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Mit Kerzen wird am 18. April auf dem Kirchenplatz der Corona-Toten gedacht.

Corona-Chronik

Als Gießen seiner 350 Corona-Toten gedachte: Die Pandemie-Chronik für April

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
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Der April war der 14. Monat der Corona-Pandemie in Gießen. Die dritte Welle erreicht ihren Höhepunkt, und es wird an die bisher 350 Opfer erinnert. Ein Blick zurück.

Donnerstag, 1. April: Der 14. Coronamonat beginnt sommerlich warm und sorgt kurz vor den Osterfeiertagen für volle Parks und Corona-Kontrollen der Ordnungspolizei. Die Ordnungshüter setzen auf Appelle und Information. Im Stadtpark Wieseckaue werden dann aber doch einige Sportanlagen gesperrt. Die kreisweite Inzidenz steigt am Gründonnerstag auf 272.

Samstag, 3. April: Das Osterfest fällt zum zweiten Mal in Folge weitgehend aus. Wieder gibt es digitale Gottesdienste - und neue Ideen. Im Gießener Osten fährt Pfarrer Johannes Loscheidt von der Wicherngemeinde das Abendmahl in Tüten mit seinem Lastenfahrrad aus.

Dienstag, 6. April: Corona macht auch vor Dorfgeschichte nicht halt: 800 Jahre alt sind Stangenrod und Allertshausen im östlichen Kreisgebiet 2020 geworden, gefeiert werden konnte bislang nicht. Langsdorf und Bettenhausen haben in diesem Jahr sogar 1250. Geburtstag, Nonnenroth wird 750. Die Feiern sollen nachgeholt werden - irgendwann.

Corona-Chronik für April: Keine Grippepatienten am Gießener Uniklinikum

Freitag, 9. April: Auf und ab in der Pandemie: Der Landkreis hebt die zweite Ausgangssperre, die erst eine Woche zuvor in Kraft getreten war, schon wieder auf, nachdem die Fallerhebung rund um die Osterfeiertage zu Verwirrung geführt hatte.

Freitag, 10. April: Die Auswertung der Frequenzmessung des Unternehmens hystreet.com im Seltersweg bestätigt, dass 2020 ein ganz bitteres Jahr für den stationären Innenstadthandel war. Um ein Drittel weniger Menschen waren im ersten Corona-Jahr in der Fußgängerzone unterwegs. Am schlimmsten wirkte sich die Schließung der Läden mitten im Weihnachtsgeschäft aus.

Da der Impfstoff AstraZeneca wegen Thromboseangst zum Ladenhüter geworden ist, gehen Landkreis und Land dazu über, Menschen aus hinteren Priosierungsgruppen eine Impfung mit dem britisch-schwedischen Vakzin anzubieten. In den ersten Apriltagen waren über 500 Termine mit Astra-Zeneca nicht wahrgenommen worden.

Dienstag, 13. April: Masken, Abstand, Handhygiene: Die Grundregeln in der Corona-Pandemie haben für andere Infektionskrankheiten einen Kollateralnutzen. Kein einzigen Grippepatient wurde im Winter 20/21 am Uniklinikum behandelt, in der Vorsaison waren es noch rund 200, teils mit schweren Verläufen.

Corona-Chronik für April: Querdenker schlagen in Lich auf

Donnerstag, 15. April: Zur Monatsmitte überschreitet der Inzidenzwert im Landkreis Gießen die Marke von 200, auch die Belegung der Krankenhäuser mit Covid-19-Fällen aus dem Kreisgebiet steigt auf fast 50. In Lollar, Pohlheim und Reiskirchen liegt die Inzidenz sogar bei über 300.

Samstag, 17. April: Nun erwischt das Virus auch die Gießener Zentrale der HEAE mit voller Wucht. 185 Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung an der Rödgener Straße sind infiziert, weitere 235, zu denen die positiv Getesteten Kontakt hatten, gehen mit in Quarantäne. Das Regierungspräsidium errichtet Leichtbauhallen, um mehr Platz zu schaffen.

Aufregung in Fernwald: Von den 55 Bürgertests, die an diesem Tag in der Steinbacher Fernwaldhalle gemacht werden, fallen 25 positiv aus. Von emotionalen Reaktionen der positiv Getesteten und ihrer Familien wird berichtet. In den Tagen danach stellt sich heraus, dass die Tests aus einer fehlerhaften Charge eines Gießener Labors stammten.

Sonntag, 18. April: Bei der Gedenkstunde für die Gießener Toten der Corona-Pandemie gibt es viele bewegende Worte. Vor allem die von Klinikumchef Prof. Werner Seeger, der vier Patientenschicksale eindrücklich schildert, werden haften bleiben.

