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In der Nacht treffen sich Brunhold S. und eine junge Leipzigerin am Gießener Bahnhof.

Mord verjährt nicht

RTL-Reporter stellt die Falle: Als sich der Sadist Heimu in Gießen zum Mord verabredete

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Er suchte sich gezielt verzweifelte Frauen aus. Heimu bot sich als Ratgeber an - nur um seine Opfer dazu zu bringen, selbst aus dem Leben zu scheiden. Es soll ihn sexuell befriedigt haben, Menschen im Moment ihres Todes zu beobachten. Als er selbst Hand anlegen will, wird er in Gießen festgenommen.

Gießen – Die junge Frau hat ihren Job verloren und fällt in ein so tiefes Loch, dass sie keinen Weg zurück erkennen kann. In einem Selbsthilfeforum im Internet erhofft sie sich Unterstützung - wenn sie sich mit Menschen austauscht, denen es genauso geht wie ihr. Die Frau in den Zwanzigern leidet unter dem Borderline-Syndrom und unter Depressionen. Im Forum trifft sie einen Nutzer namens Heimu. Doch anstatt ihr eine helfende Hand zu reichen, zieht der damals 57 Jahre alte Mann sie immer weiter runter. Bis zu dem Punkt, an dem der Tod unausweichlich erscheint.

Bei der jungen Frau aus Leipzig ist Heimu alias Brunhold S. nicht erfolgreich gewesen. Er wird Ende April 2016 am Gießener Bahnhof festgenommen und sitzt seitdem in Haft. Das Landgericht Gießen verurteilt ihn im Januar 2017 zu sieben Jahren Haft wegen Verabredung zum Mord. Staatsanwalt Thomas Hauburger sagt in seinem Plädoyer, bei dem der Angeklagte immer wieder grinst: »Ich habe hier schon einige Mörder sitzen sehen. Aber noch niemanden, der so gefährlich ist wie Sie.« Nun steht Brunhold S. wegen drei gleich gelagerter Fälle in Limburg vor Gericht: Die Anklage lautet auf Mord, versuchten Mord und Verabredung zum Mord.

Gießen: Brunhold S. suchte in Foren nach labilen Frauen

Es muss in den 2000er Jahren gewesen sein, als Brunhold S. erstmals in einem Forum auf die Suche nach labilen Frauen geht. Die Ermittler wissen, dass der mittlerweile 61 Jahre alte Mann schon früher seine sadistischen Neigungen auslebte. 1983 war er aufgefallen, weil er Exekutionsspiele mit Prostituierten inszeniert hatte. 2013 war der verheiratete Familienvater aufgrund wiederholter Beschwerden mit einem Aufenthaltsverbot für das Frankfurter Bahnhofsviertel belegt worden.

Der übergewichtige und berufsunfähige Mittelhesse hat im Laufe der Jahre nicht nur mit der jungen Leipzigerin Kontakt. 88 Frauen soll er in einem Selbsthilfeforum, das suizidpräventive Ziele hat, angesprochen haben. Viele gehen auf seine Kontaktaufnahme nicht ein oder brechen das Gespräch schnell ab, weil er ihnen penetrant vorkommt. Doch einige Frauen schreiben mit Heimu weiter. So berichtet eine Studentin vor Gericht, der Mann habe ihre negativen Gefühle verstärkt und versichert, ein schmerzloser Suizid würde sie von all ihren Sorgen befreien. So habe er ihren Widerstand gebrochen. Sie sei kurz davor gewesen, ihrem Leben ein Ende zu setzen, als sie ihr Vorhaben buchstäblich in letzter Sekunde gestoppt habe.

Mann wollte Frau für Mord nach Gießen locken

Eine weitere Frau, die mit Brunhold S. in Kontakt steht, ist die junge Leipzigerin. Vor Gericht erzählt sie gefasst, wie sie Heimu im März 2016 kennenlernt. Zu diesem Zeitpunkt habe sie noch nicht gewusst, wer und wie alt der Angeklagte ist. Seit Anfang des Jahres sei sie in dem Forum aktiv gewesen. Auf einen ihrer Beiträge hin habe sich Heimu gemeldet und geschrieben, er verstehe sie und wolle mit ihr über alles reden. Aber ungestört in einem privaten Chat des Forums. Zwar habe sie geantwortet, es gehe ihr besser, nachdem sie sich den Frust von der Seele geschrieben habe. Der Angeklagte sei aber »schnell in die Schiene mit der Selbsttötung gekommen«. Immer wieder habe er gefragt, ob die Leipzigerin »Druck« verspüre. Dazu habe sie ihren Zustand anhand einer zehnstufige Skala einschätzen müssen: Stufe eins habe »Mir geht’s gut« bedeutet, Stufe zehn »Wo ist die nächste Brücke?«, sagt sie. Ob es nicht »verlockend« wäre, wenn es »schnell und schmerzlos geht« und »jemand anders es machen würde«, habe Heimu gefragt. Auf ihre Gegenfrage, wie er sich das denn vorstelle, habe er Tabletten oder einen Genickbruch vorgeschlagen.

