaserne, aber bereits am Morgen habe das Telefon nicht mehr still gestanden. "Die Leute haben angerufen und gefragt: Was ist denn da draußen in eurer Kaserne los?"

In der Nacht war ein Polizei-Großaufgebot zur Steuben-Kaserne ausgerückt, ebenso Rettungswagen, Feuerwehren, Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt. Kaserne und Umfeld wurden weiträumig abgesperrt, denn der Täter war noch flüchtig. Rund 45 Minuten nach dem Beginn des Angriffs hörten einige Polizisten aus Richtung Panzerstraße einen Schuss, gefunden wurde der 26-jährige Täter aber erst gegen 4.30 Uhr von Bereitschaftspolizisten. Er hatte sich am Rande des großen Parkplatzes der Kaserne mit einer Bundeswehrpistole in den Kopf geschossen. Womöglich wäre er auch an den Folgen der Schussverletzung, die ihm einer der Wachsoldaten beigebracht hatte, verstorben. "Ohne schnelle ärztliche Hilfe wäre er verblutet", hieß es im Obduktionsbericht. Der verletzte Gefreite aus Laubach überlebte die Attacke.

Der Vorfall sorgte bundesweit für Betroffenheit; das Bundesverteidigungsministerium und der Bundeswehrverband kondolierten, bei einer Spendenaktion für die Hinterbliebenen wurden 26 000 Mark gesammelt. Michael G. hinterließ Frau und zwei kleine Kinder, getrauert wurde auch bei der Wetzlarer Eintracht, für die der Feldwebel Fußball gespielt hatte.

Die Ermittler fanden noch einige Tathintergründe heraus. So hatte der vorbestrafte Wettenberger vor der Tat Alkohol getrunken, sein Promillewert lag bei 0,3. Herausgefunden wurde ferner, dass er die Pumpgun am 21. August 1992 in Graz in Österreich gekauft hatte. Weitere Waffen wurden in seiner Wohnung gefunden. Mit den Abläufen in einer Kaserne und beim Wachdienst war der 26-Jährige durch seine Wehrdienstzeit in Wetzlar vertraut. Bei seiner Tat war er paramilitärisch gekleidet - mit dunkler Hose, dunkler Jacke und Knobelbechern. Seine Familie hatte keine Erklärung für die schreckliche Tat. "Wir können uns einfach nicht vorstellen, warum er das gemacht hat. Er war ein ruhiger unauffälliger Mensch gewesen", sagte seine Schwester.

Der Gießener Osten war damals von schwerbewachten deutschen und amerikanischen militärischen Sicherheitsbereichen durchzogen. Wachsoldaten, bei der Bundeswehr oft Wehrpflichtige, waren berechtigt, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen, um Eindringlinge abzuwehren. Jürgen Marschinke, der 25 Jahre lang in der Steuben-Kaserne Dienst tat, kann sich an einen vergleichbaren Vorfall wie den im November 1992 nicht erinnern: "Es ist in all den Jahren mit Schusswaffen glücklicherweise fast nichts passiert."

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