+
Sylvia Sehrt arbeitet seit 1988 als Bäckereifachverkäuferin - natürlich auch in Krisenzeiten. 

Neue Serie

Alltagsheldin in der Corona-Krise: Sylvia Sehrt im Ausnahmezustand - Ihr Chef kämpft um Betrieb

  • schließen

Viele Gießener können sich nicht so einfach ins Homeoffice zurückziehen, sondern halten den "Laden" in der Corona-Krise am Laufen: Eine von ihnen ist Sylvia Sehrt, Verkäuferin bei Bäcker Braun.

Gießen - Hinter der Verkaufstheke fühlt sich Sylvia Sehrt pudelwohl. Seit 22 Jahren arbeitet die 49-Jährige schon für die Gießener Bäckerei Braun - im Moment in der Filiale an der Ecke Hillebrandstraße/Frankfurter Straße. Eine Ausnahmesituation wie die derzeitige Corona-Krise hat Sehrt in all den Jahren noch nicht erlebt. Niemand hat das. "Natürlich habe ich auch ein mulmiges Gefühl, aber wenn ich dann hier hinter der Theke stehe, ist es wieder ok", sagt die Verkäuferin. Mit dem Wort "systemrelevant" kann Sehrt nichts anfangen. Für sie ist selbstverständlich, dass sie ihre Kunden, darunter nicht wenige Stammkunden, auch in der Krise weiterhin bedient. "Viele Kunden bedanken sich, wünschen mir, dass ich gesund bleibe. Sie wissen es zu schätzen, dass der Laden auf ist und wir hier hinter der Theke stehen", sagt Sehrt. "Das ist ein schönes Gefühl."

Gießen: Distanz beim Einkaufen wird wichtiger

Als Verkäuferin kann sie sich nicht ins Homeoffice verziehen und zu Hause die Fensterläden zuklappen. Um ihren Job auszuführen, muss sie sich zwangsläufig auch einem Infektionsrisiko aussetzen. "Die meisten Kunden haben es mittlerweile aber kapiert. Durch die Theke haben wir einen gewissen Abstand. Das ist besser als an Supermarktkassen. Außerdem haben wir einen Spuckschutz, dahinter fühle ich mich sicher", erzählt die Verkäuferin. Die allergrößten Sorgen mache sie sich sowieso nicht um sich selbst, sondern um ihre Eltern, mit denen sie normalerweise in einem Haus wohnt. "Ich bin jetzt ausgezogen, um auf Distanz zu gehen. Zum Glück haben wir die Möglichkeit dazu", sagt Sehrt.

Sorgen macht sich die Verkäuferin auch um die Bäckerei. "Es fühlt sich seit drei Wochen an wie mitten im Sommerloch. Ich glaube nicht, dass mein Chef es ohne staatliche Hilfen schafft", sagt Sehrt.

In Gießen: Bäcker kämpft wie ein Löwe um den Betrieb

Bernd Braun kämpft derzeit wie ein Löwe. Um die Sicherheit seiner Mitarbeiter, aber um den Fortbestand der Bäckerei, die an sechs Standorten insgesamt 60 Mitarbeiter beschäftigt. "Von sechs bis sieben Mitarbeitern mussten wir uns schon trennen. Wir haben uns aber gegenseitig versprochen, dass wir uns anrufen, wenn die Krise überstanden ist", sagt der Bäckermeister. Sein Umsatz sei fast um die Hälfte eingebrochen, die Arbeit deutlich weniger geworden. Braun beliefert mehr als zehn Gießener Gastronomiebetriebe mit Backwaren. Und die hätten ihre Bestellungen storniert. Um dies ein wenig zu kompensieren, bietet die Bäckerei nun verschiedene Pakete an und liefert sie aus. "Die Solidarität der Kunden ist toll. Die Idee ist ganz gut angenommen worden", berichtet Braun. Auch auf seine Mitarbeiter wie Sylvia Sehrt ist der Chef stolz. "Alle haben den Ernst der Lage erkannt. Wir halten zusammen."

In einer neuen Serie stellen wir "Gießener Helden" vor, die in der Corona-Krise den "Laden" am Laufen halten - siehe unten auf dieser Seite. Sie kennen einen solchen Helden? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an stadtredaktion@giessener-allgemeine.de mit den Kontaktdaten ihres "Helden".

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare