Der Angeklagte beim Prozessauftakt im Zwiegespräch mit einem seiner beiden Anwälte. Am vierten Prozesstag macht der 29 Jahre alte Niederländer eine umfassende Aussage.	FOTO: KHN
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Der Angeklagte beim Prozessauftakt im Zwiegespräch mit einem seiner beiden Anwälte. Am vierten Prozesstag macht der 29 Jahre alte Niederländer eine umfassende Aussage. FOTO: KHN

Prozess am Landgericht

Angeklagter macht in Gießen reinen Tisch

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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In der Gießener Kongresshalle sitzt ein Mann, der reinen Tisch machen will. Er packt am dritten Verhandlungstag über den Onlinedrogenshop Chemical Revolution aus.

Der 29 Jahre alte Niederländer leidet nach eigenen Angaben unter einer seltenen Krankheit, mit der weniger als zehn Menschen weltweit leben müssten. Er sei regelmäßig auf Bluttransfusionen angewiesen und habe bereits in jungen Jahren multiple Organschäden erlitten. Seine Hoffnung: Eine in Europa nicht zugelassene Behandlungsmethode in einer Spezialklinik im texanischen Houston. Der Kostenpunkt: 300 000 US-Dollar. Weil er das Geld nicht hatte, entschied sich der Mann für krumme Geschäfte. So wurde er Teil von Deutschlands größtem Onlinedrogenhandel, Chemical Revolution. In der zum Gerichtssaal umfunktionierten Kongresshalle macht er eine umfassende Aussage.

Hitlergruß als Erkennungszeichen

Die Einlassung des 29 Jahre alten Mannes am vierten Verhandlungstag gibt Einblick in die Anfänge der Gruppe - und den Zusammenhalt, um den es nicht zum Besten bestellt gewesen sein muss. Die Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt wirft den sieben Männern zwischen 25 und 44 Jahren vor, bandenmäßig unerlaubt mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge gehandelt zu haben. Es geht unter anderem um 130 Kilo Amphetamin, 42 Kilo Cannabis und sechs Kilo Kokain.

Die Drogen sollen über Kuriere von den Niederlanden aus nach Deutschland transportiert und dort in Ferienwohnungen deponiert worden sein - unter anderem in Ortenberg in der Wetterau. »Kunden« des im Internet und Darknet ansässigen Shops konnten die Betäubungsmittel bestellen und bekamen sie per Post geliefert. Die Angeklagten sind deutsche, niederländische und polnische Staatsbürger. Sie sollen zwischen 2017 und 2019 umgerechnet eine Million Euro in der Kryptowährung Bitcoin erlangt haben.

2015, erzählt der 29-jährige Angeklagte, habe er auf der Darknetseite »Crimenetwork«, einem illegalen Marktplatz und ein Forum für Betrügereien, zwei Personen kennengelernt. Einer von ihnen sei ein Mann mit dem Spitznamen »Joko7« gewesen. Zusammen hätten sie über eine Scheinfirma Ferienwohnungen angeboten, die nicht existierten. Auf diese Weise hätten sie knapp 3000 Euro verdient. Später hätten sie es mit dieser Masche erneut probiert - und diesmal knapp 35 000 Euro Gewinn gemacht, »Joko« habe ihm daraufhin angeboten, bei seinem Onlinedrogenhandel mitzumachen.

Der Auftrag des Niederländers, der in der Kongresshalle auf Deutsch aussagt: Er sollte Kontakte zu Drogenlieferanten und Kurieren vermitteln. Die fand er in einigen ebenfalls vor dem Landgericht Gießen angeklagten Männern. Sie benannte er während des Prozesses auch konkret: Den einen habe er bei einer polnischen Misswahl kennengelernt, den anderen durch seine frühere Tätigkeit als Autohändler. Die Fäden in der Hand habe »Joko7« gehalten: Dieser habe unter anderem die Finanzen überwacht und die Bezahlung der Drogenlieferungen genehmigt.

Bei den ersten Übergaben der Drogen sei er dabei gewesen, sagt der 29 Jahre alte Mann. Die Substanzen seien in einem auf einem Transporter geladenen grünen Müllcontainer versteckt gewesen. Damit sich die meist nur online kommunizierenden Personen erkannten, hätten sie ein Zeichen vereinbart: den Hitlergruß. Der Niederländer gibt an, dass er »Joko7« zweimal in Spanien an einem Hafen getroffen habe. Es sei dort um Drogengeschäfte, aber auch um Privates wie Autos und Hunde gegangen. Als Richter Klaus Bergmann ihn nach dieser Person fragt, nennt der 29-Jährige den Namen des Hauptangeklagten: ein 27 Jahre alter Deutscher, der zuletzt auf Mallorca gelebt hat.

Zusammenhalt der Gruppe gering

Die illegalen Aktivitäten des Niederländers sind nicht unentdeckt geblieben; er wurde mit einem europäischen Haftbefehl gesucht. Auf dem Rückweg von Kolumbien, wo er nach eigenen Angaben Urlaub gemacht hat, wurde er in Spanien verhaftet und nach Deutschland überstellt. Der mutmaßliche Drogenlieferant, erzählt er, habe ihn dort im Gefängnis besucht, um zu erfahren, ob er mit der Polizei geredet habe. Dies habe er verneint - dabei hatte er sich längst gegenüber Ermittlern des Bundeskriminalamts zum Sachverhalt geäußert.

Episoden wie diese zeigen, dass der Zusammenhalt der Gruppe nicht sehr eng gewesen sein muss. Ein mitangeklagter 30-jähriger Deutsch-Pole und der Niederländer haben wohl einen Drogentransport fingiert. »Joko7« sagten sie, der Fahrer sei festgenommen worden. Die so zurückgehaltenen Drogen wollten sie dem Hauptangeklagten erneut verkaufen. Der Grund: »Joko7« habe ihnen die versprochene Beteiligung nicht gezahlt. Sein Argument: Er habe 300 000 Euro in den Aufbau des Shops investiert. Erst wenn dieser Betrag durch den Drogenverkauf verdient worden sei, könnten die anderen ihren Anteil erhalten. Damit scheinen die mutmaßlichen Mittäter nicht einverstanden gewesen sein.

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