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1996: Das Medieninteresse ist groß am zweiten Prozess gegen Monika Böttcher, geschiedene Weimar, im Landgericht Gießen.

Mord verjährt nicht

Als Monika Weimar in Gießen freigesprochen wurde: Einer der bemerkenswertesten Kriminalfälle der Nachkriegszeit

  • Kays Al-Khanak
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Der Fall Monika Böttcher/Weimar gilt als einer der bemerkenswertesten Kriminalfälle der Nachkriegszeit. Wegen des Mordes an ihren Töchtern wird sie verurteilt, freigesprochen und wieder verurteilt.

Ein Gerichtsaal kann trotz der unbedingten Nüchternheit des Rechts ein emotionaler Ort sein - vor allem für Angeklagte, Angehörige und Zeugen. Dass aber Mitglieder einer Strafkammer nach einem Urteil sichtlich berührt sind, geschieht sehr selten. Als Monika Böttcher, geschiedene Weimar, am 24. April 1997 vor dem Landgericht Gießen in einem Wiederaufnahmeverfahren wegen des Mordes an ihren beiden Töchtern freigesprochen wird, kommen den Schöffinnen die Tränen.

Ein Prozessbeobachter sagt an jenem Tag mit Blick auf einen der bemerkenswertesten Kriminalfälle in der Justizgeschichte der Nachkriegszeit: »Vor zehn Jahren wollten sie die Frau noch steinigen. Heute jubeln sie ihr zu. So ändern sich die Zeiten.« 1988 hatte das Landgericht Fulda Monika Böttcher in einem Indizienprozess noch zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Doch der Gießener Urteilsspruch war nicht der letzte: 1999 endete der dritte Prozess vor dem Landgericht Frankfurt mit einer erneuten Verurteilung wegen Mordes.

Fall Weimar: Die Medienberichterstattung und der Einfluss auf Gericht und Öffentlichkeit

Oft ist im Zusammenhang mit dem Kriminalfall Weimar/Böttcher von einem Justizdrama die Rede: Erst das Urteil in Fulda 1988, nach dessen Verkündung die Angeklagte als »Hexe« oder »Ami-Hure« beschimpft wurde. Dann eine abgelehnte Revision, eine gescheiterte Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht, im Jahr 1997 das Wiederaufnahmeverfahren in Gießen mit dem anschließenden Freispruch, dann eine erfolgreiche Revision - und 1999 erneut Lebenslänglich in Frankfurt. Dass Böttcher drei Mal für eine Tat vor Gericht stand und zwei Mal verurteilt wurde, ist außergewöhnlich in der Justizgeschichte der Bundesrepublik.

Der Fall ist aber zuallererst eine menschliche Tragödie, an deren Ende zwei Mädchen nicht mehr leben. Die damals fünf Jahre alte Karola und die siebenjährige Melanie Weimar werden am 7. August 1986 tot in der Nähe eines Parkplatzes in Osthessen aufgefunden - nicht weit vom Wohnort der Familie in Philippsthal entfernt. Melanie wurde erstickt, Karola erwürgt. Nachdem zuerst der Vater der beiden Kinder, Reinhard Weimar, verhaftet wird, richtet sich der Fokus der Ermittler schnell auf dessen Ehefrau Monika.

Das liegt vor allem am Verhalten der Frau nach der Tat. So soll sie zum Beispiel in von ihr geschriebenen, aber anonymen Briefen ihren Ehemann beschuldigt haben, die Kinder ermordet zu haben. Außerdem fällt sie durch widersprüchliche Aussagen auf: Gegenüber der Polizei sagt sie aus, ihre Töchter seien noch am Tattag auf dem Spielplatz gewesen, während sie zum Einkaufen gefahren sei. Als die Polizei sie später verdächtig, spricht sie von der sogenannten Nachtversion: Demnach habe ihr Ehemann die Kinder getötet, und sie habe Melanie und Karola nachts tot in ihren Betten gefunden.

Als Motiv für den zweifachen Mord nehmen die Ermittler an, dass Monika Weimar ein neues Leben mit ihrem Liebhaber, einem in Deutschland stationierten amerikanischen Soldaten, beginnen wollte. Gleichzeitig hält sich damals in der Öffentlichkeit und in der Medienberichterstattung auch die These, der Ehemann habe die Tat begangen, um seine Ehefrau für die außereheliche Beziehung zu bestrafen.

