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An beiden Enden des Pinsels

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Von: Karola Schepp

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Um die kulturelle Corona-Flaute der letzten Jahre zu überwinden, hat sich Annika Müller mit einer zehnköpfigen Gruppe aus JLU-Kunststudierenden zusammengeschlossen. Gemeinsam haben sie das Ausstellungsprojekt »Unseen« entwickelt. Das begleitet Künstler im Schaffensprozess.

Wer aktuell Kunst studiert, hatte es in den letzten beiden Corona-Jahren schwer. Niemand konnte während seines Studiums im realen Leben ausstellen und seine Kunst der Öffentlichkeit ohne den Umweg über das Digitale zeigen. Sich zu präsentieren nach dem Motto »So bin ich und das ist meine Art, mich künstlerisch auszudrücken«, das war kaum möglich. Auch die Studierenden der Kunstpädagogik und von Kunst auf Lehramt an der Universität haben darunter gelitten.

Das hat die Gießener Fotografin Annika Müller bei einer Freundin hautnah miterlebt und setzt daher hier mit ihrem Projekt »Unseen« an. Das führt Malerei und Fotografie auf einer Ebene zusammen und hat den Untertitel »The underdog exhibition«.

Die Ausstellung war bereits als reine Foto-Ausstellung in der Sparkassenzentrale sowie im Hotel Heyligenstaedt zu erleben und wird nun in Gänze, also in der Kombination von Making-Of-Fotos und den Gemälden, im KiZ (Kongresshalle) gezeigt. Am Freitag, 10. Februar, um 18 Uhr ist dort Eröffnung. Die Schau läuft bis zum 2. April. Es gibt zudem einen reich bebilderten Ausstellungskatalog.

Annika Müller hat die neun Künstlerinnen und einen Künstler fotografisch bei ihrer Arbeit begleitet und somit dokumentiert, wie ihre Werke entstehen. In der Motivwahl waren alle vollkommen frei, nur eine bestimmte Farbe sollte das Bild prägen.

Am Freitag ist Eröffnung

»Das Projekt ›Unseen‹ zeigt, was sonst nicht gezeigt wird. Es erzählt die Geschichten beider Enden des Pinsels und beleuchtet aus Perspektiven, die bisher nur unter dem Radar verweilten. Es handelt von Kunst, von Menschen, von Raum und Zeit und von dem einen komplexen Rätsel der Gesamtheit aller Farben«, formuliert Annika Müller. Die 26-jährige Medienwissenschaftlerin und selbstständige Fotografin, die im Marketingbereich arbeitet und oftmals in Tonstudios fotografiert, will Kunst und Kultur wieder mehr in den Fokus rücken und freut sich, dass nun im KiZ genug Platz ist, um nicht nur die Fotografien, sondern auch die Gemälde auszustellen.

Ausstellende sind Rosemarie Fischer, Helena Steffes, Elina Gross, Ceren Eda Neccar, Julian Fuchs, Helena Semmler, Anna Seibel, Flávia Grilo Coelho, Helena Clara Semmler, Lea Melchior und Ramsheke Thillainathan. Sie alle studieren Kunst oder Kunstpädagogik an der JLU. Annika Müller hat sich während des Lockdowns mit ihnen ausgetauscht und dabei entstand die Idee, einen Raum und Rahmen zu schaffen, in dem sie ihre Werke zeigen können.

Müller hat die Künstler dort fotografiert, wo sie ihre Bilder gemalt haben: im Garten, in einem Hinterhof oder im Atelier an der Universität. Es sind ungestellte Bilder, entstanden bei jeweils zwei mehrstündigen Sitzungen. »Wir haben uns da langsam rangetastet«, erzählt Annika Müller, denn beim Malen fotografiert zu werden, war für alle zunächst ungewohnt. So sieht man Helena Semmlers Hand an der Staffelei oder den Farbkasten daneben, die sie für ihr Strandbild »Mit mir allein« verwendet hat. Oder man erkennt Helena Steffels im Atelier, kniend vor ihrem Bild »Balkenwerk«, das ein Gerüst in einem Bergwerk zeigt. Fast schon idyllisch wirkt die Aufnahme, die Flávia Grilo Coelho in ihrem Garten an der Staffelei zeigt. Dabei ist nach einer Foto-Vorlage ihr Werk »Raum im Raum« mit einer Frau in einer Badewanne entstanden. »Indische Ziegen« mit Currypulver aus Indien, Porträts, die mit Schärfe und Unschärfe spielen, Naturimpressionen in unnatürlichem Pink - es gibt viel zu entdecken.

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