Angeklagte in Haft werden getestet

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
    schließen

Gießen (khn). Über drei Wochen musste der Prozess am Landgericht Gießen um die mutmaßlichen Köpfe von Deutschlands größtem Onlinedrogenhandel »Chemical Revolution« pausieren. Ein Angeklagter war nach seiner Rückkehr ins Gefängnis positiv auf Covid-19 getestet worden. Und im Gegensatz zu Frankfurt, Marburg-Biedenkopf oder Limburg-Weilburg schickte nur das Gesundheitsamt des Landkreises Gießen »seine« Teilnehmer der Verhandlung in Quarantäne - ohne sich die Örtlichkeit oder das Lüftungskonzept angesehen zu haben.

Ist nicht unsere Aufgabe, hieß es. Dieser Umstand sorgte auch am gestrigen Mittwochmorgen noch immer für Kopfschütteln im externen Sitzungssaal am Stolzenmorgen.

Neben den betroffenen Anwälten wollte auch Richter Dr. Klaus Bergmann die Sache nicht noch einmal groß thematisieren. Er erklärte aber zu Beginn der Sitzung, dass er eigentlich davon ausgegangen war, dass die Häftlinge vor ihrer Fahrt nach Gießen zur Verhandlung auf Covid-19 getestet werden. »In Teilen war das wohl ein Trugschluss«, sagte Bergmann. Da er als Richter nicht anordnen könne, dass die Justizvollzugsanstalten die Gefängnisinsassen vor dem Prozess testen, habe er diesen »ein freundliches Schreiben« zukommen lassen. Das Resultat: Die Häftlinge sollen sich ab sofort vor Fahrtantritt zur Leichtbauhalle einem Schnelltest unterziehen.

Verfahren könnte abgetrennt werden

Dem erkrankten Angeklagten geht es wieder gut; er nahm am Mittwoch an der Verhandlung teil. Seit August vergangenen Jahres stehen er und sechs weitere Männer in Gießen vor dem Landgericht. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt wirft den Männern bandenmäßig unerlaubten Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge vor. Der Strafrahmen liegt zwischen fünf und 15 Jahren. Die Drogen sollen in Ferienhäusern - auch in Ortenberg in der Wetterau - gelagert, verpackt und mit der Post verschickt worden sein. So sollen die Männer in eineinhalb Jahren etwa eine Million Euro in der Kryptowährung Bitcoin eingenommen haben.

Nach dem bundesweit viel beachteten Auftakt war - wie so oft bei solchen Großverfahren - bald die Zeit für die kleinteilige Puzzlearbeit gekommen. Sehr detailliert ging es immer wieder um Chatprotokolle, aus denen die Struktur von »Chemical Revolution« deutlich werden soll. Im Februar kam Bewegung in das Verfahren: Die Generalstaatsanwaltschaft und mehrere Verteidiger führten Verständigungsgespräche. Dass beide Seiten Interesse an so einem Deal haben, ist logisch. Für die Ermittlungsbehörde würde die Verurteilung einen positiven Abschluss ihrer Arbeit bedeuten. Und die Anwälte könnten für ihre Mandanten eine vergleichsweise niedrige Strafe erreichen. Weil der Angeklagte Youssef E., der die Drogen besorgt haben soll, zu einem Deal nicht bereit war, ist mit einem schnellen Ende des Verfahrens nicht zu rechnen.

Immerhin könnte es für drei der sieben Männer etwas schneller vorbei sein: Richter Bergmann schlug vor, das Verfahren gegen Daniel B., der der Kopf der Gruppe gewesen sein soll, Matthias B., der Mann für Verpackung und Versand, und den Fahrer Radoslaw S. abzutrennen und dann einem Urteil zuzuführen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare