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Mittlerweile hat auch der letzte Angeklagte im Chemical-Revolution-Prozess eine Aussage gemacht. ARCHIVFOTO: KHN

Angeklagter will nicht Drogenbeschaffer gewesen sein

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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Gießen (khn). Sechs Mitangeklagte von Youssef E. haben bereits eine Aussage vor dem Landgericht Gießen gemacht. Mindestens einer von ihnen hat den gebürtigen Niederländer schwer belastet. Nur eben jener Youssef E. hat seit Beginn des Chemical-Revolution-Prozesses eisern geschwiegen. Dabei soll der 37 Jahre alte Mann Einkäufer der Betäubungsmittel (BTM) gewesen sein, die in Deutschlands größtem Online-Handel für Drogen vertrieben wurden.

Nun hat auch er in der Kongresshalle zur Sache ausgesagt.

An einem früheren Verhandlungstag hatte Youssef E. unter Tränen eine Einlassung zu seiner Person abgegeben. Sein Vater habe psychische Probleme gehabt, unter denen die Familie gelitten habe. Er gab an, seit 2006 im Autohandel tätig zu sein. Er habe zwei Kinder, von denen er aktuell nicht wisse, wie es ihnen gehe. Deshalb leide er unter schweren Schlafstörungen und habe gesundheitliche Probleme.

Wie drei seiner Mitangeklagten auch sitzt Youssef E. in Untersuchungshaft. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt wirft ihnen und vier weiteren Männern zwischen 25 und 45 Jahren bandenmäßig unerlaubten Handel mit BTM in nicht geringer Menge vor. Der Strafrahmen liegt zwischen fünf und 15 Jahren. Die Drogen sollen in Ferienhäusern - auch in Ortenberg in der Wetterau - gelagert, verpackt und von dort aus mit der Post verschickt worden sein. So sollen die Männer in eineinhalb Jahren etwa eine Million Euro in der Kryptowährung Bitcoin eingenommen haben.

Youssef E. will nur vermittelt haben

Youssef E. sagt, er habe das Gros der Drogen, die über Chemical Revolution verkauft wurden, nicht besorgt. Es geht immerhin um 130 Kilo Amphetamin, 42 Kilo Cannabis, 17 Kilo kristallines MDMA (Ecstasy), sechs Kilo Kokain, ein Kilo Heroin und neue psychoaktive Stoffe. Sehr wohl habe er mit dem Mitangeklagten Arkadiusz D. in Kontakt gestanden. Der 30 Jahre alte Niederländer hatte Youssef E. in einer früheren Einlassung schwer belastet. Zum einen habe er Arkadiusz D. einen Mercedes der C-Klasse verkauft, zum anderen einmal Speed besorgt. Wahrscheinlich deshalb sei der 30 Jahre alte Mann erneut auf ihn zugekommen mit der Bitte, ihm Kokain, Ecstasy und Marihuana zu besorgen. Für diesen Zweck habe er eine Liste mit den Einkaufspreisen erhalten. »Ob er mir die aus eigenem Antrieb gab oder ich ihn darum bat, weiß ich nicht mehr«, wird Youssef E. von einer Übersetzerin zitiert. Seine Aufgabe sei es gewesen, Verkäufer zu finden, bei denen die Drogen weniger kosten. Weil die von Arkadiusz D. genannten Preise bereits sehr niedrig gewesen seien, sei seine Suche nicht erfolgreich gewesen, sagt er.

Acht Kilo Marihuana

Einige Zeit später sei Arkadiusz D. erneut auf ihn zugekommen. Er habe einen Verkäufer von acht Kilo Marihuana gesucht. Youssef E. sagt, er habe den Kontakt vermittelt. Zusammen mit Arkadiusz D., der in Begleitung von »zwei Jugoslawen« gewesen sein soll, seien sie nach Breda in den Niederlanden auf ein Industriegelände gefahren. Dort sei es zur Übergabe der BTM gekommen. Für seine Vermittlung habe er vom Verkäufer 800 Euro erhalten - aber nicht von Arkadiusz D., den Youssef E. als »geldgierig« bezeichnet.

Für Richter Dr. Klaus Bergmann wirft dieser Ablauf Fragen auf: Warum soll ihm der Verkäufer die »Vermittlungsgebühr« zahlen - und nicht der Auftraggeber? Auch später greift der Richter immer wieder ein: »Das ist nicht nachvollziehbar.«

Persönlich getroffen habe er Arkadiusz D. danach kaum noch, sagt Youssef E. Mehrmals hätten sie gechattet. Und einmal habe er ihm ein Fahrzeug verkauft, das später für den Transport von Drogen genutzt wurde. Dies habe er aber nicht gewusst. Auch sei er von seinem Landsmann nicht mehr darum gebeten worden, Drogen zu besorgen.

Über eine Freundin von Arkadiusz D. sei er in Kontakt mit dem Mitangeklagten Michael G. gekommen, der für Arkadiusz D. dessen Mercedes C-Klasse verkaufen sollte. Bei einem persönlichen Treffen habe dieser ihm von der Festnahme des 30-Jährigen erzählt und von dessen Drogen, die sich nun im Besitz von Michael G. befinden würden. Darauf sei er nicht eingegangen, sagt Youssef E. Später sei er auch im Auftrag von Michael G. als Vermittler für den Kauf von Drogen aufgetreten.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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