Die Pose spricht Bände: Der namenlose Kunsthändler (Tom Wild) imitiert die Tiraden seines Malers H. FOTO: REGEL,
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Die Pose spricht Bände: Der namenlose Kunsthändler (Tom Wild) imitiert die Tiraden seines Malers H. FOTO: REGEL,

Alternative Weltgeschichte

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Wo spielt man ein Stück mit einem Kunsthändler wohl am besten? Natürlich in einer Galerie. Das Stadttheater veranstaltet daher Tom Wilds Solo-Abend "Das Leben des H. erzählt von seinem Kunsthändler" auch folgerichtig in der Galerie 23 der Lebenshilfe.

Darf man Hitler parodieren? Darf man alternative Fakten erfinden, wenn es um den Holocaust geht? Und darf man den Nazi-Schrecken mit einer kunsthistorischen Fantasiestory verweben? Die Antwort darauf ist schwierig, und fällt sicher individuell aus.

Tom Peuckert bewegt sich also mit seinem Hörspiel "Das Leben des H. erzählt von seinem Kunsthändler" durchaus auf dünnem Eis. Berichtet in dieser Historienfarce doch ein fiktiver namenloser Kunsthändler von einem größtenteils frei erfundenen Lebensweg Hs., der als realer Adolf Hitler zu identifizieren ist. Was wäre wenn dieser bei seinem, historisch verbürgten Berufsziel Maler geblieben wäre? Diese Frage liegt der Gedankenspielerei zugrunde.

Regisseur Patrick Schimanski hat die von Tom Peuckert selbst geschriebene Theaterfassung nun in der Galerie23 der Lebenshilfe uraufgeführt (Ausstattung: Denise Schneider). An einem Ort, der nicht nur als Galerie perfekt passt, sondern gerade wegen seiner besonderen Verbindung zur Lebenshilfe. Schließlich zeigen hier auch Menschen mit Handicap ihre Kunst. Menschen, die früher von den Nationalsozialisten verfolgt worden wären. Die Wahl dieses Ortes ist damit schon an sich ein starkes Zeichen.

Fiktion und Realität

Tom Wild spielt den durchaus nicht unsympathischen Kunsthändler als Schlawiner im schicken karierten Dreiteiler und leistet dabei Großartiges. Nicht nur das Textpensum des knapp einstündigen Monologs ist beachtlich. Auch der Drahtseilakt, zwischen Fiktion und Realität, Wissen und Ahnung gelingt ihm souverän. "Wenn ich mir vorstelle, er hätte mich nicht getroffen und wäre als brotlos-einsamer Künstler durch die Welt gewandert?", erinnert sich der Kunsthändler an die Zeit mit "seinem Maler", den er gewinnbringend berühmte Vorbilder imitieren lässt. Er plaudert vom Kennenlernen 1913 in München, H.s Besessenheit im Atelier, gemeinsamen Gaunereien in den Niederungen des Kunsthandels, einer Flucht in die Schweiz und später nach Japan und schließlich H.s Erschießung. Immer wieder blitzt das aufbrausende Temperament seines kuchensüchtigen Schützlings durch, ebenso dessen unerträgliche Gesinnung und sein Größenwahn. Das Werk französischer Impressionisten mit Fälschungen "ergänzen", das macht dieser H. nur nach Gewaltandrohung. Viel lieber malt er "deutsche Eichen" oder entwirft bombastische Architektur. Weltkriegsstationen mutieren zu Etappen einer imaginären Weltreise, was durchaus als verharmlosend interpretiert werden könnte. Malerische Wut und Völkermord als Spiegelbild - das ist gewagt.

Die Weltgeschichte hätte ganz anders aussehen können, wenn dieser H. sich nur der Kunst gewidmet hätte. Tut sie aber nicht. Und das bleibt den Zuschauern bewusst. Gerade dadurch wirkt die Kunsthändler-Erzählung umso absurder und kann den Vorwurf, "L’art pour l’art" zu sein, nicht wirklich entkräften.

Die Welt zu einem besseren Ort zu machen, das gelingt weder dem cleveren Kunsthändler noch seinen durchaus unterhaltsamen Gedankenspielen. Aber es gelingt wohl auch nicht der Kunst an sich: ob es sich um echte oder gefälschte Kunstwerke handelt, oder um einen Theatermonolog, der mit der Idee einer alternativen Weltgeschichte kokettiert.

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