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1998: Die Gießener Kaufmannsfamilie Shobeiri kauft die Alte Post von der Post AG. Das 1863 fertiggestellte Gebäude ist Kulturdenkmal aus künstlerischen, städtebaulichen und stadtgeschichtlichen Gründen. Das Gelände war zwischen 1898 und 1925 um das Telegraphenamt erweitert worden, was inzwischen ebenfalls in die Pläne einer möglichen Weiternutzung integriert wurde.

Alte Post

Der Alten Post droht der komplette Verfall

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Der Denkmalbeirat der Stadt fordert "Sofortmaßnahmen". Andernfalls drohe der Alten Post der "komplette Verfall". Zudem wurde bekannt, warum Investoren bisher zurückgeschreckt sind.

Mit nachdenklicher Mine ging Peter Diehl am frühen Mittwochabend die Treppe im Rathaus hinab. Was er in den fast drei Stunden zuvor in der Sitzung des städtischen Denkmalbeirats gesehen und gehört hatte, bestätigte nicht nur seine Befürchtungen. "Die Alte Post befindet sich in einem äußerst kritischen Zustand", sagt der Beiratsvorsitzende am Donnerstag gegenüber der Gießener Allgemeinen Zeitung. Dem Denkmalbeirat war am Mittwoch ein Bauzustandsgutachten vorgestellt worden, das die Untere Denkmalschutzbehörde Anfang des Jahres bei dem Marburger Ingenieurbüro HAZ beauftragt hatte. Dieses Gutachten müsse zwingend um eine Liste mit akuten Schutzmaßnahmen und einer Kostenaufstellung "erweitert" werden, betont Diehl. Würden solche Maßnahmen nicht zeitnah ergriffen, drohe der Alten Post in einigen Jahren das Schicksal von Samen Hahn.

Für Architekt Diehl, der seit 20 Jahren ehrenamtlich im Denkmalbeirat mitarbeitet, ist der im Sommer 2012 erfolgte Abriss des Kulturdenkmals im Reichensand, das den gleichen Eigentümern gehörte, ein warnendes Beispiel. Da habe es im Laufe der Jahre auch mehrere Bauzustandsgutachten gegeben – jedes Mal seien die festgestellten Schäden gravierender und die Warnungen vor einem Verfall eindringlicher gewesen. "Wie es ausgegangen ist, wissen wir alle. Wenn wir jetzt bei der Alten Post noch fünf oder zehn Jahre warten, wird auch dieses Gebäude eines Tages abgängig sein", befürchtet Diehl.

An die Eigentümer appelliert der Experte, den Wert des Gebäudes endlich realistisch einzuschätzen und sanierungswillige Investoren nicht länger mit völlig überzogenen Preisvorstellungen abzuschrecken. Er selbst sei als Architekt vor zwei Jahren an einem der vielen vergeblichen Anläufe zum Erwerb und zur Sanierung beteiligt gewesen. "Die Shobeiris haben die Alte Post Ende der 90er Jahre für eine Million Mark gekauft. Der Investor, mit dem ich zusammengearbeitet habe, hat 1,8 Millionen Euro angeboten, aber die Eigentümer haben 3,5 Millionen verlangt. An dem Punkt ist jede Verhandlung beendet", erklärt Diehl.

Dass die Gutachter ein Gesamtkonzept zur Restaurierung der Alten Post anmahnen, wird vom Denkmalbeirat ausdrücklich begrüßt. Aber die Umsetzung eines solchen Projekts benötige viel Zeit. Bis dahin könnten sich die Schäden zum Beispiel durch eindringende Feuchtigkeit potenzieren. "Schätzungsweise die Hälfte aller Fenster sind kaputt, Regenrinnen sind undicht oder wurden nicht fachgerecht repariert", sagt Diehl. Um Fußgänger vor herabfallende Fassadenteilen zu schützen, reiche ein Gerüst mit Fallschutz zwar aus, der Sandsteinfassade indes helfe das nicht. In den wackeligen Bereichen müsse auch eine "Lagesicherung" erfolgen. Nach Einschätzung von Diehl weist der Sandstein stellenweise bereits einen "Schwund von 20 bis 30 Zentimetern" auf. Das lasse sich aber noch restaurieren. "Da droht kein Abriss, aber es wird höchste Zeit, dass etwas unternommen wird und auch die Stadt agiert."

Auf Zustimmung beim Denkmalbeirat stößt in diesem Zusammenhang die Ankündigung des Magistrats, die Eigentümer notfalls zu enteignen, falls sie nicht sanieren oder verkaufen. Aber auch ein solches Enteignungsverfahren kostet Zeit, wenn von den Eigentümern der Rechtsweg beschritten wird.

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