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Aus breiten Gummibändern werden kleine Dichtungsringe: Poppe-Geschäftsführer Patrick Vogel (r.) erklärt den Besuchern um SPD-Chefin Nancy Faeser (Mitte) die Produktionsabläufe.

Automobilzulieferer

Anbau geplant: Poppe konzentriert Produktion in Gießen

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
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Im vergangenen Jahr musste beim Gießener Traditionsunternehmen Poppe gezittert werden, aber seit der Übernahme durch die holländische Elastofirm-Gruppe herrscht Aufbruchstimmung.

Gießen – Winzige Zylinder, lange Schläuche mit Ventilen, kleine und größere Ringe oder Teile mit Flügelchen, die von den Artbeitern liebevoll »Arschbacken« genannt werden: Die Besucher aus der Politik um die hessische SPD-Chefin Nancy Faeser staunen am Dienstag in der Produktionshalle von Poppe, was aus Kautschuk alles werden kann. Manche der schwarzen Gummiteile erkennen die Besucher wieder - aus dem eigenen Auto.

»Die Zukunft der Arbeit« lautet das Motto, unter das die Oppositionsführerin im Hessischen Landtag ihre Dialogtour durchs Land gestellt hat, bei der sie Unternehmen, Arbeitsverwaltung, Politik und Hochschulen zusammenbringt. Am Ohlebergsweg erlebt die von Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz, Landrätin Anita Schneider und den beiden mittelhessischen SPD-Landtagsabgeordneten Tobias Eckert und Frank-Tilo Becher begleitete Fraktionschefin viel Zukunft. Denn nach der Zitterpartie im Jahr 2020, als das damalige Poppe-Mutterunternehmen Veritas Insolvenz angemeldet hatte, herrscht längst wieder Aufbruchstimmung bei dem Gießener Traditionsunternehmen, einem Zulieferer für die Automobilwirtschaft sowie die Industrie. »Wir sind als gesundes Unternehmen in die Insolvenz gegangen und verkauft worden. Seitdem erfinden wir uns ständig neu«, sagt Geschäftsführer Patrick Vogel.

Poppe: Verlagerung von Gelnhausen nach Gießen

Seit dem vergangenen März heißt das früher am Leihgesterner Weg ansässige Industrieunternehmen Poppe Elastormertechnik und gehört zur holländischen Elastofirm-Gruppe, deren CEO Rene Doup ebenfalls für Fragen zur Verfügung stand. Poppe habe passgenau zur dezentralen Strategie von Elastofirm gepasst, das in hochspezialisierte und mittelgroße Unternehmen der Gummi- und Kunststoffindustrie investiert, erläutert Doup. Betriebsratschef Frank Müller bestätigt das: »Wir sind froh, dass wir eigenständig sind und schauen positiv in die Zukunft.«

Poppe, das die Insolvenz ohne personellen Aderlass überstanden hat und aktuell 230 Mitarbeiter zählt, hat sogar Erweiterungspläne am Standort Gießen und will die Restproduktion aus Gelnhausen - Sitz der früheren Mutter Veritas - an den Ohlebergsweg verlagern. »Den Platz dafür haben wir hier. Wir hoffen, dass Sie bald einen Bauantrag von uns erhalten werden«, kündigt Geschäftsführer Vogel der Oberbürgermeisterin an.

Die nimmt den Dank von Betriebsratschef Müller entgegen. Die Rathauschefin und ihre Partei, die Gießener SPD, hätten sich um Poppe gekümmert, als 2020 die Veritas-Insolvenz bekannt geworden sei.

Faeser interessiert sich für das Thema Fachkräfte, die Perspektive eines Automobilzulieferers in einer Zukunft mit E-Mobilität und für die Digitalisierung. Gedämpft und abgedichtet werde auch in einem Elektrofahrzeug, Kabel und Batterien könnten ein Thema werden. »Wir sehen da unsere Chancen, der Umbauprozess wird bei uns nicht so groß«, glaubt Vogel. Hin und wieder müsse man allerdings den Banken erklären, »dass Automotive nicht nur mit dem Antriebssystem zu tun hat«, ergänzt Doup.

Gießener Unternehmen Poppe: Kein Homeoffice im Hinterland

Ein großes Thema auch für Poppe Elastomertechnik ist der Fachkräftemangel. Ohne Fremdrekrutierung oder zum Beispiel die frühe Anbindung ans Unternehmen schon während des Studiums gehe es nicht. Bislang sieben Neueinstellungen in diesem Jahr seien vor diesem Hintergrund durchaus beachtlich. Betriebsratschef Müller berichtet, dass Poppe einen eigenen Lehrer eingestellt habe, um jungen Mitarbeitern quasi Nachhilfeunterricht zu geben.

Zur Attraktivität eines Unternehmens gehört auch die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten. »In Holland ist das eine der ersten Fragen von Bewerbern um einen Job, ob sie auch von zu Hause aus arbeiten können«, berichtet Doup. Bei Poppe konnten das in der Pandemie - außerhalb der Produktion - nicht alle Mitarbeiter. Grund: Kein ausreichend leistungsfähiges Internet in einigen Gegenden wie dem Hinterland.

Gelobt von Management und Betriebsrat wird das Kurzarbeitergeld. Müller sagt: »Irgendwann ist Corona vorbei, und dann werden die Leute alle gebraucht«.

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