André Becker startet mit großer Neugier in seine erste Spielzeit am Stadttheater. FOTO: SCHEPP.
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André Becker startet mit großer Neugier in seine erste Spielzeit am Stadttheater. FOTO: SCHEPP.

Corona-Spielzeit

André Becker ist neuer Chefdramaturg am Theater

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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André Becker ist der neue Chefdramaturg am Stadttheater. Im Interview plaudert der gebürtige Schweizer über seine Visionen für diese ganz besondere Spielzeit.

Sie sind in der Schweiz geboren, haben in Gießen studiert, waren an Theatern im deutschen Norden und in der Schweiz tätig und kehren nun nach Gießen zurück. Was hat Sie wieder hierher gebracht?

Becker:Die Möglichkeit, hier zu arbeiten. Es ist nicht so, dass ich Gießen vermieden oder gesucht hätte. Es hat sich einfach aufgetan.

Wie erinnern Sie sich an die Zeit, als die Angewandten Theaterwissenschaften in Gießen den Grundstein für ihren Ruf als Kaderschmiede legten?

Becker:Ich habe hier zwischen 1988 und 1993 studiert. Für mich war es gut, weil es ein kleiner Studiengang war. Ich kam aus einem Schweizer Dorf. Bin eigentlich eher zufällig hier gelandet. Und zwar in einer Phase, die ich im Nachhinein schätze. Als ich anfing, war Hans-Thies Lehmann gerade weg und es hat Jahre gedauert, bis mit Helga Finter eine Nachfolge festgelegt war. Damals waren die Strukturen offen, was uns rückblickend viele Möglichkeiten gegeben hat. Wir hatten vielleicht nicht die gefestigtste Lehre, aber ganz viele Möglichkeiten, Sachen auszuprobieren. Und in meinem Fall bedeutete das einfach, dass ich ganz viele Praktika gemacht habe. Daraus sind Jobs und Stellenangebote entstanden, sodass ich das Studium nicht beendet habe. Ich bin lieber an ein Theater gegangen. Damals war dieser Weg in den Stadttheaterbetrieb eher ungewöhnlich.

Sie haben auch schon selbst mehrfach auf der Bühne gestanden. Wie kam das?

Becker:Das war jetzt eher in den letzten sechs Jahren in Schleswig-Holstein der Fall. Es hatte immer viel damit zu tun, wenn Leute inszeniert haben, in die ich Vertrauen hatte, es Überschneidmöglichkeiten gab oder man einfach eine Type brauchte. Das ist nach und nach gewachsen, war nie groß, aber immer ein Spaß.

Warum haben Sie sich für das Theater als Berufsfeld entschieden?

Becker:Das verdanke ich meinem Deutschlehrer. Meine Eltern waren keine kunstnahen Menschen. Auf dem Gymnasium war meinem Deutschlehrer das Theater wichtig. Er hat im zweiten Oberstufenjahr den Fokus auf das Theater gelegt und hatte zwei Regeln: Alle lesen "Nathan", und die zweite war, "guckt mal, was im Schauspielhaus Zürich läuft!". Und dieses "In-Zürich-Gucken" war das Interessante.

Sie haben auch freischaffend gearbeitet. Wie froh sind Sie, dass sie in diesen schwierigen Corona-Zeiten fest an einem Haus wie Gießen engagiert sind?

Becker:Im Moment ist es ein Glück. Es gab eine Phase, in der ich viel freiberuflich gearbeitet habe. Es ging mir darum, alles, was mich interessiert, parallel machen zu können: als Dramaturg arbeiten, ein- bis zweimal im Jahr inszenieren, Produktionsleiter sein. Das ging frei besser. Als sich dann die Möglichkeit für eine feste Stelle ergab, fand ich den Versuch wert und bin 2007 nach Aachen gegangen. Über Kontakte sind dann die Engagements am Theater Rampe Stuttgart und am Landestheater Schleswig-Holstein entstanden. Und genauso bin ich auch hier gelandet. Ich habe nicht offensiv gesucht, aber ich wusste, dass in Rendsburg Schluss sein wird und ein Intendantenwechsel ansteht. Ich war sechs Jahre da, eine lange Zeit. Jetzt bin ich erstmal hier, das ist das, was gerade zählt.

Sie haben in den letzten Jahren mehrfach Jugendstücke inszeniert. Wird das auch in Gießen ein Schwerpunkt sein?

Becker:Höchstens in dem Sinne, dass ich, wenn wir in der Dramaturgie darüber reden, viel Interesse daran habe.

Corona-bedingt sind Sie schon früher als üblich in die Arbeit in Gießen eingestiegen. Ist das ein Vorteil?

Becker:Das Gute war, dass ich am Spielplan mitgearbeitet habe und bei allen Problemen, die dann aufgetaucht sind, als der Plan ab März angepasst werden musste, alles mitverfolgen konnte. Das macht es erst einmal angenehmer. Das konkrete Arbeiten fing dann erst mit den Vorproben vor Ort an. Von den Strukturen im Haus bekomme ich erst dadurch eine Ahnung.

Als Chefdramaturg sind Sie auch für die Zusammenarbeit aller Sparten im Haus zuständig. Ist das aktuell nicht sehr schwer?