Fall Weimar: Besonders ist das erfolgreiche Wiederaufnahmeverfahren

Britta Bannenberg ist Kriminologin; die Professorin lehrt und forscht an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Fragt man sie, was den Fall Weimar/Böttcher so außergewöhnlich macht, sagt sie: »Es war die damalige Medienberichterstattung und die ungewöhnlich aktive Rolle der Verteidigung in diesem Zusammenhang. Die Öffentlichkeit war gespalten bei der Frage, ob ›er oder sie‹, also Vater oder Mutter, die Kinder getötet hatte, und wurde dabei durch die Verteidigung fehlinformiert.« Zu der damaligen Zeit sei eine derart intensive Medienberichterstattung und der mögliche Einfluss auf den Strafprozess in dieser Intensität noch ungewöhnlich und sei heftig diskutiert worden.

Kurz nach dem Mord an den beiden Mädchen war die Tat den Tageszeitungen nur eine kleine Meldung wert. Später jedoch gab es eine ausufernde Berichterstattung in regionalen und überregionalen Zeitungen sowie in der Klatschpresse. Zum einen, betont Bannenberg, habe dies auch mit dem Verhalten der Verteidigung zu tun. So hat das Magazin Stern im Tausch für Exklusivrechte einen Teil der Prozesskosten der Angeklagten übernommen. Hinzu kommt: »Die Tötung von Kindern ist immer eine emotionale Angelegenheit, bei der jeder eine Meinung hat. Zur damaligen Zeit war auch die Geschlechterfrage in der gesellschaftlichen Diskussion und wirkte sich bei der Meinungsbildung Unbeteiligter aus«, sagt Bannenberg.

Besonders an dem Fall ist sicherlich das erfolgreiche Wiederaufnahmeverfahren, denn die Hürden dafür sind sehr hoch. Aus gutem Grund, wie Bannenberg betont: »Die Wiederaufnahme des Verfahrens zugunsten eines Verurteilten soll nur ausnahmsweise erfolgen, weil die Rechtskraft eines Verfahrens Rechtsfrieden schaffen soll.« Nur wenn bestimmte Gründe vorlägen, wonach ein Urteil sich als objektiv falsch darstelle, soll diese Wiederaufnahme möglich sein, sagt sie. Der häufigste Fall sei das Beschaffen neuer Tatsachen oder Beweismittel. »So war es auch im Fall Weimar«, sagt die Kriminologin, »wobei der Verteidiger mit großer Energie eben keine neuen Beweismittel vorbrachte, sondern fragwürdige Zeugen.«

Fall Weimar: Freispruch durch das Landgericht Gießen wird aufgehoben

Deswegen ist Bannenberg auch von der Schuld der Angeklagten überzeugt. »Sie war die Täterin«, sagt sie. Monika Weimar, später Böttcher, habe sich mehrfach falsch eingelassen und ihren damaligen Ehemann als Täter bezichtigt. Ihre Aussagen habe sie jeweils dem Ermittlungsverlauf angepasst. Nur durch eine sehr intensive Aktivität der Verteidigung sei es zur Wiederaufnahme des Prozesses gekommen. Das Landgericht Gießen, betont Bannenberg, habe den Wiederaufnahmeantrag zunächst als unbegründet abgelehnt, während das Oberlandesgericht Frankfurt die Entscheidung aufhob und die Wiederaufnahme anordnete. Der dann im neuen Verfahren vor dem Landgericht Gießen ergangene Freispruch erfolgte - so der Bundesgerichtshof in seiner Entscheidung vom 6. November 1998 - zu Unrecht, weil das Landgericht Gießen »überspannte Anforderungen an die zur Verurteilung erforderliche Überzeugungsbildung gestellt« hatte. Bannenberg betont: »Wer die Einzelheiten des Verfahrens nicht kannte, bildete sich allein aufgrund einseitiger Medienberichterstattung eine Meinung über die Schuld der Täterin beziehungsweise des vermeintlichen Täters. Die anschließende Verurteilung durch das Landgericht Frankfurt im Dezember 1999 sei zu Recht ergangen.

Nach 15 Jahren Haft wird Monika Böttcher im Jahr 2006 entlassen. Reinhard Weimar stirbt 2012. Bis heute weist die heute 62 Jahre alte Verurteilte jede Schuld am Tod ihrer beiden Töchter Karola und Melanie von sich.

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