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Unwort des Jahres

"Alternative Fakten" ist Unwort des Jahres

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"Alternative Fakten" lautet das Unwort des Jahres 2017. Dies hat die Jury am Dienstag bekanntgegeben. Im Rennen war auch ein Vorschlag aus Gießen.

"Alternative Fakten" lautet das Unwort des Jahres 2017. Die Bezeichnung sei "der verschleiernde und irreführende Ausdruck für den Versuch, Falschbehauptungen als legitimes Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung salonfähig zu machen", erklärte die Jury am Dienstag in Darmstadt. 

„Babycaust“ war indes der am häufigsten vorgeschlagene Begriff für das "Unwort des Jahres". Die Häufigkeit trägt aber nicht zur Entscheidung bei. Eingereicht hatte ihn die Gießener Ärztin Kristina Hänel, die vor kurzem wegen unerlaubter Werbung für Schwangerschaftsabbrüche zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Hänels Begründung für "Babycaust" als Unwort des Jahres: Sie werde auf einer Website desselben Namens "diffamiert, verleumdet und angeprangert", teilte sie über ihr Unterstützungskomitee mit. Der Begriff "Babycaust" sei wegen seiner Ähnlichkeit zum Begriff "Holocaust", der für den Massenmord der Nazis an den Juden steht, "verschleiernd und irreführend".

Seit 1991 werden jedes Jahr Begriffe gekürt, die gegen das Prinzip der Menschenwürde oder Grundsätze der Demokratie verstoßen, weil sie "einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren" oder "euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend" sind. "Volksverräter" war es 2016, "Gutmensch" 2015. Ziel der sprachkritischen Aktion ist es, auf öffentliche Formen des Sprachgebrauchs aufmerksam zu machen und dadurch das Bewusstsein und die Sensibilität für Sprache in der Bevölkerung zu fördern.

Ich werde im Internet mit dem Begriff Babycaust verleumdet. Der Begriff ist wegen seiner Ähnlichkeit zum Begriff Holocaust verschleiernd und irreführend

Kristina Hänel

Die Jury wählt Formulierungen aus der öffentlichen Kommunikation, die gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen. Die Wörter sollen zudem eine "gewisse Aktualität" haben, und der Kontext, in denen sie gefallen sind, muss belegt sein.

Zur Wahl standen in diesem Jahr auch Begriffe wie "Bio-Deutsche", "Fake News" für vorgetäuschte oder falsche Nachrichten sowie "Atmender Deckel" aus der Diskussion über die Begrenzung der Flüchtlingszahlen.

Erstaunliches erreicht

Die Gießener Ärztin Kristina Hänel hat Erstaunliches erreicht mit ihrer Kampagne für das Informationsrecht von Frauen. Die Zeit war offenbar reif für eine Debatte über Hass im Internet und Lücken in der ärztlichen Versorgung. Hänel rannte bei vielen Politikern offene Türen ein, als sie in Berlin 150 000 Unterschriften für die Streichung des Strafgesetzbuch-Paragrafen 219a übergab.

Der schwierige Konflikt zwischen Selbstbestimmungsrecht der Frau und Lebensrecht eines Embryos war fast unbemerkt zum Tabuthema geworden. Frauen, die einen Abbruch haben durchführen lassen, schweigen darüber in aller Regel.

Auf der Straße beschimpft

Erst jetzt erfahren viele Menschen, wie hasserfüllt "Abtreibungsgegner" Ärztinnen und Ärzte verfolgen. Kristina Hänel hat in einem Interview erzählt, dass sie zeitweise auf der Straße beschimpft wurde, auch in Gegenwart ihrer Kinder. Frauen, die zum Thema "googeln", landen auf Internet-Seiten, auf denen Schwangerschaftsabbrüche mit dem Holocaust verglichen werden. Darauf macht nun die Wahl zum Unwort des Jahres aufmerksam.