Ihr Chatpartner, mit dem sie später auch übers Smartphone kommuniziert, schildert der jungen Frau ausführlich, wie er sich ihren Tod vorstellt: Er wolle sie mit dem Auto vom Bahnhof in Gießen abholen und in einen nahe gelegenen Wald zu einem vorbereiteten Galgen bringen. Dort müsse sie sich nackt ausziehen. Dann werde er ihr die Hände auf dem Rücken zusammenbinden und sie den Galgen hochführen, »falls ich es mir anders überlegt hätte«, sagt die Frau. »Er wollte entscheiden, ob ich lebe oder sterbe.« Auch Zugverbindungen nach Gießen habe er ihr geschickt. »Das war mir zu viel«, sagt die Frau, die ihre Zeugenaussage immer wieder unterbrechen muss.

Mord verjährt nicht

In unserer Reihe „Mord verjährt nicht“ blicken wir regelmäßig zurück auf Verbrechen, die in den vergangenen Jahrzehnten Gießen und Region tief erschüttert haben, so beispielsweise der brutale Mord an einer Frau 1997.

Die Leipzigerin wendet sich an die Betreiberin des Forums und vertraut sich einem Freund an. Im Internet stößt sie auf einen Fall aus Bremen. Dort hatte eine psychisch kranke Frau Anfang 2016 Suizid begangen. Als die Polizei ihre Wohnung betrat, war ein Chat mit einem Unbekannten noch offen. Diese Person hatte wohl bei der Tat über einen Messangerdienst im Internet zugeschaut. Die Staatsanwaltschaft Bremen hatte jedoch die Ermittlungen eingestellt, weil Anstiftung zum Selbstmord nicht strafbar ist.

Gießen: RTL-Reporter will Verdächtigem Falle stellen

Als die Leipzigerin die aus dem Bremer Fall veröffentlichten Chatprotokolle sieht, fallen ihr bestimmte Rechtschreibfehler und der Satzbau auf: Es ist Heimus Art zu schreiben. Daraufhin fasst sie den Plan, ihn zu überführen. Sie will andere Frauen schützen, indem sie sich von ihm umbringen lässt. Dies geht aus ihrer Aussage, aber auch aus Abschiedsbriefen, dem Testament und einem Tagebuch der Leipzigerin hervor.

Dass es nicht dazu kommt, hat sie einem ehemaligen Arbeitskollegen zu verdanken. Dem vertraut sie sich an. Am 28. April lässt sie ihren ehemaligen Kollegen wissen, dass sie nun auf dem Weg nach Gießen zu Heimu sei. Der damals 30 Jahre alte Mann hält sie am Telefon stundenlang hin und bittet zwischendurch einen RTL-Reporter, mit dem die Frau losen Kontakt hat, um Hilfe. Bei seiner Aussage vor Gericht fragt ihn Richterin Regine Enders-Kunze, warum er nicht stattdessen die Polizei eingeschaltet habe. Seine Antwort: Weil sie abgehauen und so ihre Absicht gescheitert wäre, Heimu zu überführen.

Der Reporter eines Boulevardmagazins bei RTL reist an jenem Abend sofort von Köln nach Frankfurt. Dort trifft er sich mit der Frau, führt mit ihr ein Interview und fasst den Plan, Heimu eine Falle zu stellen. Erst gegen 23 Uhr meldet er sich bei den heimischen Ermittlern, während die Leipzigerin in Friedberg von einem Kameramann in den Zug nach Gießen gesetzt wird. Warum er die Frau nicht mit zur Polizei genommen habe, fragt ihn Enders-Kunze? Weil sie dann um die Möglichkeit gebracht worden wäre, Heimu zu entlarven, sagt der Reporter. Ein Verhalten, das Fragen über die Ethik von Boulevardmedien aufwirft: Was ist wichtiger? Die Story oder Anstand und Fürsorgepflicht? Die Antwort müsste klar sein - eigentlich.

Festnahme am Bahnhof Gießen: Sieben Jahre Haft

Gegen Mitternacht kommt die Leipzigerin am Gießener Bahnhof an. Ein Polizist betont, alles sei »zeitlich ganz schön knapp« gewesen. Dennoch tut sich erst mal nichts auf dem Vorplatz. »Wir waren kurz davor abzubrechen«, sagt der Polizist, als kurz nach 1 Uhr eine SMS des 57-Jährigen auf dem Handy der Leipzigerin eingeht. Wenig später fährt der Mann vor, und die Polizei greift zu. In seinem Auto entdecken Ermittler in einer im Kofferraum versteckten Tüte Seile und Kabelbinder. Über seinen Verteidiger, den Gießener Strafverteidiger Ramazan Schmidt, bestreitet der Angeklagte die Vorwürfe. Er habe die Frau nie töten wollen. Die Seile in seinem Auto seien für »sadomasochistische Rollenspiele« gedacht gewesen.

Richterin Enders-Kunze glaubt ihm nicht: Sie verurteilt Brunhold S, im Januar 2017 zu sieben Jahren Haft wegen der Verabredung zum Mord. Zuvor hat ein psychiatrischer Gutachter ihn als sexuellen Sadisten eingestuft und ihm volle Schuldfähigkeit bescheinigt. Sein Verhalten sei »über alle Maßen perfide«, denn er habe das Vertrauen eines dringend hilfebedürftigen Menschen ausgenutzt, um sich sexuell zu erregen. Der Bundesgerichtshof hat das Urteil 2018 bestätigt. Sollte das Landgericht Limburg Brunhold S. nun wegen drei ähnlich gelagerter Fälle verurteilen, könnten aus den sieben Jahren noch viele mehr werden.

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