Becker:Ich denke, dass man das beobachten und darauf bauen muss, dass die Spielzeit 2021/22 wieder mehr möglich macht. Die Dramaturgie ist ja relativ neu aufgestellt: Im Schauspiel sind zu Carola Schiefke neben mir mit Marisa Wendt und Patrick Schimanski zwei weitere neue Kollegen dazu gekommen. Dann teile ich mein Büro mit Samuel C. Zinsli, der fürs Musiktheater zuständig ist und mir viel dazu erzählt. Nicht zu vergessen gibt es noch den Tanztheaterdramaturgen Johannes Bergmann. Im Moment geht es darum, uns als eine neue Einheit zu begreifen, weniger um Leitlinien. Im Schauspiel teilen wir die Stücke nach Interessen und Regisseuren unter uns auf, nicht hierarchisch. Ansonsten freue ich mich darauf, Endproben anderer Sparten zu sehen, was mir die letzten Jahre nicht möglich war.

Ärgert es Sie, dass Sie ihre Arbeit in Gießen unter solch schwierigen Pandemie-Umständen stattfinden muss?

Becker:Jein. Erstmal bin ich froh, hier überhaupt arbeiten zu können, in dem Sinne, dass wir spielen können. Die Umstände für die Zuschauer und auf der Bühne sind vielleicht eigenartig, aber das ist definitiv besser als die Situation vor einem halben Jahr. Wenn man die Möglichkeit hat zu spielen, sollte man spielen. Trauriger bin ich eher über das Ende der Intendanz am Haus in Schleswig-Holstein. Wir hatten noch drei Premieren vor uns und die wurden einfach abgeschnitten. Statt der Euphorie eines letzten Intendantenjahres, wenn man nocheinmal alles reinlegt, fiel man in ein großes schwarzes Loch. Hier ist es jetzt so: Wir würden lieber vor 600 Zuschauern spielen, lieber mit voller Wucht loslegen können, aber wenn wie bei der Wiederaufnahme von "Der Vorname" die etwa 100 Zuschauer applaudieren, als wäre das Haus voll, dann ist das auch toll. Man kann immer nur gucken, wie es geht.

Was erwartet Sie in Gießen sonst noch?

Becker:Ich treffe hier auf gewachsene Strukturen. Es gibt bestimmte Regisseure, die an diesem Haus wieder auftauchen sollen. Das ist schön, weil es mir die Gelegenheit gibt, sie kennenzulernen. Gleichzeitig gibt es die eine oder den anderen, die ich schon kenne und die ich gerne nach Gießen lotsen würde. In dieser Spielzeit etwa Antje Thoms, die das Fassbinder-Stück inszenieren wird, und Nora Bussenius, mit der ich schon in Schleswig-Holstein zusammengearbeitet habe.

Und was würden Sie hier gerne einmal spielen?

Becker:Das kann ich so gar nicht sagen. Vieles ergibt sich aus den Themen. Ich weiß, dass das Haus ein Profil mit zeitgenössischer Theaterliteratur hat. Das ist etwas sehr Gutes. Dass wir ein Stück wie "Gold" auf der großen Bühne uraufführen, wäre an vielen anderen Häusern nicht möglich. Es freut mich auch, dass es so ein kleines Stück wie "Bookpink" ins taT geschafft hat. Es ist einfach ein super lustiges, komplexes und spielfreudiges Ding. Ich persönlich habe auch Interesse an Ausgrabungen und Raritäten, so wie der "Fassbinder" eher aus dieser Ecke zu denken ist. Und in der nächsten Spielzeit, der Abschlussspielzeit von Intendantin Cathérine Miville, wird es sicher noch einmal um ganz andere Punkte gehen. Wenn man sich da vorher zu viele Gedanken macht, was man einmal zeigen möchte, versagt man sich auch schon mal, über etwas zu stolpern, was man sich nicht ausdenken konnte.

Was wünschen Sie sich vom Publikum?

Becker:In den Vorstellungen, die ich noch sehen konnte, habe ich ein sehr gewachsenes, aber auch sehr gemischtes, junges Publikum gesehen. Das mag ich. Mir gefällt, dass es hier ein großes Interesse an unterschiedlichen Stoffen gibt.

Was macht für Sie einen guten Theaterabend aus?

Becker:Wenn ich ihn nicht berechnen kann. Wenn ich drinsitze, und nicht wirklich weiß, was mich jetzt erwartet. Wenn ich nach einer Viertelstunde weiß, wie es geht, langweile ich mich. Und ich möchte mich nicht langweilen.

André Becker, geboren 1968 in Männedorf (Schweiz), studierte Anfang der 90er Jahre Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Nach der Zeit als Regieassistent am Theater Basel und am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, war er freischaffend als Dramaturg, Regisseur, Produktionsleiter und Schauspieler tätig, u.a. am Schauspielhaus Zürich, am Theater Winkelwiese in Zürich, am Theater Rampe in Stuttgart und am Luzerner Theater. Von 2007 bis 2009 war er Dramaturg am Theater Aachen und dort für das Mörgens, die Spielstätte für Junges Theater, Experimente und einmalige Sonderveranstaltungen verantwortlich. Anschließend arbeitete er bis 2013 am Theater Rampe Stuttgart als Dramaturg und Regisseur. Von 2014 bis 2020 war er als Dramaturg am Schleswig-Holsteinischen Landestheater engagiert. Seit der Spielzeit 2020 ist er Chefdramaturg und Mitglied der Schauspielleitung am Stadttheater Gießen.

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