Der Prozess vor der Fünften Strafkammer gegen sieben Männer aus dem Umfeld der Gruppe Bahoz findet wegen der vielen Beteiligten in einer Leichtbauhalle am "Alten Flughafen" statt. FOTO: SCHEPP
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Der Prozess vor der Fünften Strafkammer gegen sieben Männer aus dem Umfeld der Gruppe Bahoz findet wegen der vielen Beteiligten in einer Leichtbauhalle am "Alten Flughafen" statt. FOTO: SCHEPP

Ein Angriff von einer Minute

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Vor vier Jahren stürmt eine Gruppe von Männern eine Shisha-Bar in Offenbach. Sie randalieren dort und schlagen auf Besucher ein. Nun hat der Prozess gegen sieben Angeklagte vor dem Landgericht Gießen begonnen. Hintergrund sollen Rivalitäten von zwei rockerähnlichen Gruppen sein: die kurdischen Bahoz gegen die türkisch-nationalistischen Osmanen.

Der Angriff dauert weniger als eine Minute: Eine Gruppe maskierter Männer stürmt am 25. Juni 2016 um 22.54 Uhr in eine Shisha-Bar im Zentrum Offenbachs. Es gibt einen Tumult, Wasserpfeifen und Flaschen fliegen durch den Raum, es setzt Schläge mit Schlagstöcken und regnet Pfefferspray. "Stich den Hurensohn ab", soll einer der Angreifer gerufen haben, und tatsächlich erleidet ein Gast der Shisha-Bar Stichverletzungen an Bauch, Hand, Arm und Hals. Auch andere Gäste werden verwundet. Kurz vor 22.55 Uhr ist der Spuk schon wieder vorbei. Vier Jahre später wird sieben Männern in der Außenstelle "Stolzenmorgen" des Landgerichts Gießen der Prozess gemacht. Die Staatsanwaltschaft Gießen wirft den Angeklagten gefährliche Körperverletzung und Landfriedensbruch vor.

Die Männer sollen Teil der 18-köpfigen Angreifertruppe gewesen sein und gelten als Mitglieder der rockerähnlichen Gruppe Bahoz - oder sollen aus dem Umfeld der mittlerweile aufgelösten Vereinigung stammen. Bahoz stand der kurdischen Untergrundorganisation PKK nahe. Ziel des Angriffs waren Mitglieder der Osmanen Germania. Dabei handelt es sich um eine rockerähnliche Gruppe, die den türkisch-nationalistischen Grauen Wölfen nahesteht. Der Verein und seine Teilorganisationen sind in Deutschland seit zwei Jahren verboten.

Zeugen mit Wissenslücken

Die sieben Männer, die auf der Anklagebank sitzen, sind im Alter zwischen 22 und 32 Jahren und deutsche, türkische sowie schwedische Staatsangehörige. Fünf von ihnen kommen aus Gießen, zwei aus Offenbach. Zur Tat wollen sich die meisten von ihnen noch nicht äußern. Über sich selbst jedoch geben sie dem Vorsitzenden Richter Andreas Wellenkötter Auskunft. Dabei zeigen sie sich durch die Bank geläutert. Sie wollen zeigen, dass sie auf eigenen Beinen stehen, studieren oder arbeiten gehen, Geld verdienen und Partnerinnen haben. Ein 23 Jahre alter Student aus Gießen zum Beispiel erzählt, vor allem seine Ehefrau finanziere die kleine Familie mit ihrem Gehalt; große Sprünge sind damit nicht möglich. Ob sie das Einkommen nicht aufstocken könnten, fragt Staatsanwalt Rouven Spieler. "Andere haben die staatliche Unterstützung mehr verdient", sagt der Angeklagte. Ein 27 Jahre alter Geschäftsführer eines Restaurants betont: "Von diesen ganzen alten Sachen halte ich mich fern." Und ein 24-jähriger Gießener sagt zu seiner Verbindung zur heimischen Gruppe Bahoz, die aus dem Boxerclub Lions 21 Gießen hervorgegangen ist: "Ich war Freund des Clubs. Der sollte angeblich eine Bruderschaft sein, aber es war nur eine blöde Gruppierung."

Ermittlungen in diesem Milieu sind nicht einfach. Auch in dieser Verhandlung zeigen Zeugen plötzlich auffällige Wissenslücken oder betonen, dass sie mit dem Thema abgeschlossen und deswegen alles vergessen haben, Staatsanwalt Spieler versucht deshalb, auf einen jungen Mann im Zeugenstand beruhigend einzuwirken, der bei dem Angriff in die Rippen geschlagen wurde. "Ich verstehe Ihre Bemühungen und Sorge, nicht in etwas hineingezogen zu werden", sagt er. "Aber Bahoz gibt es nicht mehr, und die Angeklagten hier sind mittlerweile verlobt oder verheiratet."

Anonymes Schreiben

Dazu passt auch, dass für die Ermittlungen ein anonymes Schreiben eine Rolle spielt. Der unbekannte Absender hatte den Überfall detailliert geschildert, von drei Spionen berichtet, die kurz vor dem Angriff die Bar ausgekundschaftet hätten und von den Hintermännern aus dem Umfeld von Bahoz: Türkenhasser seien das gewesen, die den türkisch-kurdischen Konflikt nach Deutschland tragen wollten. Es werden Namen genannt und Fotos der möglichen Täter mitgeliefert. Warum der Schreiber seine Identität nicht offenbaren will, erklärt er auch: Er wolle nicht aussagen, weil er Angst um sein Leben habe.

Der Prozess wird fortgesetzt; ein Urteil wird für Ende Oktober erwartet.

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