Christian Lugerth bei seinem Gundermann-Soloabend in der Pankratiuskapelle. FOTO: BF
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Christian Lugerth bei seinem Gundermann-Soloabend in der Pankratiuskapelle. FOTO: BF

Die andere Seite der deutschen Seele

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Gießen(bf). Eine sehr interessante Art, den Tag der deutschen Einheit zu begehen, fand der Schauspieler und Regisseur Christian Lugerth. Er stellte am Samstag in der Pankratiuskapelle den ostdeutschen Liedermacher Gerhard Gundermann vor. Der "singende Baggerfahrer" hatte schon früh Widersprüche in der DDR erkannt und musikalisch thematisiert.

"In den Kirchen der DDR hat alles angefangen", sagte Christian Lugerth. Der Gießener stolperte irgendwann über die Figur Gundermann, las dessen Biografie und hörte seine Musik. Zum Tag der deutschen Einheit fragte er provokant, "Warum feiern wir diesen Tag und nicht den 9. November, den Tag der Maueröffnung und der so genannten Reichskristallnacht 1939? Da könnte man beide Seiten der deutschen Seele zeigen." Das war offenbar nicht erwünscht, es ist ja auch ein bisschen weit hergeholt. Das Publikum trägt die Provokation mit Fassung.

Gundermann (1955-1998), Baggerfahrer im Kohleabbau und Liedermacher, galt etwa ab den Achtzigern als Sprachrohr der Menschen im Bergbaugebiet der Lausitz. Er war ein gradliniger und überzeugter, aber nicht systemtreuer, schließlich unbequemer DDR-Bürger, thematisierte nach der deutschen Vereinigung politische und soziale Themen. "Gundermann beschrieb den Tod seines eigenen Landes," sagte der in Konstanz geborene Lugerth, der Verwandtschaft in Thüringen hat.

Man lernte Gundermann, wenn auch etwas fragmentarisch, ganz gut kennen an diesem Abend. "Niemand hat das Recht, Schuld nach oben abzuschieben," sagte er einmal, und in den Liedtexten wird eine lebendige, sehr anteilnehmende Auseinandersetzung mit seinem Land deutlich. Dabei erweist sich der Arbeiter als definitiv poetischer, sehr präziser Texter.

Der Abend wird zu großen Teilen von der Musik eingenommen, was den Kontakt mit Gundermann verblüffend einfach macht, denn er formuliert in unbeirrbar scharfzüngiger Sprache und verblüffender Pointierung. Eindrucksvoll ist auch die gedankliche Tiefe der Texte und des Nachdenkens dieses Baggerfahrers, der sich im dichterischen Metier mit Größen der Zeit ohne Weiteres messen konnte. Der Zustand der DDR und die denkwürdigen Umstände der Wiedervereinigung - keine gemeinsame Hymne, keine gemeinsame Verfassung - beschäftigten ihn ("Wenn Himmel wegbricht"), er schrieb Titel wie "Heimatanalyse" oder Gedanken zur Befindlichkeit: "Im Herzen Asche, in den Adern Alkohol" ("Brigitta").

Den Tod seines Landes beschrieben

Überraschend intensiv ist sein Song an die Erde "Halte durch": "Bist doch ein erfahrener Planet, wir machen dich zur Sau", "Flora ist schon fast KO, Fauna stirbt in irgendeinem Zoo". 1988 entstand dieser Text. Ein anderes Bild entsteht in "Bus ins Paradies", einem Text zum Einzug nach Westdeutschland: "Wir haben so lange gewartet." Aber die Insassen wollen sie nicht mitnehmen, obwohl noch Platz ist, nur ein paar schaffen es rein. "In dem Moment geht der Bus kaputt" und der Fahrer sagt: "Streitet euch nicht, der Bus ins Paradies fällt aus" (Text: "Liedgefährten").

Lugerth hält sich beim Singen und Spielen nicht zurück. Sein Gesang gibt den Liedermacherduktus gut wieder. So entsteht der Haupteindruck des Künstlers durch seine Lieder, die man ganz authentisch zu hören bekommt. Die eingestreuten, teils sehr kritischen und dokumentarischen Texte unterstreichen die Kontraste rund um die innerdeutsche Problematik. Und es stellte sich die Frage, wie diese Sache so tiefgehend daneben gehen, die andere Hälfte des Volkes als unerwünschte Ausländer betrachtet werden konnte.

Das Publikum verfolgt dieses ziemlich kritische und anregende Porträt ganz aufmerksam. Am Ende bekommt Lugerth für sein knackiges und unterhaltsames Porträt sehr langen und intensiven Applaus.

Es sind zwei weitere Vorstellungen geplant.

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