Dienstag, 20. April: Die Covid-19-Patienten auf der Intensivstation des Uniklinikums werden immer jünger. Von einer »sehr angespannten Lage«, spricht Prof. Michael Sander. 40 Patienten sind es aktuell, die meisten zwischen 50 und 70, aber auch noch Jüngere sind darunter. »Kaum jemand hat Vorerkrankungen. Nicht alle werden es schaffen«, berichtet der Intensivmediziner und Schmerztherapeut.

Samstag, 24. April: Jetzt schießen sie wie Pilze aus dem Boden: Das neueste Center für Corona-Schnelltests eröffnet in der früheren CCC-Filiale im Seltersweg. 1500 Tests kann das DRK hier pro Tag durchführen. Da freut sich der Leerstandsmanager.

Auch schon fast Alltag: Auf Grundlage der sogenannten »Bundesnotbremse« ist um Mitternacht eine neuerliche Ausgangssperre in Kraft getreten, die mittlerweile dritte in Stadt und Landkreis Gießen. Sie gilt nun schon ab einer Inzidenz von 100.

Wir werden mit dem Virus dauerhaft leben müssen, und Covid-19 wird wie die Grippe zum Alltag gehören, sagt Virologe Prof. John Ziebuhr von der Justus-Liebig-Universität. Bei einer Immunisierung der Bevölkerung und Impfungen alle zwei bis drei Jahre werde die Krankheit aber ihren Schrecken verlieren.

Sonntag, 25. April: Diesmal sind die Querdenker in Lich aufgeschlagen. Rund um den Hessentagsbrunnen veranstalten 30 bis 40 Kritiker der Corona-Politik ein Picknick - ohne Abstand und ohne Masken. Die Aufforderung von Bürgermeister Julien Neubert, das Treffen zu beenden, wird ignoriert. Laut Neubert vergleichen einige der Demonstranten die Corona-Maßnahmen mit der Nazizeit. Nach einiger Zeit beendet die Polizei das Treiben.

Corona-Chronik für April: FC Gießen durch Oberliga-Abbruch gerettet

Mittwoch, 28. April: Die Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer ist dagegen, dass der Belegungsgrad von Intensivstationen noch länger ein Kriterium für Lockdown-Beschlüsse der Politik ist. Die besonders von der Pandemie geschädigten Branchen wie Veranstalter, Einzelhandel, Gastronomie und Hotellerie sowie Reisebüros bräuchten eine »Öffnungsperspektive«, heißt es in einer Entschluss.

Donnerstag, 29. April: Es ist ein Projekt, das unter die Haut geht: Der Gießener Berufsfotograf Rossi Mechanezidis plant eine Porträtserie mit Menschen, die Angehörige durch die Corona-Erkrankung verloren haben. GAZ-Redakteurin Christine Steines wird die Texte zu dieser Dokumentation beisteuern. Mechanezidis sucht betroffene Angehörige aus Stadt und Kreis sowie Nachbarregionen. Kontakt: 0176/20623812, E-Mail: rossi@stolenmoments.de

Am Monatsende ist die Inzidenz in der Stadt Gießen mit fast 240 immer noch sehr hoch, aber sie sinkt kontinuierlich. Gleichzeitig werden in den letzten Apriltagen vier neue Todesfälle gemeldet. Fast 350 sind es in Stadt und Kreis Gießen seit Beginn der Pandemie vor gut einem Jahr.

Freitag, 30. April: Der Leistungssport, soweit er überhaupt stattfindet, regelt seinen künftigen Betrieb, in diesem Fall zur Freude des Fußball-Regionalligisten FC Gießen. Da in den Oberligen darunter die Saison bereits nach wenigen Spieltagen abgebrochen wurde, wird es keine Aufsteiger und nur zwei Absteiger geben. Damit sichert die Corona-Pandemie den Gießenern frühzeitig eine weitere Saison in der vierthöchsten Spielklasse. Einige Nicht-Aufsteiger kündigen Klagen an.

Zu den Gewinnern der Coronakrise gehören die Hundeschulen, die sich vor neuen vierbeinigen Schülern kaum retten können. Hundetrainer und Tierheim verweisen allerdings auch auf die Risiken des Hundebooms - für Vier- und Zweibeiner . »Ein Hund begleitet einen Menschen viele Jahre, deshalb ist ein Schnellschuss keine gute Idee«, sagt der Gießener Hundeschulen-Betreiber Gunter Mattes.

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