Alte Dinge erzählen Geschichten

  • Karola Schepp
    vonKarola Schepp
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Die Stadt[Labor]Fotoaktion "Mein Museumsgegenstand" wurde am Wochenende im Margarete-Bieber-Saal fortgesetzt. Und wieder hatten Bürger interessante, aus ihrer Sicht museumswürdige Gegenstände mitgebracht und erzählten die dazugehörigen Geschichten aus Gießens Stadthistorie.

Was hat eine Spielzeugdampfwalze aus den 1960er Jahren mit der Geschichte der Stadt Gießen zu tun? Eine ganze Menge. Hans-Jürgen Weiser vom Liegenschaftsamt der Universität hatte das blecherne Spielzeug mit Esbit-Antrieb am Samstag zur Fotoaktion "Mein Museumsgegenstand" mitgebracht und berichtete, dass das Exemplar Teil der umfangreichen Spielmittelsammlung der Universität ist, die derzeit allerdings überwiegend in Kisten eingelagert ist. Wie Tausende anderer Spielsachen wurde die Walze in den Siebzigerjahren von dem JLU-Erziehungswissenschaftler Professor Hans Mieske genutzt, um kindliches Spielverhalten zu erforschen. Im Haus Stephanstraße 41 saßen damals Studenten hinter einer Spiegelscheibe und beobachteten Jungen und Mädchen beim Spielen. Könnte man daran nicht einmal in einer Themenausstellung im neu aufgestellten Oberhessischen Museum erinnern?, lautete die Einschätzung der kleinen Runde, die sich im Bieber-Saal am großen Stadt[Labor]Tisch zusammengefunden hatte. Auf jeden Fall wurden Überbringer Weiser und die Dampfwalze schon einmal fotografiert und in das zu erstellende digitale Bildarchiv des Museums aufgenommen, das Ingke Günther und Jörg Wagner, die auch diese Fotoaktion moderierten, derzeit erstellen.

Doch es gab noch weitere Anregungen. Mario Alves hatte das Buch "Tschü lowi" von Hans Günter Lerch mitgebracht, in dem erstmals das "Manische", die Sprache der jenischen Leute, lexikalisch dokumentiert ist. Diese Geheimsprache, die auch in Gießen gesprochen wurde und deren Begriffe sogar schon marketingtauglich auf Gießen-T-Shirts aufgedruckt sind, sollte sich doch auch in einem Museum zur Stadtgeschichte wiederfinden, meint Alves. "Das verbindet viele, die in Gießen aufgewachsen sind. Das Manische ist ein Muss", meint Ingke Günther. Alves erinnerte aber auch an das Sozialprojekt von Horst Eberhard Richter und seinen Studenten am Eulenkopf. Das könnte man als Anstoß nehmen, die Geschichte von Eulenkopf, Margaretenhütte oder Gummiinsel am Rande der Gießener Stadtgesellschaft im Museum aufzuarbeiten – unter anderem auch mit Workshops für Jugendliche.

Der frühere Zahnarzt Werner Schmidt hatte neben alten Straßenbahnfahrtkarten auch Brot-, Gas- und Biermarken aus Gießen und Umgebung mitgebracht, woraufhin sich ein reger Austausch über frühere Tauschhandelgepflogenheiten entspann.

Rolf Beck, einst Leiter des Leitz-Firmenarchivs in Wetzlar, präsentierte aus seiner umfangreichen Sammlung ein altes Mikroskop aus der ehemaligen Klinik zwischen Liebig- und Frankfurter Straße. Gefertigt wurde es von der Gießener Firma Möller und Emmerich, die bis 1863 unweit des heutigen Liebigmuseums optische Geräte hergestellt hatte. Auch das wäre ein Kapitel Gießener Stadtgeschichte, das zu erzählen Aufgabe des Oberhessischen Museums sein könnte.

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