Ins Bewusstsein gerückt ist zudem die Rechtslage. Gerade Jüngeren war oft nicht klar, dass Schwangerschaftsabbrüche grundsätzlich verboten sind. Feministinnen bemängeln seit jeher, es sei würdelos, dass Frauen auf die Gnade des Staats angewiesen seien. Doch im Großen und Ganzen schien das vor 20 Jahren gezimmerte Konstrukt erst Pflichtberatung, dann freie Entscheidung der Frau ? zu funktionieren. Auf welch wackligen Füßen es steht, wurde im Zuge von Hänels Kampagne deutlich. Der Paragraf 219a verbietet "Werbung" für Abtreibung. Das ist keineswegs ein reines Nazi-Relikt, sondern spiegelt Bedenken des modernen Gesetzgebers wider. Beim Prozess am Gießener Amtsgericht erläuterte der Staatsanwalt: Um "Hochglanzprospekte" und einen "Preiskampf" (die meisten Frauen müssen den Eingriff selbst bezahlen) zu verhindern, müssten die Adressen der Ärzte eine Art Geheimwissen bleiben, gehütet von den Beratungsstellen.

Immer weniger Ärzte bieten Schwangerschaftsabbruch an

FDP und CDU stellen sich weiterhin gegen "offensive Werbung". Sie sehen eine Abschaffung des Paragrafen kritisch. Eine Änderung in Hänels Sinn allerdings können sich die Liberalen vorstellen, die Christdemokraten denken darüber nach. Auch sie wissen: Reißerisch werben dürfen Ärzte sowieso nicht, das verbietet ihre Berufsordnung. Die Befürchtung, dass Schwangerschaftsabbruch zum "Geschäftsmodell" wird, wirkt inzwischen lächerlich.

Immer weniger Krankenhäuser und Praxen bieten den Abbruch an. Sie wollen sich nicht von Fundamentalisten bedrohen und in die "Schmuddelecke" drängen lassen. Der Staat, der eine flächendeckende Versorgung gewährleisten muss, konnte bisher auf Mediziner/innen wie Kristina Hänel setzen: Sie helfen aus Überzeugung Frauen. Doch diese Generation geht allmählich in den Ruhestand. Hänel ist 61 Jahre alt und fünffache Großmutter, derzeit führt sie als einzige in Gießen Abbrüche durch. Mancherorts müssen Patientinnen für den Eingriff 100 Kilometer zurücklegen.

Das erinnert an Zeiten, in denen Frauen in die Niederlande fuhren. Damals wie heute gilt: Wer es sich leisten kann, kommt zurecht. Und die Frauen mit weniger Geld, Bildung, mit einem Partner, der sie unter Druck setzt? Sollen sie wieder auf Hinterzimmersofas mit Stricknadeln traktiert werden? Die Erfahrung zeigt: Eine Frau, die kein Kind will, wird häufig versuchen, die Schwangerschaft zu beenden. Eine liberale Rechtslage hilft ihr, darüber mit weniger Panik nachzudenken ? und sich vielleicht für das Kind zu entscheiden. Dazu kann die Politik, können wir alle beitragen, indem wir für eine familien- und kinderfreundliche Gesellschaft und Arbeitswelt eintreten.

Paragraf 219a nutzt nur radikalen Abtreibungsgegnern

Der Paragraf 219a nutzt nur radikalen Abtreibungsgegnern. Mit einer Anzeigenflut schüchtern sie Ärzte ein und beschäftigen Staatsanwaltschaften. Kürzlich wurde sogar das Bistum Limburg angezeigt, weil es veröffentlicht hat, dass man in einer katholischen Stelle einen Beratungsschein bekommt. Kristina Hänel wird wohl ihr Ziel erreichen. Das ist eine gute Nachricht. Kein werdendes Leben ist gefährdet durch das Wort "Schwangerschaftsabbruch" auf einer Internet-Seite.

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